9.11.2019
Entwicklungshilfe

Medizinische Hilfe in Togo: Nürnberger Ärzte helfen in der Stadt Bassar

Der westafrikanische Staat Togo zählt zu den ärmsten Ländern der Welt. Ärzte aus Nürnberg, der Nürnberger Verein Fi Bassar (Rette Bassar) halten eine Partnerschaft zu einem Krankenhaus in der Stadt Bassar - und helfen dort bei der Einrichtung von Hygiene-Standards.
Nürnberg Togo Krankenhaus Partnerschaft
Der Nürnberger Facharzt für Anästhesie und Projektleiter der Klinikpartnerschaft, Franz Köhler, erklärt der Delegation aus der Stadt Bassar in Togo Abläufe der medizinischen Überwachung.

Dass der Anästhesist Franz Köhler vom Klinikum Nürnberg in ein paar Wochen ein Gäste- und Besucherhaus einweiht, wäre eigentlich kaum der Rede wert. Wenn nicht das Gäste- und Besucherhaus im kleinen Städtchen Bassar im Norden des westafrikanischen Staates Togo stehen würde. Der Staat zählt zu den ärmsten Ländern der Welt und rangiert auf dem Entwicklungsindex der Vereinten Nationen auf Rang 165 von 189 Ländern.

Das Gebäude ist "Teil des Hygienekonzepts", berichtet Köhler, der sich als Projektleiter für die Klinikpartnerschaft zwischen dem Klinikum Nürnberg, dem Nürnberger Verein Fi Bassar (Rette Bassar) e.V. und dem Krankenhaus in Bassar engagiert.

Pflegepersonal in dem westafrikanischen 70-Betten-Haus gibt es praktisch nicht, Angehörige müssen sich nach einer Behandlung selbst um die Patienten kümmern. Aus hygienischer Sicht ein großes Risiko, etwa bei offenen Wunden.

Immerhin werden im Krankenhaus Bassar pro Jahr etwa 20.000 Menschen behandelt, 2.700 davon stationär. Wenn Köhler Ende November mit einem siebenköpfigen Team in die Partnerklinik reist, werden dort auch ein neuer Sterilisator, eine Instrumentenwaschanlage und andere Gerätschaften in Betrieb genommen. Sie sind derzeit bereits zusammen mit weiteren Spenden per Schiff nach Togo unterwegs.

Das Nürnberger Team wird Kollegen am fachgerechten Einsatz der Geräte "schulen und trainieren". Auf der Agenda stehen aber auch Themen wie Pharmazie, Sonographie und Anästhesie. Es werden vor Ort aber auch chirurgische Eingriffe bei Patienten vorgenommen, die teils tagelang zum Krankenhaus angereist sind und sich keine Behandlung leisten können.

Die "unmittelbare Wirksamkeit der Medizin" beeindruckt den Nürnberger Arzt, der dort auf Krankheitsbilder stößt, wie es sie "hier vor 200 Jahren gab" und die er nur aus dem Erfolgsroman Medicus kenne. Das betreffe Verletzungen jeglicher Art, schwere Leistenbrüche oder Verwachsungen. Gleichzeitig wäre kaum Gejammer und Geschrei zu vernehmen, wie er es teils aus Deutschland kenne.

In dieser Woche hat sich das Nürnberger Team mit einer Delegation aus Bassar abgestimmt, außerdem sollen auf der regionalen Konferenz Agenda 2030 die Weichen für weitere Projekte gestellt werden. Köhler nennt das Projekt "Ein Dollar Brille" des gleichnamigen Vereins aus Erlangen, der Kinder und Jugendliche in Bassar besseres Sehen ermöglichen soll.

Nürnberger Verein Fi Bassar : Die Delegation aus Togo ist zum ersten Mal in ihrem Partner-Klinikum Nürnberg.

Beim ersten Rundgang machten sie sich ein Bild von der Intensivstation und oder dem Aufwachraum, den Versorgungs- oder Verwaltungsprozessen. Sie fotografierten Krankenzimmer oder Toiletten mit dem Smartphone.

Delegationsleiterin Napo Adja, stellvertretende Bürgermeisterin von Bassar und selbst Krankenschwester berichtete, dass an ihrer Klinik erst mit Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) Toiletten gebaut werden konnten. Zuvor war die Wasserversorgung in dem Krankenhaus von einer Kanisterversorgung auf "Wasserleitungen in Trinkwasserqualität" umgestellt worden.  Durch "die viele Unterstützung hat sich die Klinik deutlich verbessert", sagt Adja.

Dazu hat auch die Nürnberger Krankenschwester Rali Guemedji beigetragen. Sie wurde in Togo geboren und hat bei einem Heimatbesuch das medizinische und hygienische Elend wiederentdeckt. Sie gründete kurzentschlossen 2012 den Verein Fi Bassar, der sich auf "allgemeine Bildung als A und O und auf medizinische Bildung" konzentriert. "Mit kleinen Schritten", wie sie sagt, hat sie den Bau von Schulen und Brunnen mitfinanziert und wirbt für eine langfristige Zusammenarbeit, um auch "Vertrauen zu schaffen".

Immerhin gibt es seit 2013 einen ersten Austausch zwischen den Mitarbeitern von Klinikum Nürnberg und dem Hospital de Bassar.

Für eine Geburt müssen Schwangere dort aber beispielsweise Handschuhe für die Hebammen selbst kaufen und mitbringen. Über Guemedjis Verein wurden "Lebenspakete" mit Handschuhen, Nabelschnurklemme und Desinfektionsmittel an werdende Mütter im Krankenhaus verteilt.

Außerdem werden die Kosten der Geburtsurkunde für die Neugeborenen übernommen. Auch bei Geburten und vor allem bei Kaiserschnitten führen schlechte hygienische Bedingungen oft zu schweren Infektionen. Zumal für eine Vorab-Diagnostik die Gerätschaften fehlen.

Die GIZ-Initiative "Klinikpartnerschaften - Partner stärken Gesundheit" wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) finanziert. Das 2017 gestartete Klinikpartnerschaften-Programm zählt nach angaben des GIZ-Programmleiters Anselm Schneider aktuell 183 Projekte in 51 Länder rund um die Welt. Ziel sei, allein in Afrika 500 Klinikpartnerschaften ins Leben zu rufen.

Die frühere Idee einer "Entwicklungshilfe, damit die Länder aufholen", ist für Schneider längst überholt. Heute gehe es um "nachhaltige Entwicklung", die weit über die klassische Solidarität hinausgehe. Schneider beschreibt das mit dem Bild "Wir sitzen alle in einem Boot": "Infektionskrankheiten von dort landen irgendwann bei uns".

Das funktioniert über die vielfältigen Handelswege von Nahrungsmitteln und Rohstoffen, über Urlaubs- und Reiseverbindungen, bis hin zu Insekten wie die Tigermücke, die im Schatten des Klimawandels etwa das Denguefieber in Deutschland verbreiten. Die Klinikpartnerschaft senke die Infektionsrate und reduziert folglich auch die Sterblichkeitsrate nach Operationen. Fördergelder, Spenden und medizinische Geräte sind für Schneider aber nur ein Teil. Es brauche den fachlichen und persönlichen Austausch zwischen den Menschen, "je länger, umso besser".

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Dr. Günter Kittel
Der Autor der folgenden Schilderungen ist Unfallchirurg und stammt aus Österreich. Viele Jahre lang arbeitete Günter Kittel als medizinischer Direktor auf den Salomon-Inseln im Südpazifik und danach für die bayerische evangelische Einrichtung Mission EineWelt in Papua-Neuguinea. Seither ist er als Chirurg für das Rote Kreuz in verschiedenen Konfliktgebieten der Welt unterwegs.

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Genesungsbegleiter - das ist ein relativ neuer Beruf für Menschen, die selbst eine psychische Krankheit bewältigt haben und somit zu Experten darin geworden sind, wie es Patienten geht. Nach einjähriger Schulung können sie zum Beispiel sehr gut im sozialpsychiatrischen Dienst hilfreich vermitteln.