19.06.2020
Digitalisierung

Senioren sind digital unterversorgt - Experten fordern mehr Kurse und mehr Internet-Anschlüsse in Altenheimen

Während des Corona-Shutdowns zeigte sich: Alten Menschen, die besonders stark unter der Kontaktsperre litten, fehlt oft der Zugang zu internetbasierten Kommunikationsmitteln. Experten fordern deshalb eine Digital-Offensive für Senioren.
Seniorin am Smartphone

Die alte Dame fühlte sich sozial isoliert. Mit Beginn des Corona-Shutdowns saß sie plötzlich alleine zu Hause und hatte nichts mehr zu tun. Doch nun zahlte sich aus, dass die kulturinteressierte Seniorin kurz zuvor ein Tablet gekauft und einen Skype-Kurs bei der Evangelischen Arbeitsgemeinschaft Medien (EAM) des Deutschen Evangelischen Frauenbundes in München besucht hatte.

Über Skype konnte sie nun ihre Kontakte pflegen und sich darüber hinaus von einer Beraterin der EAM zeigen lassen, wie und wo im Internet Konzerte und virtuelle Ausstellungsbesuche zu finden sind.

Digitale Kommunikation für Senioren

Doch viele alte Menschen hatten diese Möglichkeit nicht. "Ich glaube, dass Corona vielen Senioren die Augen dafür geöffnet hat, wie nützlich digitale Medien sein können", sagt EAM-Vorsitzende Sabine Jörk. Als einer der derzeit rund 70 vom Bundesverbraucherschutzministerium geförderten Digital-Kompass-Standorte bietet die EAM Kurse und digitale Sprechstunden für Senioren an.

"Es müsste wesentlich mehr solche Beratungsangebote geben", sagt Jörk.

Denn viele Senioren hätten Smartphones oder Tablets zu Hause liegen, aber niemanden, der ihnen dabei helfe, sie zu benutzen.

Vor allem die Bewohner von Altenheimen seien häufig digital abgehängt, bestätigt Nicola Röhricht von der BAGSO, der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen in Bonn. Anlässlich des ersten bundesweiten Digitaltages an diesem Freitag fordert die Referentin für Digitales und Bildung freies WLAN für alle Altenheime.

Internet für Altenheime

"Derzeit ist die Ausstattung dort unzureichend. Das hat sich in der Corona-Krise deutlich gezeigt", sagt Röhricht. Laut einer Umfrage des Marktforschungsportals pflegemarkt.com aus dem Jahr 2018 bietet nur jedes dritte Seniorenheim seinen Bewohnern WLAN an. "Und diese Zahl halte ich schon für hoch gegriffen", sagt Röhricht.

Dabei könnten alte Menschen besonders von digitaler Technik profitieren, sagt Cordula Endter vom Deutschen Zentrum für Altersfragen (DZA). Studien zeigten, dass ältere Menschen, die online aktiv sind, das Internet häufig als Informationsquelle zu Gesundheitsthemen nutzen.

Positive Auswirkung auf psychische Gesundheit?

Außerdem könnten durch den Zugang zum Internet und zu Programmen wie Skype ausbleibende Besuche der Familie ein bisschen kompensiert werden. "So können möglicherweise negative Effekte der Pandemie auf die psychische Gesundheit alter Menschen abgeschwächt werden."

Studienergebnisse zeigen, dass über 80-Jährige, die Zugang zum Internet haben, ihr subjektives Altersempfinden deutlich positiver beurteilten als Gleichaltrige ohne Anschluss ans Netz. Das Internet scheint alte Menschen also fit zu halten. Dennoch sind laut einer Analyse des DZA nur rund 40 Prozent der 79- bis 84-Jährigen online.

Internetzugang

Die Zahl der Pflegeheimbewohner, die Geräte mit Internetzugang nutzen, wird laut DZA auf 20 bis 30 Prozent geschätzt. Hingegen haben in der Gesamtbevölkerung nach der Studie "D 21 Digital Index 2019/2020" etwa 86 Prozent einen Internetanschluss.

Notwendig seien gut zugängliche Beratungsangebote, wo Senioren Geräte eventuell auch ausleihen könnten, sagt Endter. Denn gerade Menschen mit geringer Rente fehle oft der Zugang zum Internet.

Das Bundesverbraucherschutzministerium reagierte auf den gestiegenen Beratungsbedarf bei Senioren in der Corona-Krise, indem es die Zahl der Digital-Kompass-Beratungsstellen von 75 auf 100 Stützpunkte aufstockte. Die Anlaufstellen sollen durch die Ausbildung von Internetlotsen auch das ehrenamtliche Engagement in diesem Bereich fördern.

Endter hält das für ebenso unzureichend wie einzelne Leuchtturmprojekte, bei denen etwa die Deutsche Telekom oder die hessische Landesregierung je 10.000 Tablets oder Smartphones für Bewohner von Seniorenheimen zur Verfügung stellen.

"Wir brauchen ein Gesamtkonzept", fordert sie.

Dazu gehöre auch die Verpflichtung von Geräte-Herstellern, Anleitungen in einfacher Sprache auch auf Papier zur Verfügung zu stellen.

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