30.09.2019
Protest für faire Asylpolitik

Pfarrerin Elsel über die 100. "Mahnwache Asyl" in Bamberg

Sie gilt als bundesweit größte kontinuierliche Protestveranstaltung für eine faire Asylpolitik: Am 30. September findet in Bamberg die 100. "Mahnwache Asyl" statt. Jede Woche kommen mehr als 100 Menschen um 18 Uhr am "Gabelmann" zusammen, um ihre Solidarität mit Geflüchteten zu bekunden. Pfarrerin Mirjam Elsel leitet die Koordinierungsstelle für die Flüchtlingsbegleitung im evangelischen Dekanatsbezirk Bamberg und organisiert seit Februar 2017 das Mahnwachenteam.
Pfarrerin Elsel Bamberg Mahnwache Asyl 2019
Mirjam Elsel, Pfarrerin in Hirschaid-Buttenheim, Koordinatorin für die Arbeit mit Flüchtlingen im Dekanatsbezirk Bamberg und Organisatorin der Bamberger "Mahnwache Asyl"

100 Mahnwachen in rund zweieinhalb Jahren - eine solche Ausdauer ist bei ähnlichen Initiativen selten. Was bringt so viele Menschen Woche für Woche bei jedem Wetter unter freiem Himmel zusammen?

Elsel: Wir sind selber überrascht, wie viele Menschen regelmäßig zu den Mahnwachen kommen. Viele Teilnehmer sind selbst in der Arbeit mit und für Geflüchtete aktiv. Für andere ist es ihr politisches Selbstverständnis, für eine offene Gesellschaft einzutreten. Für die Geflüchteten ist es ein Ort, an dem sie eine Stimme haben und wahrgenommen werden. Darüber hinaus sind die Mahnwachen ein Ort der Vernetzung.

Wer sich in der Flüchtlingsarbeit engagiert, hat mit vielen Niederlagen und Schwierigkeiten zu kämpfen. Viele erzählen mir, dass ihnen die Mahnwache für ihr eigenes Engagement Kraft gibt.

Auslöser für die ersten Mahnwachen waren damals die Abschiebeflüge nach Afghanistan, als auch aus Bamberg gut integrierte junge Männer in das hochgefährliche Afghanistan abgeschoben wurden. Das Themenspektrum umfasst mittlerweile alle Bereiche, angefangen von der Frage der Seenotrettung bis hin zum Umgang mit Kirchenasyl. Und: Klimawandel ist eine der wichtigsten Fluchtursachen weltweit.

Kurz nach dem Beginn der Mahnwachen wurde Bamberg Standort der Aufnahmeeinrichtung Oberfranken, dem heutigen Anker-Zentrum. Wie hat sich die Mahnwache seitdem verändert, was ist geblieben?

Elsel: Die größte Stärke der Mahnwache sehe ich darin, dass sie Öffentlichkeit herstellt. Anker-Einrichtungen sind Orte, an denen vieles passieren kann, ohne dass es jemand mitbekommt. Massenunterkünfte verhindern Integration, sie machen Menschen systematisch krank, gefährden das Wohl von Kindern, sind kostenintensiv, schaffen Konfliktpotentiale und fördern Fremdenfeindlichkeit in der Bevölkerung. Bei der Mahnwache thematisieren wir problematische Abschiebungen, unrechtmäßige Kürzungen von Sozialleistungen, Security- und Polizeigewalt, vor allem kommen die Menschen aus dem "Camp", wie sie es selber nennen, zu Wort.

Die runde Zahl ist ja eigentlich kein Anlass zum Feiern. Was sind Ihre Hoffnungen und Wünsche für die Zukunft, und welche Rolle können die Kirchen dabei übernehmen?

Elsel: Mir wäre lieber, es bräuchte die Mahnwache Asyl nicht. Leider hat sich die Situation für Asylsuchende in den letzten Jahren verschlechtert. Wir erleben eine Verschiebung des Rechtsstaates. Für Asylsuchende wird es immer schwerer, ihre Rechte wahrnehmen zu können.

Immer wieder erleben wir, dass Menschen in Situationen gebracht werden, in denen ihr Leben oder ihre Würde in Gefahr sind. Da sind wir Kirchen gefragt, für diese Menschen unsere Stimme zu erheben und im äußersten Fall auch Kirchenasyl zu gewähren.

Es geht um Menschen, nicht um Abschiebequoten. Die Botschaft Jesu betont den Schutz von Fremden - und sogar, wie im Gleichnis des barmherzigen Samariters, auch durch Fremde. Menschen, die mit Geflüchteten arbeiten, erleben die Begegnung als Bereicherung. Dabei müssen wir darauf achten, Menschen in Not nicht gegeneinander auszuspielen.

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