Wo hört Wissenschaftsfreiheit auf? Diese Frage stellten sich Studierende der Hochschule für Philosophie in München (HFPH), als sie von einem Vortrag erfuhren, den Philosoph Sebastian Ostritsch am 27. November an ihrer Hochschule halten sollte. Nach einem offenen Brief der Studierendenschaft und der Ankündigung einer Protestaktion wurde der Vortrag abgesagt. 

Sebastian Ostritsch bezeichnet sich auf seiner eigenen Website als "Philosoph, Autor und Publizist". Er ist Privatdozent für Philosophie an der Ruprecht-Karls-Universität in Heidelberg und schreibt für verschiedene konservative Publikationen, darunter die "Welt", die "Neue Zürcher Zeitung" und die katholische "Tagespost". 

Dog Whistles und rechte Diskursstrategien

In seinen Artikeln und auch in Beiträgen auf der Plattform X (ehemals Twitter) klingen regelmäßig Begriffe und Themen an, die als "dog whistles" für die neue Rechte verstanden werden können. Die Nutzung solcher dog whistles, auf Deutsch "Hundepfeifen", ist in der neuen Rechten eine weit verbreitete Strategie, um die eigene Position innerhalb der Bewegung durch Codes klarzumachen, ohne offen rechte oder rechtsextreme Sprache zu verwenden. 

Im Fall von Sebastian Ostritsch sind als dog whistles zu verstehen: Queer- und Transfeindlichkeit, sowie die Ablehnung anderer Religionen und Migration oder auch ein Zynismus gegenüber Coronamaßnahmen und dem menschengemachten Klimawandel. 

Ostritsch begründet seine Positionen und Meinungen mit Intellekt, pseudowissenschaftlichen Argumenten und dem katholischen Christentum als Träger der einzig richtigen, gottgegebenen Wahrheit. Er bedient sich hierbei philosophisch dem Konzept des Naturalismus, beziehungsweise des Naturrechts. 

Davon ausgehend gibt es eine "natürliche" Lebensweise, die sich beispielsweise in der binären Unterscheidung von Mann und Frau und der heterosexuellen Ehe als Kernelement der Familie zeigt. Jede Abweichung von dieser "natürlichen" Lebensweise fügt, religiös gesprochen, der Seele Schaden zu. 

Christlich religiöse Überzeugungen und philosophische Ausführungen unterfüttern und verpacken Ostritschs politische Haltung. Damit reiht sich der Philosoph ein in eine vor allem in den USA stark wachsende Bewegung meist evangelikaler Fundamentalist:innen, die genau das tun: Ihre politische Ausrichtung über christliche Botschaften kommunizieren. 

Protest an der Hochschule für Philosophie

An der HFPH wollte Ostritsch nun sein neues Buch "Serpentinen" vorstellen, in dem es um einen Gottesbeweis nach Thomas von Aquin geht. Der Kern des Buchs: Die Existenz Gottes zu beweisen, kann auch nach dem Zeitalter der Aufklärung eine Vernunfterkenntnis sein. 

Aufgrund von wiederholten menschen- und demokratiefeindlichen Aussagen Ostritschs in seinen Online-Artikeln stand die Studierendenschaft der HFPH dem Vortrag allerdings seit der Ankündigung äußerst kritisch gegenüber. Vorerst soll ein Unterlass von Werbung für die Veranstaltung seitens der Hochschulleitung erwirkt worden sein.

Später organisierten Studierende eine Protestaktion durch ein Sharepic, das seinen Weg in zahlreiche WhatsApp-Gruppen und andere Social Media Gruppen fand. Zudem wandte sich die Studierendenschaft mit einem offenen Brief an die Hochschulleitung.  

Zwei Tage vor dem Termin wurde der Vortrag von Ostritsch dann tatsächlich abgesagt. Laut der Pressestelle der Hochschule wird die Wissenschaftsfreiheit an der HFPH zwar hochgehalten, allerdings wäre im Fall Ostritsch der akademische Diskurs zu sehr von "anderen Themen" überlagert worden. Auch die "Sicherheit" aller Anwesenden habe nicht mehr garantiert werden können. 

Cancel Culture oder Deplatforming?

Schon wenige Stunden nach der Absage des Vortrags erscheinen die ersten Artikel zu "Cancel Culture" – von Online-Magazinen, für die Ostritsch selbst schreibt. Dass ein Schlagwort wie Cancel Culture an dieser Stelle leichtfertig verwendet wird, ist kaum verwunderlich, geht es doch weniger um eine sachliche Auseinandersetzung mit dem Sachverhalt, als um Empörung. 

Allerdings kann man im Fall der HFPH am ehesten von Deplatforming sprechen, also dem Entziehen einer Plattform für eine Person. Denn öffentlich "gecancelt" wurde Sebastian Ostritsch von niemandem. 

Auch auf dem Sharepic, das zur Protestaktion aufruft steht lediglich, die Studierenden wollten über Ostritschs Agenda aufklären und hätten dazu wörtliche Zitate aus seinen Artikeln gesammelt. Wer sich von seinen eigenen Texten bedroht fühlt, sollte womöglich erst einmal diese prüfen, bevor junge Erwachsene gleich als wütender Mob gebrandmarkt werden.  

Universitäten und Hochschulen als Orte des freien Diskurses

In zahlreichen Online-Artikeln werden nun die Studierenden verurteilt, es wird sich über das Sharepic und den Aufruf zur Demo echauffiert, besonders der Glühwein und die Pride-Flaggen sind vielen ein Dorn im Auge. Ein "Theater" zu veranstalten, nur weil jemand anderer Meinung ist – das wäre intolerant und bedenklich.

Doch sind Universitäten und Hochschulen nicht seit je her Orte der freien Meinungsäußerung, Orte des Protests und Orte der Auseinandersetzung? Und wer lädt denn eigentlich gerade zum Theater ein? Engagierte Studierende der Hochschule oder die Presse selbst, indem sie der Studierendenschaft überhaupt erst eine derartige Meinungsmacht zuschreibt? 

Wenn die Studierendenschaft der HFPH eines gezeigt hat, dann ist es, wie wichtig Engagement und Verantwortung im Bereich akademischer Lehre eigentlich ist.