4.11.2019
Gesundheit und Glaube

Uniklinikum Regensburg: Wie der Salbungsgottesdienst Kranken und Angehörigen hilft

Segnen, salben, heil werden: Der Salbungsgottesdienst im Uniklinikum Regensburg hilft auf ganz besondere Weise.
Salbung in der Kapelle des Uniklinikums Regensburg. Rechts: Pfarrerin Heidi Kääb, links: Karin Grabe.
Salbung in der Kapelle des Uniklinikums Regensburg. Rechts: Pfarrerin Heidi Kääb, links: Karin Grabe.

Wer sich hinter den blauen Paravent setzt, darf ganz bei sich sein: In geschützter Atmosphäre sagt der Patient seinen Vornamen und spricht von seinem Anliegen. Pfarrerin Heidi Kääb nimmt sich für jeden und jede Zeit. Während sie dem Kranken die Stirn salbt, spricht sie Mut zu. Ihre Worte haben etwas Beruhigendes. Der Duft des Öls entfaltet sich im ganzen Raum. Unterstützt wird sie von zwei Frauen, die dem Patienten oder der Patientin unterstützend eine Hand auf die Schulter legen.

Dreimal im Jahr findet der Salbungsgottesdienst im Universitätsklinikum Regensburg statt. Getragen wird er von der Deutschen Krebsgesellschaft und der evangelischen Krankenhausseelsorge. Es kommen Patienten, Angehörige, Teilnehmer von Selbsthilfegruppen, aber auch manchmal Klinikpersonal in die Kapelle. Tröstende und stärkende menschliche Nähe hat viele Abnehmer in einem medizinischen Großbetrieb.

"Eigene Spiritualität"

Auch dieses Mal ist eine Gruppe von Menschen zusammengekommen. Der Gottesdienst ist einfach gehalten, nicht überladen mit Riten und Symbolen, sondern getragen von Musik und Gesang. Jeder Teilnehmer kann auf diese Weise "mit seiner eigenen Spiritualität" dabei sein, sagt Kääb.

Eine Frau führt in das heutige Thema Dankbarkeit ein, eine andere liest eine Parabel vor. Das Herzstück ist und bleibt der Salbungsakt, der freiwillig ist. Niemand muss ihn mitmachen.

Die Salbung ist ein altes Symbol, das früher nur Propheten, Königen und Priestern zuteil wurde. "Im Segen liegt Zuspruch, aber die Salbung ist ein spürbares Zeichen", sagt Pfarrerin Heidi Kääb. Wer an diesen Ort in der nüchternen und sterilen Klinikatmosphäre kommt, soll den Zuspruch spüren und nicht allein sein mit seiner Last.

Endlichkeit des Lebens

Vor zehn Jahren haben Pfarrerin Kääb und Karin Grabe von der Deutschen Krebsgesellschaft das Gottesdienstformat entwickelt, das in der kirchlichen Landschaft die Ausnahme ist. "Es gab da eine Ebene, die im medizinischen Alltag zu kurz gekommen ist", sagt die Psychoonkologin Grabe. "Oft spielte bei den Patienten das Religiöse eine Rolle. Wo ist Gott in der Situation, wurde ich von den Patienten gefragt." Meist werden Menschen durch die Krankheit zum ersten Mal mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert.

Besonders ist das bei Krebspatienten der Fall. "Egal wie die Prognose ist, der Mensch erkennt, dass er sterblich ist", sagt Grabe. In den Beratungsgesprächen habe sie dann festgestellt, dass Worte nicht immer ausreichen. "Die Frage war, wie kann man spürbar machen, dass man gehalten wird, und wie kann man sich diese Kraftquelle erschließen."

Stärkung der Selbstheilungskräfte

Die Kooperation zwischen Krebsgesellschaft und Kirche ermöglicht es vielen Menschen, für das Angebot offen zu sein. Auch Veränderungen in der Onkologie hätten zur Entwicklung beigetragen. So könnten heute mehr Menschen dank des medizinischen Fortschritts geheilt werden. Das Verständnis für die psychosozialen Zusammenhänge sei gewachsen. "Der Salbungsgottesdienst soll auch die Selbstheilungskräfte stärken", sagt Heidi Kääb. Ressourcen, die Menschen selbst mitbringen, könnten dadurch gestärkt werden.

Angezogen von der Musik hat auch die 20-jährige Lea ihren Weg zum Gottesdienst gefunden, der für sie eine "willkommene Abwechslung im Klinikalltag" ist. Das Thema Dankbarkeit habe sie spontan angesprochen. "Wenn es einem nicht gut geht, erkennt man, was wichtig im Leben ist", sagt die junge Frau. Für diese Erkenntnis sei sie dankbar.

Kein Raum für gesellschaftliche Konventionen

Der Salbungsgottesdienst lässt keinen Raum für gesellschaftliche Konventionen, Verstellung oder Hierarchien. Wer neben Kranken oder Schwachen in der Kirchenbank sitzt, wird auf seine Existenz zurückgeworfen.

Wenn sich Gesunde in den Klinik-Gottesdienst verirren, habe das erstaunliche Wirkung, berichtet Kääb. So habe ihr einmal ein Mann gesagt, dass er immer funktionieren müsse, aber im Salbungsgottesdienst habe er schwach sein dürfen. Was für ihn positiv war, ist auch für Kranke ein Geschenk: Sie fühlen sich weniger isoliert und allein gelassen, wenn auch andere den Weg in die Klinik finden.

INFO

Die nächsten Salbungsgottesdienste in der Kapelle der Uniklinik Regensburg sind am 17. Februar, 22. Juni und 10. Oktober 2020, jeweils montags um 18 Uhr.

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