8.02.2020
SIGENA-Stützpunkt Sündersbühl

Stadtmission Nürnberg bringt Menschen raus aus der Anonymität der Großstadt

Da lebt man seit 30, 40 Jahren nebeneinander, kennt sich nur vom Sehen her – und plötzlich kocht, werkelt und sportelt man miteinander. Seit rund einem Jahr gibt es im Nürnberger Stadtteil Sündersbühl einen SIGENA-Stützpunkt, der von der Wohnungsbaugesellschaft der Stadt gemeinsam mit der Stadtmission Nürnberg betrieben wird. Und der Treffpunkt in der Bertha-von-Suttner-Straße ist für viele der regelmäßigen Besucher mittlerweile unverzichtbar geworden.
Inge Hitzler beim Kochen im SIGENA-Stützpunkt in Nürnberg
Inge Hitzler beim Kochen mit den Nachbarn im SIGENA-Stützpunkt in Nürnberg. Der Seniorin macht’s Spaß.

Inge Hitzler trifft an dem großen Tisch in den lichtdurchfluteten Räumen des Stadtteiltreffs regelmäßig Menschen, mit denen sie mehr als nur denselben Wohnort gemeinsam hat. "Wir werden auch zusammen alt. Manche vereinsamen dabei ein bisschen", sagt die Seniorin, die in einem der großen Häuserblocks des rund 5.000-Einwohner-starken Stadtteils lebt. Das hat sich geändert, seit die einstigen Gebäude aus den 1950er-Jahren der modernen, im Februar 2019 eingeweihten Wohnanlage weichen mussten. Jetzt gibt es in dem Ensemble auch die Anlauf- und Beratungsstelle für Jung und Alt, die von Sozialpädagogin Marion Beede für die Stadtmission geleitet wird – gemäß dem Motto "Sicher – Gewohnt – Nachbarschaftlich", für das die Abkürzung SIGENA steht.

"Wir verstehen uns nicht nur als Treffpunkt für Senioren, sondern als niederschwelligen Anlaufpunkt für alle Menschen hier", erklärt Beede. Wenngleich es schon vorwiegend die älteren Sündersbühler sind, die an den offenen Angeboten teilnehmen, die sich die seit vielen Jahren in Nürnberg bestens vernetzte Ansprechpartnerin ausdenkt. Das können Vorträge zu Gesundheitsthemen sein, zu denen auch Apotheker eingeladen werden, Serviettenfaltnachmittage, eine Single-Börse für Senioren oder ein Sturzpräventions-Kurs, zu dem ein Sportökonom kommt.

Der "Jour fixe" ist dabei der offene SIGENA-Treff jeden Donnerstagnachmittag. Zu dem kann man einfach vorbeischauen, "die Besucher schätzen diese Lockerheit, nicht zur festen Uhrzeit da sein oder bleiben zu müssen", meint Beede. Werktags ist aber täglich etwas geboten. Das bedeutet nicht nur Kurzweil, sondern für viele auch eine wiedergewonnene Struktur in ihrem Leben.

Mehr als Kochen und Essen

So wie für die Frau, die jahrelang mit Psychopharmaka gegen ihre Depressionen kämpfen musste. Seit sie regelmäßig ins SIGENA kommt, hat sie ihre Probleme im Griff, ist mittlerweile tablettenfrei. Ein älterer Herr macht sich regelmäßig schick, wenn er zu den Treffen erscheint. Allein in seiner Wohnung hätte er sich vielleicht nicht so sehr um sein Äußeres gekümmert.

Solche Erfahrungen sind es, die Marion Beede glücklich machen. Auch wenn sich die Vielzahl der Beratungsgespräche, die sie neben den offenen Angeboten im Büro führt, um ganz klassische Themen wie Patientenverfügung oder Altersarmut dreht. Manchmal kommt aber auch ein Ratsuchender, der nicht weiß, an wen er sich wegen eines Zuschusses für seine kaputte Brille wenden muss, oder eine alleinerziehende Mutter, die mit den Formularen für Behörden nicht klarkommt. "Vieles erledigen wir unkompliziert hier im Stützpunkt. Und wenn andere Stellen gefragt sind, weiß ich, wo ich anrufen muss, um Termine zu vereinbaren", erklärt Beede.

Fachsimpeln beim Schnippeln

Fest im Terminplan steht bei einem Dutzend Senioren derzeit der Kochkurs, bei dem Ökotrophologin Frauke Dietz-Wellhausen derzeit dienstags frische Zutaten mit in den Stützpunkt bringt, um gemeinsam mit den Besuchern frisches und gesundes Essen zuzubereiten – und natürlich anschließend zu essen. Als das Sonntagsblatt zu Gast ist, steht Gemüse-Hühnchen-Curry auf dem Speiseplan. Und es lässt sich dazu trefflich diskutieren: zum Beispiel, ob der Ingwer mit oder ohne Schale in den Topf gehört oder ob man das Gemüse besser in Würfelchen schneidet oder ganz klein hackt.

"Chefköchin" Dietz-Wellhausen freut sich: "Man weiß vorher nie, mit wem man gemeinsam kocht und was man den Menschen zumuten kann. Unsere Gruppe ist in den paar Wochen seit unserem ersten Treffen schon gut zusammengewachsen." Im Frühjahr werde es daher auf jeden Fall einen weiteren Kochkurs geben.

Inge Hitzler ist dann mit Sicherheit wieder dabei. "Ich esse eh kaum Fleisch, und auslernen kann man beim Kochen nie", erklärt die rüstige Seniorin. Und das Wichtigste sei: Man komme einfach mal raus.

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