Machtübernahme durch die Taliban
Die Verzweiflung der Menschen in Afghanistan ist groß. Nach der Machtübernahme der Taliban sind sehr viele in Lebensgefahr. Ein junger Afghane aus Straubing steckt in Kabul fest – und berichtet in einem betroffen machenden Augenzeugenbericht, was er erlebt.
Vom Krieg zerstörte Gebäude in Kabul
Vom Krieg zerstörte Gebäude in Kabul.

Die Ereignisse in Afghanistan erschüttern viele Menschen in Deutschland. Durch die Machtübernahme der Taliban sind sehr viele Menschen bedroht - ihre Freiheit, ihre Gesundheit und ihr Leben sind in Gefahr. Einer von ihnen ist Israfeel Kohistani (Name geändert, Anm. d. Red.), 22, der eigentlich in Straubing lebte, 2019 aber mehr oder weniger freiwillig nach Afghanistan zurückkehrte. Der Grund war, dass sein Asylantrag in Deutschland vor der Ablehnung stand. 

Ein Skandal, wie der ehemalige Kirchenasyl-Koordinator Stephan Theo Reichel – heute Vorsitzender von "matteo – Kirche und Asyl e.V." – sagt. "Wie so viele Afghanen in Deutschland ist er ein Opfer von falschen Asylentscheidungen des Bamf (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge), das die Gefahr durch die Taliban herunterspielte und von sicheren Fluchtalternativen innerhalb von Afghanistan ausging", sagt Reichel. Wider besseres Wissen sei er in Lebensgefahr gebracht geworden. 

Afghane berichtet aus Kabul

Israfeel Kohistani steckt jetzt in der afghanischen Hauptstadt Kabul fest. Er hätte demnächst, am Mittwoch, den 18. August, sein Visum für Deutschland abholen können. Da die deutsche Botschaft in Kabul schon länger geschlossen hat, liegt es in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad für ihn bereit. Doch aufgrund der dramatischen Situation kann er nicht dorthin reisen. Gegenüber sonntagsblatt.de berichtet er, was er erlebt:

Bericht eines jungen Afghanen aus Straubing, der in Kabul festsitzt

Im Juni 2019 traf ich die Entscheidung, freiwillig nach Afghanistan zu fliegen, denn ich hatte keine Chance auf eine Anerkennung in Deutschland.
Dafür dürfte ich aber mit einem Arbeitsvisum zurückkehren, um mit meiner Ausbildung in Bayern anzufangen.

Vor fast einem Monat bekam ich eine Email von der deutschen Botschaft in Islamabad. Da stand der Tag des Termins: 18. August 2021. Ich befand mich im Iran. Vom Iran aus fuhr ich los nach Afghanistan. Trotz  riesiger Hindernisse schaffte ich es mit viel Schmiergeld, mir einen elektronischen Ausweis zu holen.

Ich erhielt schon letztes Jahr einen Reisepass, aber mein Name darauf war falsch geschrieben. Damit die Daten, die auf dem Pass stehen, denen gleichen, die auf den Unterlagen aus Deutschland sind, bezahlte ich jemandem 500 Dollar. Ich wurde dann endlich identifiziert und sollte in drei Tagen den Pass erhalten. Leider ist das alles nicht gelaufen, wie es der Typ mir versprochen hatte.

"Ich weiß nicht, was mit mir passieren wird."

Das heißt, ich verpasse meinen Termin fürs Visum nach Deutschland und habe keinen Pass in der Hand, außer dem elektronischen Ausweis. Die Grenze zwischen Pakistan und Afghanistan war bis vorgestern Abend zu und man konnte nicht rüber fahren. Nicht einmal fliegen konnte man!

Momentan lebe ich bei einem Onkel von meinem Vater in der Nähe des Flughafens Kabul. Gestern Abend ging ich zum Flughafen und wollte mit meinen Unterlagen reingehen, aber das war unmöglich, denn die Taliban standen mit ihren Waffen und Peitschen dort. Schätzungsweise befanden sich eine Million Menschen dort und alle wollten ausfliegen!

Mir sagte ein Taliban: Verlass' diesen Ort, denn es wird einen großen Krieg mit den Amerikanern geben! Es war eine Katastrophe, es wurden etwa fünf Personen mit Kalaschnikows erschossen. 

Jetzt bin ich wieder zuhause bei dem Onkel, und aus jeder Richtung hört man Schießereien. Ich weiß nicht, was mit mir passieren wird, denn ich kann auf keinen Fall wieder illegal in den Iran reisen. 

Weitere Artikel zum Thema:

Taliban

Menschen auf einem Markt in Kabul
Viele Menschen in Afghanistan sind nach der erneuten Machtübernahme der Taliban verzweifelt. Stephan Theo Reichel, Vorsitzender von "matteo – Kirche und Asyl e.V." berichtet im Gespräch mit sonntagsblatt.de von Hilferufen, die ihn sowohl aus Deutschland als auch auch Afghanistan erreichen - und stellt klare Forderungen an die Politik.

Afghanistan

Oliver Marquart Fr, 13.08.2021 - 18:00
Afghanistan
Stephan Schmid ist Militär-Pfarrer, bis Juni war er bei Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan. Im Gespräch mit sonntagsblatt.de erklärt er, warum ihn der Vormarsch der Taliban nicht überrascht – und was er für die Zukunft des zentralasiatischen Landes erwartet.

Flucht & Asyl

Rolltreppe zur Kapelle und Flughafenseelsorge.
Von München nach Kabul: Heute am 11. September soll es wieder einen Abschiebeflug nach Afghanistan geben. Wie der Bayerische Flüchtlingsrat mitteilte, seien unter den abgelehnten Asylbewerbern der Sammelabschiebung nach Kabul auch kranke und schutzbedürftige Menschen. Voraussichtlich starte der Flieger der britischen TITAN Airline um 22 Uhr vom Münchner Flughafen.

„Sonntags“ – Der kompakte Überblick

Starten Sie mit unserem Newsletter in die Woche.

 
Mit Ihrer Registrierung nehmen Sie die Datenschutzbestimmungen zur Kenntnis.*