8.03.2017
Sonntagsblatt-Ratgeber

Sprechstunde: Sozialberuf statt Jura-Studium?

"Etwas Soziales" trotz brillantem Abiturschnitt: Frau Sch. wird nicht so richtig glücklich mit den Berufsvorstellungen ihrer Tochter.
Frau Buch Lesen

Meine Tochter hat letztes Jahr Abitur gemacht und die Zeit seitdem genutzt, um sich wegen unterschiedlicher beruflicher Möglichkeiten zu orientieren. Sie könnte – von den Noten her – alles studieren, und ich finde, sie wäre zum Beispiel eine erstklassige Juristin. Sie ist fleißig und genau und hat ein Auge für Fakten.

Nun hat sie sich in den Kopf gesetzt, etwas Soziales zu machen, und hat ein Angebot, in einem Wohnheim für psychisch Kranke ein Praktikum zu machen. Sie ist allerdings sehr sensibel. Sie kann sich zwar gut in Menschen einfühlen – aber ich habe Angst, ob das nicht zu viel ist für sie. Ich weiß nicht, wie sie das alles verarbeitet, was sie da erlebt – und ob sie mit den Leuten zurechtkommt. Aber sie will das unbedingt. Ich will sie auch gar nicht mehr davon abbringen. Vielleicht ist das ja eher mein Problem und ich sehe da was nicht richtig?

Frau Sch. (48)

Ach, würde sie doch Jura studieren …! Ich glaube, viele Eltern können nachfühlen, was Sie schreiben.

Ich möchte Ihnen aber mit einer Erinnerung an eine Frau antworten, die ich, glaube ich, mein ganzes Leben lang nicht vergessen werde. Ich bin ihr begegnet bei einem Besuch in einem Wohnheim für obdachlose Frauen. Die "Regen­bogenfrau" nannten sie sie dort. Kleidung in leuchtenden Farben, ein Batik-T-Shirt, flammend rot gefärbte Haare, jeder Fingernagel in einer anderen Farbe.

Das Heim sah aus, als könnte es Farbe vertragen, graugelbe Wände, Zigarettenrauch in der Luft. Schizophrenie, erklärte mir der Heimleiter. Die anderen sagten: Die spinnt. Früher hatte sie mal Kunstgeschichte studiert, dann selbst gemalt: riesige Leinwände mit Acrylfarben gefüllt. Jetzt hatte sie nur noch Wachsmalkreiden. Sie malte wie ein Kind, Hunde, lächelnde Katzen, orange-rosa Blumen, die mit dem Kopf nach unten aus weißen Wolken wuchsen. Manchmal ließen die anderen ihre Launen aus an ihr, schubsten sie herum und traten auf ihre Bilder.

Als ich wieder mal vorbeikam, rannte sie auf mich zu und wedelte mit einem Blatt. "Schau", sagte sie zu mir und hielt mir das Blatt vor die Nase. "Siehst du, wie das Licht im Blatt pulsiert? Siehst du, wie es tanzt?" Ich war müde und in Gedanken schon beim nächsten Termin. "Na klar", sagte ich, "das ist halt ein Ahornblatt …". "Schau doch, da ist Licht im Blatt!", sagte sie noch mal und tanzte auf Zehenspitzen durch den Raum.

Erst am Abend, als ich wieder daheim war und einen Moment Ruhe hatte, ging mir plötzlich auf, was sie gemeint hatte: dass man, wenn man richtig hinschaut, die Energie, die Lebendigkeit, das Wesen im Blatt sehen konnte.

Sie jedenfalls, sie konnte das. Sie, die Verrückte, die Komische, die Durchgeknallte, die Schizophrene, sie konnte das Licht im Blatt erkennen und sich darüber wundern und sich freuen. Ich war die Blinde. Die Regenbogenfrau hatte mir die Augen geöffnet – und mein Herz.

Ob Sie was nicht richtig sehen? Nein, ich glaube, Sie sehen schon ganz viel. Und vielleicht wird Ihnen der Weg Ihrer Tochter und manches, was sie da erleben wird, die Augen öffnen für viele andere Farben, die das Leben auch noch haben kann.

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