Afghanistan unter Taliban-Herrschaft
Afghanistan steht nach Einschätzung einer Expertin vor einer dramatischen Hungerkrise. Die Menschen hätten keine Rücklagen mehr. Außerdem nennt sie Gründe, warum der Westen den Vormarsch der Taliban falsch eingeschätzt hat.
Eine Hand greift in ein Reisgericht
Kabuli Reis, ein klassisch afghanisches Gericht.

Afghanistan könnte nach Einschätzung der bisherigen Leiterin des Kabuler Büros der Konrad-Adenauer-Stiftung, Ellinor Zeino, die dramatischste Hungerkrise seit langem erleben. "Die Menschen haben keine Rücklagen mehr", sagte sie in Taschkent im Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd). Durch die wirtschaftlichen Auswirkungen der Corona-Pandemie habe die Armut im Land bereits vor einem Jahr deutlich zugenommen. Viele Familien seien von ihren Einkommensquellen abgeschnitten worden.

Expertin: Afghanischer Staatshaushalt bestand aus ausländischen Geldern

Zum Abzug der internationalen Gemeinschaft und des Nato-Militärbündnisses sei noch der Wirtschaftsabschwung gekommen. Schon in den Monaten vor dem Truppenabzug sei nicht mehr in das Land am Hindukusch investiert worden. Zeino erläuterte, dass in den vergangenen 20 Jahren ein "Hilfswirtschaftssystem" aufgebaut worden sei, das sich nicht selbst tragen konnte. Der afghanische Staatshaushalt habe aus ausländischen Geldern bestanden, lokale Dienstleister seien international bezahlt worden. Mit der Machtübernahme der Taliban blieben diese Finanzmittel aus.

Die Taliban haben Afghanistan nach dem Abzug internationaler Truppen im August innerhalb kürzester Zeit wieder zurückerobert. Die westlichen Staaten räumten ein, die Lage völlig falsch eingeschätzt zu haben. So teilten der Westen und das afghanische Establishment die Ansicht, dass bis zum Vormarsch der Taliban noch mehr Zeit sei. Die Regionalstaaten hatten Zeino zufolge teils realistischere Einschätzungen.

Fehleinschätzung des Westens: Expertin nennt Gründe

Den Hauptgrund für die Fehleinschätzung des Westens sieht Zeino darin, dass die Vertretungen und Organisationen in Kabul in "voneinander abgeschotteten Lebens- und Kommunikationsblasen" existiert haben:

"In den mit hohen Mauern abgesicherten Gebäuden und Grundstücken wusste man nicht, was ein paar Meter weiter gedacht wird."

Zeino, die inzwischen in Usbekistan ein neues Regionalprogramm Südwestasien der Stiftung leitet, hat die eigenen afghanischen Ortskräfte und ihre Kernfamilien aus dem Land evakuieren und nach Deutschland bringen können. Sie unterstütze derzeit noch die Evakuierung der Ortskräfte von Partnerorganisationen. "Das Thema ist noch nicht erledigt", betonte sie.

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