Trauer um Alexander Kluge: Der Filmemacher und Autor starb am Mittwoch mit 94 Jahren in München, wie der Suhrkamp Verlag am Donnerstag unter Berufung auf die Familie mitteilte. Der promovierte Jurist galt als Vordenker des deutschen Autorenkinos, war aber auch als Schriftsteller und Medienunternehmer tätig. Als Gesellschaftsanalytiker erwarb er sich den Ruf eines prägenden Intellektuellen. Politiker würdigten den Verstorbenen als Ausnahmepersönlichkeit.
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schrieb in einer Kondolenz: "Mit Alexander Kluge verlieren wir eine der großen intellektuellen Persönlichkeiten unseres Landes. Seit mehr als 60 Jahren prägte er das Kulturleben in unvergleichlicher Weise."
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) erklärte: "Ob in Film, Literatur oder Fernsehen: Alexander Kluge hat in all diesen Medien kultur- und gesellschaftspolitische Pionierarbeit geleistet." In seinem vielfältigen Schaffen habe Kluge das Zeitgeschehen stets scharfsinnig reflektiert und kommentiert. Mit seinem erzählerischen Geschick habe er immer wieder die Neugier seines Publikums geweckt und die Menschen zum Weiterdenken animiert. Er bleibe damit unvergessen für die gesamte deutschsprachige Fernseh- und Kinokunst.
Vertreter des Neuen Deutschen Films
Kluge, der in Halberstadt zur Welt kam, wurde in den 1960er und 1970er Jahren als einer der einflussreichsten Vertreter des Neuen Deutschen Films bekannt, den er in Theorie und Praxis mitbegründet und weiterentwickelt hat. In den 1960er Jahren hatte ihn sein Weg nach einem Studium der Rechtswissenschaft, Geschichte und Kirchenmusik zuerst zur Frankfurter Schule Theodor W. Adornos geführt, von dort zum Regisseur Fritz Lang und dem Neuen Deutschen Film.
Als Autor machte sich Kluge vor allem durch Kurzgeschichten einen Namen, außerdem verfasste er wissenschaftliche und philosophische Arbeiten. Ihn beschäftigte die Frage, wie die Kritische Theorie nach dem Tod Adornos weitergeführt werden könnte. Das Ergebnis waren die Bücher "Öffentlichkeit und Erfahrung" (1972) und vor allem "Geschichte und Eigensinn" (1981). Das Werk wurde zu einem Theorieklassiker der Post-68er-Generation. Zu seinen wichtigsten filmischen Werken zählen die Spielfilme "Abschied von gestern" (1966) und "Die Artisten in der Zirkuskuppel: ratlos" (1968).
Sendefenster im Privatfernsehen
1987 gründete Alexander Kluge die Produktionsfirma dctp, mit der er sich beim Aufkommen des Privatfernsehens in Deutschland Sendefenster bei RTL und Sat.1 sicherte. Kluge wurde unter anderem mit dem Georg-Büchner-Preis, dem Adorno-Preis und dem Adolf-Grimme-Preis ausgezeichnet.
Er war seit 1982 mit der Filmproduzentin Dagmar Steurer verheiratet und lebte mit ihr in München. Das Paar bekam zwei Kinder.
Über Jahrzehnte pflegte Kluge eine Freundschaft mit dem Philosophen Jürgen Habermas, der keine zwei Wochen vor ihm starb. Der Wochenzeitung "Zeit" sagte Kluge in einem Interview nach Habermas' Tod, die Menschheit wäre gut beraten, "das Denken als Werkstatt zu begreifen. Denken ist nicht nur eine Tätigkeit des Kopfes. Es umfasst den ganzen emotionalen Haushalt des Menschen bis hin zur Haut."