"50 Jahre Frauenordination" ließ sich trefflich feiern. Dass es immer noch genug zu diskutieren gibt – das analysieren Eva Hanke und Felix Reuter, Dekan und stellvertretende Dekanin im Dekanatsbezirk München, in ihrer gemeinsamen Antwort auf den Kommentar von Timo Lechner.

Das Jubiläum "50 Jahre Frauenordination" ist ein Grund zum Feiern, und Timo Lechner würdigt zurecht und überzeugend den "existenziellen Kampf" der ersten Pfarrerinnen. Und zugleich offenbart die Art und Weise, wie er darüber schreibt, dass der Weg zur tatsächlichen Gleichberechtigung noch weit ist. Wir haben uns entschieden, diesen Kommentar gemeinsam zu verfassen – als Frau und Mann in gemeinsamer Leitungsverantwortung –, weil die Antwort auf die individuelle und strukturelle Benachteiligung von Frauen eine gemeinsame Antwort sein muss.

Reduktion auf das Äußere

Hanke: Wenn Timo Lechner den Einzug der Pfarrerinnen beim Jubiläumsgottesdienst verfolgt hat, müsste ihm aufgefallen sein, dass die Mehrzahl denselben Talar trug wie ihre männlichen Kollegen. Dennoch assoziiert der Autor Pfarrerinnen mit einem "Talar in Damenschnitt" und schließt damit an eine vielfach beschriebene Unkultur an, nämlich dass bei Frauen selbstverständlich thematisiert und beurteilt wird, was sie anhaben und wie sie aussehen.

Reuter: Das Reden über Äußerlichkeiten korrespondiert mit einer Realität, in der Kolleginnen noch immer erleben, dass ihre Kompetenz hinter ihrem Geschlecht und ihrem Äußeren zurückstehen muss. Ja noch mehr: Wenn Frauen im Dienst nicht zuerst als Theologinnen, sondern als etwas fürs Auge wahrgenommen werden, ist das eine Grenzüberschreitung, die wir Männer – besonders in Leitungsverantwortung – nicht als lockere Sprüche abtun dürfen.

Die Macht der Zahlen

Hanke: Der Kommentar stellt das Verhältnis von männlichen und weiblichen Pfarrpersonen verzerrend dar und schreibt Frauen damit eine Macht zu, die sie nicht sind und haben. Wellen-Metaphern beschreiben häufig Bedrohungsszenarien. Wenn man in seinem Bild bleibt, dann zieht die "Ruhestandswelle" der überwiegend männlichen Pfarrpersonen unweigerlich eine Welle überwiegend weiblicher Pfarrpersonen nach sich. Auch das Attribut "zahlenmäßig dominant" bei einem prognostizierten Frauenanteil von 55 Prozent ist unverhältnismäßig. Wie beschreibt man dann einen jahrhundertelangen Männeranteil von 80, 90 oder 100 Prozent?

Reuter: Bloße Zahlen schaffen noch keine Gerechtigkeit. Auch wenn Frauen statistisch bald die Mehrheit im Pfarrdienst stellen könnten, sagt das wenig über die reale Machtverteilung aus. In den Leitungsebenen unserer Kirche – in den Dekanaten, im Landeskirchenrat oder im Bischofsamt – ist die männliche Dominanz nach wie vor Realität, und zwar mit weit mehr als 55 Prozent. Bei den Dekaninnen und Dekanen etwa liegt der Frauenanteil immer noch bei lediglich 35 Prozent, der Anteil der Männer bei 65 Prozent. Dass Frauen bald "an der Macht" sind, ist eine Erzählung, die die zähen strukturellen Widerstände als gläserne Decke unsichtbar macht.

Die Illusion der Normalität

Hanke: Der Autor betont, dass der Kampf der ersten Pfarrerinnen "kein symbolischer Akt" gewesen sei. Mit der Verneinung aber suggeriert er, dass es im Kampf um Gleichberechtigung eben auch rein symbolische Akte gab oder gibt; mutmaßlich die von Lechner so bezeichnete "symbolische Parität", die an die Diskussion um die Frauenquote vor eineinhalb Jahren erinnert. Und wenn Gleichberechtigung im Pfarramt zu Beginn "kein Selbstläufer" war, ist heute offenbar wiederum das Gegenteil der Fall: Frauen im Pfarramt sind "selbstverständlich" und "völlig normal".

Reuter: Die behauptete Normalität ist aber ein Privileg derer, die das System nicht hinterfragen müssen. Für viele Kolleginnen ist das Pfarramt eben nicht "völlig normal", solange sie – und nur sie als Frauen – sich fragen lassen müssen, ob sie dem Amt gewachsen sind oder ob ihre Familienplanung den Dienst stört; und solange viele Pfarrstellen, Dekanestellen, Kirchenratsstellen und Bischofsämter noch nie von einer Frau besetzt waren. Wir Männer müssen anerkennen, dass unser Schweigen zu diesen Themen die bestehenden Machtstrukturen untermauert. Es braucht einen bewussten Seitenwechsel: Wir Männer müssen nicht nur hinhören, wenn Frauen von Barrieren berichten, sondern intervenieren und aktiv gegensteuern.

Verantwortung übernehmen

Hanke: Vermutlich hat Timo Lechner das alles nicht so gemeint. Aber es kann so verstanden werden. Dabei wäre es ein Leichtes, anders zu formulieren und anders zu kontextualisieren. Weniger verfänglich, weniger doppeldeutig und weniger suggestiv. Sprache formt unsere Wirklichkeit. Sprache formt die Wirklichkeit, in der Frauen in unserer Kirche leben und arbeiten. Wir alle tragen daher die Verantwortung für die Welt, die wir mit unseren Worten erschaffen.

Reuter: Wer Verantwortung trägt – ob in der Leitung oder in der Publizistik –, muss aber noch mehr tun als nur den Status quo sprachlich sensibel zu beschreiben. Wenn Frauen strukturelle Benachteiligung oder Grenzüberschreitungen benennen, ist das kein Frauenthema. Männer müssen beginnen, das als ihr Thema zu begreifen und selbst den Diskurs darüber führen. Solange also die Bedingungen für Frauen im Dienst noch immer andere sind als für Männer, können wir Gleichberechtigung nicht als etwas in weiten Teilen schon Erreichtes feiern.

Felix Reuter und Dr. Eva Hanke leiten als Dekan und Stellvertretende Dekanin gemeinsam den Bereich 4 des Dekanatsbezirks München.