Klimaschutz
Wie kann Aktivismus nach Corona aussehen? Der Regensburger Physiker und Aktivist Harald Klimenta erklärt, warum Aktionskunst wichtig ist und wie der Klimawandel verlangsamt werden kann.

Klimawandel, Friedensbewegung, soziale Gerechtigkeit: Corona hat vieles zweitrangig werden lassen. Doch allmählich erwachen die politischen Aktivisten wieder. Fragt sich nur: Mit welchen Aktionen?

Der Regensburger Physiker und Attac-Aktivist Harald Klimenta, der auch im wissenschaftlichen Beirat der NGO sitzt, plädiert für mehr bunte, erheiternde, aufregende und mutige Aktionen.

Herr Klimenta, die immer gleichen Demonstrationen werden irgendwann langweilig, trotzdem müssen die Klimaziele erreicht werden. Wie kann der gesellschaftliche Kraftakt trotzdem gelingen?

Harald Klimenta: Immer gleiche Aktionen laufen sich tot. Das ist ein Ergebnis der Bewegungsforschung. Eine soziale Bewegung muss immer wieder ihre Denkrichtung und Strategien erweitern und verändern, sonst kann sie nur in einer Nische punkten, und die ist irgendwann abgeerntet. Man muss suchen und spielen mit öffentlichkeitswirksamen Aktionen, bis ein Thema nicht mehr weggeleugnet werden kann. Und das funktioniert nicht durch die immer gleiche Aktion.

Welche politischen Aktionen können denn als erfolgreich angesehen werden?

Klimenta: Ein Paradebeispiel für eine winzige Aktion mit einem gigantischen Ergebnis war, als in Montgomery in den USA Rosa Parks, eine Bürgerrechtsaktivistin, auf einem nach Rassen getrennten Sitzplatz in einem Bus sitzengeblieben ist, obwohl ein Weißer sie aufforderte, aufzustehen. Dieses Sitzenbleiben ist zwar eine Peanuts-Aktion, zu der es aber Rückgrat brauchte. Die Aktion war Ausgangspunkt für Martin Luther King, um in den USA gegen die Rassentrennung zu klagen. Die Aktion allein brachte das Fass nur zum Überlaufen, weil sich die schwarzen Bürgerrechtsaktivisten schon vorher massiv organisiert hatten. Aber danach war es eine klitzekleine Aktion, mit deren Wirkung niemand gerechnet hat.

Lachen ist zehnmal effektiver als schreien, hat einmal der serbische Aktivist Srda Popovic gesagt. Braucht es mehr Leichtigkeit, damit sich etwas in den Köpfen der Menschen bewegt?

Klimenta: Der Aktionskünstler Jean Peters vom Berliner Peng!-Kollektiv hat bei einem AfD-Vorstandstreffen, bei dem die Medienstrategie für den Bundestagswahlkampf 2017 besprochen werden sollte, Beatrix von Storch eine Torte ins Gesichts geworfen. Er ging "Happy Birthday" singend als Clown verkleidet in den Raum mit lauter AfDlern; Freunde filmten die Aktion. Mit dieser Demütigung erkannte er von Storch die Fähigkeit ab, als Politikerin für uns etwas Wichtiges tun zu können und gab sie der Lächerlichkeit preis. Das war eine zielgenaue Provokation, die in ihrer Wirkung subversiv und viel tragfähiger war als ein kalt rationales Gegenargument, das vielleicht korrekt ist, aber überhaupt keinen emotionalen Nachhall hat. Ach ja: Das hat viele weitere Aktivisten zum Tortenwerfen angespornt, zum Beispiel auch auf Thilo Sarrazin.

Ein echter Wandel muss Ihrer Meinung nach durch politische Aktionen erkämpft werden. In den Parlamenten ist das nicht zu erzielen?

Klimenta: Eine Demokratie lebt nicht davon, dass man alle vier Jahre sein Kreuz macht. Da gibt es die außerparlamentarische Säule der Demokratie, zum Beispiel die Nichtregierungs- oder Basisorganisationen. Im Prinzip betreiben Greenpeace und der Bund Naturschutz auch Lobbyismus genauso wie das Institut der deutschen Wirtschaft. Alle wichtigen progressiven Errungenschaften wurden von außen an die Parlamente herangetragen, und auch die Demokratie ist ja nicht vom Himmel gefallen. Die Sklaverei wurde auch nicht aus Mildtätigkeit abgeschafft und die Frauen haben das Wahlrecht nicht einfach zugesprochen bekommen. Und die Arbeitgeber waren nicht mit guten Argumenten davon zu überzeugen, dass es besser ist, 40 anstatt 70 Wochenstunden zu arbeiten.

Veränderung entsteht danach nur durch soziale Kämpfe?

Klimenta: Das wird von politischen Aktivisten, Jugendgruppen und Umweltschützern gern vergessen, dass Interessenvertretungen dazu da sind, Machtverhältnisse zu garantieren oder eben zu verändern. Und dass man, wenn man einen ökologischen Wandel durchsetzen will, bestimmte Eliten entmachten muss. Das geht weder mit guten Argumenten noch mit Bussis, dazu ist mehr nötig.

Erwarten Sie, dass die Grünen-Kanzlerkandidatin Annalena Baerbock den notwendigen ökologischen Wandel durchsetzen wird?

Klimenta: So reumütig, wie sie mit ihren Peanuts-Verfehlungen umgegangen ist, habe ich Zweifel, ob sie die notwendigen fundamentalen Veränderungen durchkämpfen kann, und ganz sicher geht es nicht ohne breiten Rückenwind aus der Bevölkerung. Irgendwie wünsche ich mir zehn Prozent mehr Franz-Josef Strauß in ihr, damit sie auch mal auf den Tisch haut und kundtut, dass wir gerade dabei sind, den Planeten zu zerstören und gewisse Medien sich doch bitte um Wichtigeres kümmern sollen als darum, ob jemand nur einer Organisation gespendet hat oder dort Mitglied ist.

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