14.11.2019
Kommentar

Ökologie: Mehr Freiheit durch Verbote?

Der konservative Teil der Gesellschaft streitet in der Ökologiefrage vehement gegen Verbote. Sie schränkten die Freiheit der Menschen unzulässig ein, lautet das Argument. Die Frage dabei ist, welche Freiheit gemeint ist. Ein Kommentar von Nils Sandrisser.
Ungleichgewicht Vermögensverteilung

Absolute Freiheit kennt keine Schranken, die bürgerliche Freiheit hingegen findet ihre Grenzen dort, wo andere Schaden erleiden würden, wenn die Stärkeren sich rücksichtslos durchsetzen. Wenn wir uns aber die Freiheit nehmen, ein Mal pro Jahr auf die Malediven zu fliegen, ist das fatal für die Freiheit der Malediver, denen das Meer den Boden unterm Hintern wegfrisst. Wenn wir täglich Fleisch essen wollen, verbrennt für das dafür nötige Futter-Soja die Lebensgrundlage indigener Regenwald-Völker. Wer also fragt, ob Freiheit oder Ökologie wichtiger sei, hat etwas sehr Zentrales nicht verstanden.

Was wäre, wenn jeder das täte, was ich tue?

Spätestens jetzt dürfte so mancher aufstöhnen: Immer dieses Moralisieren! Nun: Jede Gesellschaft hat moralische Leitplanken. Ohne Regeln würde sie nicht funktionieren. Es geht um eine selbstverständliche Frage, die der Philosoph Immanuel Kant angesprochen hat und die sich jeder stellen sollte: "Was wäre, wenn jeder das täte, was ich tue?" Nicht derjenige, der mit diesem Grundsatz argumentiert, will sich gegen Kritik imprägnieren, sondern derjenige, der dies Hypermoral nennt. In Wahrheit hat er einfach keinen Bock auf Kant.

Nächste Frage: Ist es wirklich notwendig, gleich mit Verboten draufzuhauen? Oder wären nicht alternative Lenkungsmethoden besser? Klar wären sie das. Wenn Fleisch und Fliegen teurer wären, hätten sich massenhafter Fleischverzehr und Flugverkehr erledigt.

Verbote treffen alle gleich

Aber die Lenkung über den Preis hat einen Pferdefuß: Sie spaltet die Gesellschaft in jene, die sich ihre Freiheit leisten können, und jene, die das nicht können. Der US-Forscher Frederick Holt wies 2012 nach: Je ungleicher der Zugang zu Ressourcen und Gütern in einem Land ist, desto autoritärer denken seine Bürger. Wenn man nun berücksichtigt, dass seit den 1980er-Jahren und der sogenannten neoliberalen Welle die Gesellschaft der westlichen Staaten immer ungleicher geworden ist, kann man einen Zusammenhang sehen zum Aufstieg des Rechtsautoritarismus. Das heißt: Der Erfolg von Trump oder hierzulande der AfD zeigt uns, dass wir in Bezug auf Ungleichheit so ziemlich am Ende der Fahnenstange angekommen sind. Wenn wir Maßnahmen bevorzugen, die die Ungleichheit erhöhen, ist das ein Konjunkturprogramm für die radikale Rechte. Verbote hingegen treffen alle gleich.

Konservatismus erschöpft sich nicht darin, Freiheit von Verboten zu verlangen. Der wahre Konservatismus schützt auch die Freiheit der anderen. Notfalls mit Verboten.

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