Israel und Judenhass
Im Nahost-Konflikt im Mai 2021 wurde auch in Bayern vermehrt gegen Israel demonstriert. Häufig verbirgt sich dahinter aber Antisemitismus - der deshalb so perfide ist, weil das Wort "Jude" gar nicht mehr vorkommt. Eine neue Broschüre will aufklären.
Die Synagoge in Halle
Die Synagoge in Halle (2015) von hinten.

Antisemitismus unter dem Deckmantel der Israelkritik ist laut Expert*innen der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus Bayern (Rias) gesellschaftlich am wenigsten verpönte. Dabei würden "Juden" zwar nicht mehr explizit benannt - aber es sei allen klar, dass sie gemeint seien, sagte Rias-Leiterin Annette Seidel-Arpaci am Freitag bei einer Online-Pressekonferenz in München. Der israelbezogene Antisemitismus sei eine gesellschaftlich kaum geächtete und somit attraktive Ausdrucksform des Antisemitismus nach der Schoah.

Bei der Pressekonferenz wurde eine Broschüre über israelbezogenen Antisemitismus in Bayern vorgestellt. Untersucht wurde der Zeitraum 11. Mai bis 11. Juni 2021, als der Nahost-Konflikt zwischen Israelis und Palästinenser*innen einen neuen Höhepunkt erreicht hatte. Dabei wurde klar: Der Konflikt hatte Auswirkungen auch in Bayern: Es seien 34 antisemitische Vorfälle mit Bezug zum Nahost-Konflikt registriert worden, 22 davon im Rahmen von Versammlungen, erläuterte Seidel-Arpaci weiter. Das seien deutlich mehr Vorfälle als im Vorjahreszeitraum gewesen.

Antisemitische Vorfälle im Bezug zum Nahost-Konflikt

So habe zum Beispiel ein Redner bei einer Demo in München am 29. Mai den Staat Israel in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt und gesagt, dass sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) daher schämen sollte, Solidarität mit dem Staat Israel auszusprechen, sagte Seidel-Arpaci. Hier komme es zu einer Täter-Opfer-Umkehr, der charakteristisch sei für israelbezogenen Antisemitismus. Außerdem habe es bei der Demo "Kindermörder Israel"-Rufe gegeben.

"Der Antisemitismus zeigte sich einmal mehr als wandelbares Phänomen, das an aktuelle politische Entwicklungen anknüpft und sich in verschiedensten Milieus artikuliert", sagte Seidel-Arpaci. Antisemitismus sei nie weit entfernt, wenn Israel im Fokus der Weltöffentlichkeit steht. Michael Movchin, Vorsitzender des Verbands Jüdischer Studenten in Bayern (VJSB), sagte, dass jüdische Menschen in solchen Situationen vermehrt ihre jüdische Herkunft versteckten oder die Innenstädte mieden, wenn dort israelkritische Demonstrationen stattfinden.

Neue Broschüre zur Aufklärung und Fortbildung

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, teilte über Rias mit, dass sich in Deutschland in einem "besorgniserregenden Ausmaß" eine ablehnende Haltung gegenüber Israel breitgemacht gemacht, "die häufig nichts anderes ist als verkappter Antisemitismus". Besonders beunruhigend sei dabei die Tatsache, dass die Menschen, die ihre überzogene Kritik an Israel äußern, ihren eigenen Antisemitismus gar nicht bemerkten und den Antisemitismus-Vorwurf mit Empörung von sich wiesen. Die neue Broschüre sei daher ein wichtiger Baustein zur Aufklärung und Fortbildung.

Die Broschüre "'From the river to the sea' - Israelbezogener Antisemitismus in Bayern 2021" erklärt, was israelbezogener Antisemitismus genau ist und dokumentiert typischen Fälle - also etwa die Gleichsetzung Israels mit dem Nationalsozialismus und Vernichtungsfantasien gegenüber dem jüdischen Staat. Rias Bayern nimmt Meldungen über antisemitische Vorfälle auf und unterstützt Betroffene von Antisemitismus in Bayern.

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