Der demografische Wandel zwingt zum Blick auf die ältere Generation – zumindest, wenn man die Zahlen betrachtet: Zwischen 1991 und 2024 stieg der Anteil der Menschen über 65 von 15 auf 19 Prozent. Viele, die in den Ruhestand treten, verbinden damit nicht nur Freiheit, sondern auch die Sorge, ihre Rolle im sozialen Gefüge zu verlieren. Die entscheidende Frage lautet also: Wie gelingt es, dass Alter nicht zur Isolation wird, sondern gelebte Gemeinschaft bleibt?
Die unsichtbare Lebenswirklichkeit älterer Menschen
Die Lebenswirklichkeit älterer Menschen ist erstaunlich unsichtbar. Abseits von Altersvorsorge und Rentenpolitik geraten ihr Alltag und ihre Bedürfnisse schnell aus dem Blick. Auch jenseits klassischer Ehrenämter – der Essensausgabe bei der Tafel oder dem Kirchencafé – gibt es kaum Anknüpfungspunkte.
"Viele ältere Menschen, besonders jene, die nicht in Altenheimen leben oder nur wenig in Kirchengemeinden eingebunden sind, geraten beinah schlicht in Vergessenheit", sagt Michael Thoma, Beauftragter für die Altenheimseelsorge der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern (ELKB), in einem Gespräch mit dem Sonntagsblatt.
Wer in der Gesellschaft kaum wahrgenommen wird, läuft damit Gefahr, einsam zu werden.
Einsamkeit im Alter: Zahlen und Folgen
Laut dem Einsamkeitsbarometer 2024 des Bundesministeriums für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) hat sich die Einsamkeit älterer Menschen seit der Corona-Pandemie weitgehend auf gleich hohem Niveau gehalten. Bei Jüngeren dagegen stieg es während der Krise stark an und ebbt nur langsam ab. Einsamkeit ist damit längst kein Randthema mehr – aber die Aufmerksamkeit liegt vor allem auf Kinder und Jugendliche. Gruppen wie Menschen mit Demenz geraten noch leichter aus dem Blick.
Demenzielle Veränderungen führen bei vielen Betroffenen oft zu Einsamkeit, weil ihre kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt sind: Sie können nicht mehr wie gewohnt kommunizieren oder leben zunehmend in ihrer eigenen Welt.
Demenz und die Herausforderung menschlicher Nähe
Für Angehörige stellt dies häufig eine große Herausforderung dar, neue Wege der Nähe zu finden.
"Ich kann mein Gegenüber nicht aus seiner Welt reißen, sondern muss mich in sie hineinbegeben", sagt Thoma.
Konkret bedeutet das: "Wenn jemand auf und ab geht, gehe ich eben mit. Und wenn jemand etwas erzählt, reagiere ich auf Gefühlsebene. So bleibt Kontakt möglich – auch physisch."
Das sei nicht leicht – weder für den Partner, die Schwester oder für das Pflegepersonal. Es bedeute, Situationen auszuhalten und dennoch präsent zu bleiben, durch Blickkontakt, durch Mitgehen in der Welt des Anderen.
Warum Einsamkeit ältere Menschen trifft – auch ohne Demenz
Doch Einsamkeit ist nicht nur eine Frage körperlicher oder kognitiver Einschränkungen. Selbst Menschen ohne Demenz können isoliert werden, wenn Beziehungen abbrechen oder Nähe verloren geht – auch zu Tieren. In vielen Heimen dürfen geliebte Haustiere nicht mit einziehen. "Dabei wäre es für Betroffene leichter, wenn sie vertraute Wesen um sich hätten – den Ehepartner oder die geliebte Katze", sagt Thoma.
Zugleich warnt Thoma vor vorschnellen Zuschreibungen von Einsamkeit – besonders dort, wo man das Gegenüber kaum kennt. "Hinweise geben Veränderungen im Verhalten: wenn jemand, der früher gerne gelesen hat oder spazieren gegangen ist, sich zurückzieht oder wenn die Wohnung plötzlich vernachlässigt wirkt". Ob jemand Nähe braucht oder das Alleinsein genießt, ließe sich nur im Austausch mit Vertrauten erkennen.
Kirche und Diakonie als Brücke gegen Einsamkeit
Gerade hier scheint die Bedeutung von Kirche und Diakonie zu liegen: durch Besuchsdienste, durch Seelsorge, durch ambulante Pflege, die nicht nur den Körper, sondern auch die Seele im Blick hat. Entscheidend ist die Frage, "wie Informationen vom Pflegedienst an den Helferkreis der Kirchengemeinde weitergegeben werden, der die Besuche fortführt", sagt Thoma. In manchen Dekanaten werde bereits über eine "diakonische Kirchengemeinde" nachgedacht.
Und zugleich sind es nicht nur die älteren Menschen selbst, die Unterstützung brauchen, sondern auch jene, die ihnen am nächsten stehen: die Angehörigen. Viele schämen sich, zuzugeben, dass sie Hilfe brauchen oder eine Pause.
"Gerade wer zu Hause pflegt, hat es schwer, eine Auszeit zu nehmen oder Kurzzeitpflege in Anspruch zu nehmen", sagt Thoma.
Auch hier kann die Kirche ermutigen: Es ist keine Schande, Hilfe zu suchen.
Hilfe für Angehörige: Auszeiten und Teilhabe ermöglichen
Konkret heißt das, Räume für Angehörige zu schaffen, in denen sie ihre Scheu ablegen und durchatmen können – etwa Nachmittagscafés, wo sie sich mit anderen Menschen treffen und austauschen können, während Partner oder Eltern liebevoll betreut werden. Wer einen dementen Menschen begleitet, muss deshalb nicht aus dem gesellschaftlichen Leben ausscheiden. Spaziergänge, Gottesdienste, Theaterbesuche oder ein Fußballspiel bleiben möglich – oft sogar gemeinsam mit der erkrankten Person, sofern die notwendige Unterstützung vorhanden ist.
Normalität bewahren: Alltag und gesellschaftliche Teilhabe
Am besten sei es, "zu versuchen, so viel Normalität wie möglich im Leben zu bewahren", betont Thoma.
Praktisch unterstützt werden Angehörige beispielsweise durch die App "Demenzguide", herausgegeben von der Evangelischen Kirche, erhältlich im Google Play Store und im Apple Store, mit vielen Tipps und Hintergrundinformationen.
Die Unterstützung älterer und dementer Menschen wirkt nicht nur für sie selbst, sondern für ihre Angehörigen – und letztlich für die Gesellschaft insgesamt. Damit wird deutlich: Einsamkeit zu begegnen, bedeutet, Gemeinschaft zu bewahren.
DemenzGuide
Die App DemenzGuide unterstützt Angehörige im Alltag mit demenziell veränderten Menschen. Sie bietet:
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Tipps und Infos für den Umgang mit Demenz
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Ideen für zu Hause und Pflegeeinrichtungen
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Anregungen und kleine Impulse, um sich selbst Gutes zu tun
Die App gibt es auf Deutsch, Englisch, Polnisch und Kroatisch. Direkt zur App geht es hier.