5.03.2020
Sexuelle Identität

Transsexuelle Jugendliche: Jonah hieß früher Johanna - dann veränderte sich sein Leben

Sie fühlen sich nicht dem Geschlecht zugehörig, das ihnen aufgrund körperlicher Merkmale zugeschrieben wird: Transgeschlechtliche Jugendliche suchen zunehmend Beratung und Hilfe. Denn ein Leben im Körper, der nicht passt, verursacht psychisches Leid.
Jugendlicher beim Fußballspiel
Jonah hieß früher Johanna. Beim Fußball war Jo schon immer schnell. Dass das biologische Geschlecht nicht das erlebte ist, betrifft zwischen 0,5 und zwei Prozent der Bevölkerung.

Von Jonahs Fußballschuhen krümelt Kunstrasen, über die kurz rasierten Haare läuft Schweiß: "Ich war heute Schnellster", berichtet der 13-Jährige seiner Mutter. Er strahlt, sie strahlt – vor einem Jahr war das undenkbar. "Mein Kind stellte sich den Tod vor", sagt Emily, die anonym bleiben will, "weil noch nicht alle in der Familie ihre Haltung dazu sortiert haben." Mit "dazu" meint die Bochumerin die Tatsache, dass sich ihr Kind dem Geschlecht nicht länger zugehörig fühlte, das ihm aufgrund seiner körperlichen Merkmale zugeschrieben wurde.

Johanna war ein kleines Mädchen, das den ganzen Tag mit gleichaltrigen Jungen Fußball spielte und das alle "Jo" nannten. Sie war eher still, aber immer gut gelaunt. "Für mich war alles in Ordnung, aber dann ging unsere Welt unter", sagt Mutter Emily. Denn "mein Sonnenschein" lachte nicht mehr, aß kaum, kein Fußball, keine Treffen mit Freunden. "Das war mehr als der Anfang der Pubertät", sagt Emily. "Da war Selbsthass, und irgendwann sah ich Schnitte an ihren Armen." Aber Jo sprach nicht, jedenfalls nicht mit ihren Eltern. Erst einmal nicht. "Ich war selber zu durcheinander", sagt Jonah.

Diskriminierung und Unverständnis

Dass das biologische Geschlecht nicht das erlebte ist, betrifft Schätzungen zufolge zwischen 0,5 und zwei Prozent der Bevölkerung. Genaue Zahlen gibt es nicht, auch weil Transidentität bis heute Diskriminierung und Unverständnis nach sich zieht.

Auch in der Medizin ändern sich gerade erst die Sichtweisen: "Transgender zu sein ist keine Störung", sagt Georg Romer, Direktor der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Münster, wo es seit sechs Jahren eine Sprechstunde für Betroffene und ihre Familien gibt. "Manche Menschen sind eben so. Dies verändern zu wollen wäre unethisch."

"In der Pubertät hat Abwarten irreparable Folgen"

Eine Sicht, die Jugendliche vor vielem schützen kann. "In der Pubertät hat Abwarten irreparable Folgen", sagt Romer: "Die als falsch empfundene Vermännlichung oder Verweiblichung des Körpers ist oft mit unsäglichem lebenslangem psychischen Leid verbunden." Bei einer Behandlung mit Pubertätsblockern, Hormonen, die das Einsetzen der Pubertät anhalten, und später mit geschlechtsangleichenden Hormonen unterscheide sich ihr späteres Risiko für eine psychische Erkrankung nicht von dem des Durchschnitts.

Das zeigen auch die Erfahrungen von Verbänden wie Trans-Kinder-Netz, einem Verein von Eltern und Familienangehörigen minderjähriger Kinder, deren zugeschriebenes Geschlecht nicht ihr erlebtes ist. Für die Sprecherin des Vereins, Karoline Haufe, ist daher klar: Das Vorgehen ist richtig, wenn Jugendliche sorgfältig aufgeklärt und an allen Entscheidungen maßgeblich beteiligt sind.

Es beginnt ein Umdenken

Vor der Pubertät lasse sich Transidentität nicht vorhersagen, sagt Romer. Er beobachtet eine wachsende Toleranz, Kinder Geschlechterrollen ausprobieren zu lassen. Schulen und Kitas arbeiteten dabei "zunehmend vorbildlich", findet er. "Es beginnt ein Umdenken", sieht auch Bodo Busch von der DGB-Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Leuchtturmprojekte wie "Schule der Vielfalt" in Nordrhein-Westfalen brächten Sensibilität in die Einrichtungen. Fortbildungen seien schnell ausgebucht. Nur: Es gibt sie nicht überall. "Obwohl Diskriminierung ein Problem bleibt", sagt Busch.

Beratung im Umgang mit transgeschlechtlichen Kindern

Für Betroffene sei es wie ein Schlag ins Gesicht, wenn sie mit dem falschen Vornamen angesprochen würden, erzählt Karoline Haufe vom Verein Trans-Kinder-Netz, die Betroffene und Familien, aber auch Bildungseinrichtungen berät. Einen Rechtsanspruch, mit dem selbst gewählten Vornamen angesprochen zu werden, gebe es vor einer amtlich bewilligten Vornamens- und Personenstandsänderung nicht. Doch auch sie sieht Veränderung: Mehr Menschen suchten Beratung im Umgang mit transgeschlechtlichen Kindern, und die Familien gingen offener mit ihren Fragen um.

Jonah hat im vergangenen Jahr die Schule gewechselt. In der neuen Schule war er von Anfang an Jonah. Im Fußballverein ist er geblieben – als Jonah, den weiter alle Jo rufen und von dem sie wissen, dass er schnell ist.

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