23.05.2018
Oase der Ruhe und letzte Ruhestätte

"Begegnungscafé" für Regensburger Zentralfriedhof

In einer Oase der Ruhe Kaffee trinken und Kuchen essen und dabei den Blick über die Gräber schweifen lassen. Was es in Berlin schon gibt und in München geplant ist, soll bald auch in Regensburg Wirklichkeit werden. In einer historischen Bethalle auf dem Evangelischen Zentralfriedhof will das Kirchengemeindeamt ein Friedhofscafé errichten.
Bethalle auf dem evangelischen Friedhof in Regensburg.
Aus der früheren Bethalle aus dem Jahr 1898 könnte ein Friedhofscafé werden. Pläne dazu gibt es bereits.

 

Von wegen letzte Ruhestätte: Wenn es nach dem Willen von Klaus Neubert geht, dann könnte der evangelische Zentralfriedhof in Regensburg bald ein lebensfroher Ort der Begegnung werden. Das Potenzial des Gottesackers gehe weit über das eines tristen Bestattungsgeländes hinaus, sagt der Leiter des evangelischen Kirchengemeindeamts Regensburg.

Immer mehr Friedhöfe öffnen sich auf diese neue Weise den Lebenden. Jenseits von Leichenschmaus und Trauerfeierlichkeiten werden innerhalb der Friedhofsmauern Lokale eröffnet, die sich als Begegnungsorte und Oasen der Ruhe inmitten der Rushhour des Lebens anbieten. "Der parkähnliche Charakter des Friedhofs lädt Trauernde und Besucher zum Verweilen und zu Spaziergängen ein. Das Grün der Bäume und die Ruhe des Ortes schaffen eine Atmosphäre jenseits des Alltags", sagt Klaus Neubert.

Historische Bethalle als Café

Bislang fehlte nur ein Aufenthaltsraum. Dieser könnte nun gefunden sein: In der historischen Bethalle auf dem Mittelplateau zwischen dem oberen und unteren Teil des Friedhofs soll das Café entstehen. Noch wird sie als Geräte- und Abstellraum genutzt, nachdem im Ostteil des Friedhofs nach 1945 eine neue Aussegnungshalle samt Kapelle entstanden ist.

1898 wurde die alte Bethalle im Stil der Neorenaissance errichtet. Das denkmalgeschützte Gebäude bietet Platz für Café, Küche, Lager, Sanitärräume und eine Außenterrasse. Vor vier Jahren sei die Idee zum ersten Mal aufgekommen, die Landeskirche habe zurückhaltend reagiert. Doch inzwischen stoße das Projekt auf Wohlwollen, vor allem nachdem auch ein Betreiber für das Café gefunden sein könnte: Die Lebenshilfe in Bayern hat ihr Interesse bekundet. Es könnte als inklusives Café betrieben werden, erläutert Neubert. "Mit 35 Plätzen im Innenbereich und 25 im Freien."

Als Landschaftsgarten angelegt

Große Stücke hält Neubert auch auf die enge Verzahnung von Natur- und Bestattungsraum. "Die Friedhofskultur ändert sich, leider nicht immer zum Positiven", sagt Neubert. Tod und Trauer würden mehr und mehr verdrängt. "Wir können den Menschen den Friedhof näherbringen, bevor sie gestorben sind." Der Zentralfriedhof als Landschaftsgarten angelegt, bietet sich da an. Schon jetzt werden Führungen auf dem historischen und unter Denkmalschutz stehenden Friedhof angeboten. Darin stecke jede Menge Zukunft. Die Regensburger setzen dabei ganz auf die Reformbewegung, die derzeit bei den Friedhöfen in Gang kommt. Denn so richtig gut geht es dem guten, alten Friedhof nicht. Mehr als die Hälfte aller Beerdigungen seien jetzt schon Urnenbestattung. Immer öfter würden Urnen von Angehörigen aus Desinteresse gar nicht abgeholt. Immer mehr flüchteten die Menschen in Friedwälder, in See- oder Bergbestattungen.

Die Statistik zeigt auch Freiräume auf: Bisher nahm jeder Erwachsene ein Bestattungsfeld von durchschnittlich 4,5 Quadratmetern in Anspruch. Künftig wird es nur noch die Hälfte sein. Der Einäscherung wird immer öfter gegenüber der Körperbestattung der Vorzug gegeben. Diese Entwicklung schaffe Raum für Neues.

Eine Perle unter den Friedhofsanlagen

Vorbilder gibt es bereits: Das Berliner Friedhofscafé "Finovo" – in dem Namen stecken die lateinischen Begriffe für Ende und Neubeginn – etwa ist sehr beliebt.

Der Evangelische Zentralfriedhof in Regensburg ist so etwas wie eine Perle unter den Friedhofsanlagen: Im Jahr 1898 eröffnet, wurde er wie ein Landschaftsgarten im Süden Regensburgs angelegt. "Eisbuckel" hieß das 14 Hektar große Feld, unter dem die Thurn- und Taxis’sche Brauerei Bierfässer lagerte, das das evangelische Regensburg kaufte, um dort einen besonderen Gottesacker anzulegen. Beauftragt wurde der Regensburger Landschaftsgärtner Conrad Mayer und so erinnert der alte Baumbestand darauf heute eher an eine Parkanlage als an ein Gräberfeld.

Die Friedhofskultur war schon damals im Wandel begriffen. Friedhöfe in Paris, Genua und Frankfurt am Main wurden als Vorbilder genommen. "Unter Waldesrauschen und Vogelsang sollten die Toten ruhen und die Überlebenden Trost finden", sagt die Kunsthistorikerin Bettina Spandl-Bauer. Regelmäßig führt sie für das evangelische Bildungswerk über den unter Denkmalschutz stehenden Friedhof. Zur Jahrhundertwende bekam der Friedhof mit dem Dörnberg-Mausoleum und seinen Arkaden sowie der Brunnenanlage einen würdigen Abschluss.

 

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Geschichte und Kultur

Der Regensburger Gesandtenfriedhof
Der Gesandtenfriedhof in Regensburg ist kein Friedhof wie jeder andere: Auf ihm gibt es keine Grünflächen, keine Büsche, Blumen oder Kränze. Es kommen auch keine Angehörigen vorbei, um die Gräber zu pflegen und ihre Trauer an einen Erinnerungsort zu tragen. Auf ihm liegen Menschen aus aller Herren Länder, zur letzten Ruhe gebettet in fremder Erde und vor vielen Jahrhunderten.
Sonntagsblatt