Islam in Deutschland
Die Stadt Köln erlaubt in einem Modellprojekt den Gebetsruf des Muezzins. Die heftige Kritik daran zeigt mal wieder, wie wenig Interesse in Deutschland am islamischen Glauben vorhanden ist – und wie leichtes Spiel Scharfmacher*innen haben, schreibt unser Redakteur Oliver Marquart in seinem Kommentar.
Die zentrale Moschee in Köln

Es war abzusehen: Die Stadt Köln ermöglicht den Muezzin-Ruf zum Freitagsgebet – und gewisse Teile der deutschen Öffentlichkeit drehen durch. Die "Bild"-Zeitung bringt angebliche Islam-Expert*innen in Stellung, die aus dem Gebetsruf direkt eine Kriegserklärung machen wollen. 

Selbsternannte Islam-Expert*innen haben leichtes Spiel

Überraschend ist das nicht. Islamfeindlichkeit und das ständige Beschwören einer latenten Bedrohung, die angeblich von Muslim*innen ausgehe, gehören in Deutschland leider schon lange zum Alltag. Selbsternannte Islam-Expert*innen haben meist leichtes Spiel: Der Großteil der deutschen Bevölkerung weiß so gut wie nichts über den Islam. Eine (oft negative) Meinung haben trotzdem die meisten. 

So erklärt es sich auch, dass aus einem Ausspruch wie "Allahu akbar", einer Lobpreisung Gottes als das Höchste, das Größte, in der sich in Wahrheit menschliche Demut im Angesicht der höheren Kraft ausdrückt, in abenteuerlicher Konstruktion plötzlich ein Kriegsruf wird. Dabei ist die Redewendung, die im übrigen auch von arabischsprachigen Christ*innen und Jüd*innen verwendet wird, abgesehen von ihrer Verwendung im islamischen Gebetsruf eine absolut gängige Alltagsfloskel – etwas vergleichbar mit "Oh mein Gott". 

Über Lärm von Religionsgemeinschaften zu diskutieren, ist legitim

Nun ist es in einer multireligiösen Gesellschaft wie der deutschen, in der sich auch viele Menschen zu keiner Religionsgemeinschaft bekennen, sicherlich legitim, darüber zu diskutieren, ob und in welcher Form Glaubensgemeinschaften ihre Überzeugung bekennen dürfen. Das Glockenläuten der Kirchen etwa stört auch viele, und tatsächlich gibt es sehr unterschiedliche Ansichten darüber, ob und in welcher Häufigkeit das noch zeitgemäß ist.

Was aber Gottseidank niemand tut: Aus dem Geläut einen angeblichen Machtanspruch abzuleiten. Und das ist der Kern des Problems: Anstatt zu versuchen, die Frage von Glaubensäußerungen, die mit Lärm verbunden sind, in ihrer Gesamtheit zu sehen, wird im Gegenteil versucht, das Christentum als vermeintlich aufgeklärt und "vernünftig" gegen einen angeblich wilden, gefährlichen Islam in Stellung zu bringen. 

Bekenntnis zum eigenen Glauben ist keine Intoleranz

Das führt zu solchen Stilblüten, wie der, dass eine der "Bild"-Expert*innen sich zu der Aussage versteigt, das islamische Glaubensbekenntnis "Es gibt keinen Gott außer Gott" sei intolerant gegenüber Andersgläubigen. Ja guten Morgen – diese angebliche Intoleranz teilt der Islam mit den beiden anderen monotheistischen Religionen, Judentum und Christentum. Dass ein Bekenntnis zum eigenen Glauben im übrigen keineswegs automatisch eine Geringschätzung anderer Glaubensrichtungen beinhaltet, sollte gerade in einer sich für aufgeklärt und vernünftig haltenden, pluralistischen Gesellschaft klar sein. 

Insofern wäre es wünschenswert, wenn die Debatte nüchterner, sachlicher und mehr auf Basis von Fakten anstatt von Gerüchten geführt würde. Dass das in naher Zukunft geschieht, ist jedoch leider kaum zu erwarten: Wir Journalist*innen werden weiter gerne lauten Stimmen mit furchteinflößenden Botschaften mehr Raum einräumen als den differenzierten, sachkundigen Zwischentönen. Und die breite Öffentlichkeit wird weiter lieber auf ihr Bauchgefühl als auf Fakten oder Erfahrungen vertrauen. 

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