Melissa Kühn begleitet in dem Konzern der Otto Group den digitalen Wandel. KI wird viele Arbeitsplätze kosten, das steht für sie fest. Aber die Technologie bietet auch viele neue Chancen, ist sie überzeugt. Im Podcast Ethik Digital spricht sie über KI, Verantwortung und die Zukunft der Arbeit.

Du bist Senior Consultant bei der Otto Group. Was genau machst du dort? 

Melissa Kühn: Ich habe Wirtschaftsingenieurwesen studiert und mich im Master auf Nachhaltigkeit spezialisiert. Über Stationen im Change Management, in der Start‑up‑Szene und beim Bitkom bin ich schließlich zur Otto Group gekommen. Dort habe ich zunächst das Thema "Digital Responsibility" aufgebaut. In den letzten zwei Jahren hat sich mein Fokus stark auf KI verschoben. Ich arbeite daran, die Transformation hin zu AI voranzutreiben – und zwar verantwortungsvoll, sowohl aus technischer als auch aus Mitarbeitenden‑Perspektive.  

"Wir stehen vor einer Richtungsentscheidung" 

KI entwickelt sich rasant. Manche Prognosen sind düster. Wie geht ihr damit in der Otto Group um? 

Diese Szenarien sind realistisch – in beide Richtungen. KI kann sich so entwickeln, dass sie für die Menschheit problematisch wird, wenn wir ihr zu viele Freiheiten geben. Gleichzeitig kann sie eine enorme Chance sein, wenn wir sie verantwortungsvoll gestalten.  Wir versuchen bewusst, diesen zweiten Weg zu gehen. Dafür ist es entscheidend, Mitarbeitende früh einzubeziehen, zu schulen und schnell in die Anwendung zu bringen. Wir stehen gerade an einem Übergang: von punktuellem KI‑Einsatz hin zu einer umfassenden Integration in alle Prozesse. Perspektivisch sprechen wir von "Agentic Operations", bei denen KI‑Agenten große Teile operativer Arbeit übernehmen.  

Ethik als Teil der Unternehmenskultur 

Wie verankert ihr Ethik konkret in der Entwicklung? 

Es braucht beides: Kultur und klare Regeln. Bei uns gibt es eine lange Tradition, Verantwortung mitzudenken. Das prägt Entscheidungen im Alltag. Gleichzeitig entwickeln wir Leitlinien, gerade auch für KI‑gestützte Programmierung, und verbessern diese kontinuierlich. Wichtig ist dabei eine Feedback‑Kultur: Wir arbeiten iterativ, passen Regeln an und lernen aus der Praxis. 

KI macht Kontrolle schwieriger. Wie geht ihr mit Verantwortung um? 

Aktuell gilt: Entwicklerinnen und Entwickler bleiben verantwortlich für den Code – auch wenn dieser von KI generiert wurde. Sie müssen ihn prüfen und bewerten. Gleichzeitig wird Fehlerkultur wichtiger. Wir können nicht mehr alles im Voraus kontrollieren. Entscheidend ist, schnell zu reagieren, Fehler zu korrigieren und daraus zu lernen, statt Schuldige zu suchen.  

Viele Unternehmen sehen Ethik als Bremse. 

Für uns ist das kein Widerspruch. Ethik ist eher ein Filter: Von zehn Ideen setzen wir vielleicht acht um und überdenken zwei nochmal. Gerade im internationalen Wettbewerb ist Vertrauen ein entscheidender Faktor. Werte und Verantwortung können ein echter Wettbewerbsvorteil sein – auch wenn sie nicht alle Unterschiede, etwa beim Preis, ausgleichen.  

Europa und digitale Souveränität 

Wie siehst du europäische Lösungen im KI‑Bereich? 

Wir brauchen eigene Technologien und müssen sie auch nutzen. Es gibt bereits europäische Modelle wie Mistral. Ein Problem ist aber die sogenannte "Convenience": US‑Anbieter bieten integrierte Komplettlösungen, während europäische Angebote noch fragmentiert sind. Unternehmen müssen sich zudem auf Szenarien vorbereiten, in denen internationale Partner nicht mehr vertrauenswürdig sind. Gleichzeitig ist der Wechsel zu europäischen Lösungen oft komplex und teuer.  Ein zweiter Aspekt von Souveränität ist die Fähigkeit, Innovation umzusetzen. Viele europäische Unternehmen sind hier noch zu langsam. Wir müssen neue Technologien schneller integrieren, um wettbewerbsfähig zu bleiben.

KI wird die Arbeitswelt verändern: Fast alle Jobs werden eine technologische Komponente haben. Gleichzeitig wird KI zunehmend operative Aufgaben übernehmen. Wir brauchen daher stärker Fähigkeiten wie strategisches Denken, Problemlösung oder Innovationskraft. Einige Bereiche – etwa soziale Berufe – sollten bewusst menschlich bleiben, auch wenn KI unterstützt.  Ein konkretes Beispiel bei uns ist dafür das interne Programm "Ninjas": Nachwuchskräfte werden in kurzen Bootcamps zu AI‑Consultants ausgebildet und arbeiten direkt an realen Projekten. Ziel ist es, Berührungsängste abzubauen und schnelle Umsetzungskompetenz zu fördern.  

Melissa Kühn über KI, digitalen Wandel und Ethik

Droht Massenarbeitslosigkeit? 

Glaubst du an große Jobverluste durch KI? 

Ja, das halte ich für realistisch. Deshalb müssen wir jetzt gegensteuern. Entscheidend ist, ein soziales Modell zu entwickeln, das diese Transformation abfedert. Ein zentraler Punkt wird die Frage sein, wie wir unser Steuersystem anpassen, wenn menschliche Arbeit weniger wird. Gleichzeitig müssen gesellschaftlich wichtige Berufe attraktiver werden.  Unternehmen sollten nicht nur Arbeitsplätze erhalten wollen, sondern darüber nachdenken, wie Arbeit neu verteilt werden kann. Es geht darum, Produktivität zu steigern und gleichzeitig neue Tätigkeitsfelder zu erschließen.

Ich blicke mit einem lachenden und einem weinenden Auge in die Zukunft. Es gibt sowohl enorme Chancen als auch das Risiko, dass Europa den Anschluss verliert. Wir haben das Wissen und die Fähigkeiten – wir müssen nur schneller Entscheidungen treffen. 

(Der Text ist eine gekürzte und gestraffte Version des ganzen Gesprächs.)

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