Ob Dampflok, Computer oder selbstfahrende E-Autos – technische Erfindungen haben innerhalb von wenigen Jahrhunderten unser Leben drastisch verändert. Dabei gab es damals wie heute immer wieder vehemente Kritik gegenüber Innovationen, wie beispielsweise der Dampflok.

Das "rauchende Ungeheuer" entspringe direkt aus der Hölle, so die Einschätzung eines Pfarrers aus dem 19. Jahrhundert. Die mit 60 km/h vorbeirasende Lokomotive sei außerdem als sehr bedenklich einzustufen, da beim Zuschauen der Hals verdreht oder Halswirbel ausgerenkt werden könnten.

Dass Neuheiten Menschen im positiven Sinne den Kopf verdreht haben, ist leider seltener. Das Fremde war und ist vielen Bürger*innen suspekt und Neues aus Wissenschaft und Technik muss vor allem in den Augen von Theolog*innen einen langen, beschwerlichen Weg gehen, um für gut befunden zu werden.

Roboter in der Pflege: Viel Kritik

Nun wird seit kurzem der Einsatz von Robotern in der Pflege diskutiert. Dabei mahnen Kirchenvertreter*innen und Ethiker*innen meistens zur Zurückhaltung oder kritisieren den Vorschlag. Laut Arne Manzeschke etwa, Professor für Anthropologie und Ethik für Gesundheitsberufe, kann ein Roboter keine menschliche Pflegekraft ersetzen, da er nicht erkenne, wie es Patient*innen gehe. Zudem wäre er nicht in der Lage zu helfen, wenn sich ein älterer Mensch verschlucke.

Viele Menschen haben ein Bild von Technik, die nicht funktioniert, unzureichend oder fehlerhaft ist. Jeder, der schon einmal ein Gerät angeschrien hat, weil Alexa, Siri und Co statt "Martin" "Marvin" angerufen oder statt einem "Date" eine "Diät" vorgeschlagen haben, würde den Eindruck bestätigen.

Computer und Roboter lernen dazu

Aber: Computer können selbstständig lernen. Raymond Kurzweil, US-amerikanischer Autor und Technologie-Chef von Google, sagt voraus, dass Computer bis 2030 die Intelligenz von Menschen erreichen. Weitere Zukunftsforscher*innen prognostizieren, dass in wenigen Jahrzehnten die künstliche Intelligenz der Rechensysteme sogar die Intelligenz der Menschen übersteigen wird.

Im direkten Vergleich Mensch - Computer ist bereits festzustellen, dass wir vermehrt den Kürzeren ziehen. Studien zum autonomen Fahren verdeutlichen, dass nachweislich seltener Unfälle durch "Robo-Autos" verursacht werden als durch menschliche Autofahrer*innen.

In der Pflege wird das relevant, wenn Untersuchungen durchgeführt, Medikamente oder Infusionen gegeben werden. Auch hier machen Menschen mehr Fehler als Roboter. Ein Roboter, der den Puls, Blutdruck, die Sauerstoffsättigung und den Gesichtsausdruck seines Gegenübers im Blick hat, wird genau erkennen, wie es diesem geht und Hilfe anbieten oder anfordern können.

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Roboter in der Pflege

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Roboter stören sich nicht an Gerüchen oder Überstunden

Zudem: Wenn Personen pflegebedürftig werden, markiert das einen großen Einschnitt im Leben der Betroffenen. Die eigene Selbstständigkeit und Selbstbestimmung werden eingeschränkt und Gefühle der Abhängigkeit und des Ausgeliefertseins dominieren. Sich selbst nicht mehr waschen oder eigenständig auf die Toilette gehen zu können, wird bei Pflegebedürftigen oft als beschämend wahrgenommen.

Das Problem könnte umgangen werden, wenn Betroffene statt von einer realen Person von einem Pflege-Roboter betreut werden würden. Nicht nur dem Bedürfnis nach Schutz der eigenen Privat- und Intimsphäre könnte Rechnung getragen werden, sondern auch das Gefühl zur Last zu fallen, würde weniger gewichtig. Denn was kümmern einen Roboter Gerüche, Überstunden oder der zu intensive Kontakt mit einem Menschen?

Technologie kann das Leben menschlicher machen

Ein Argument, das vor allem gegen den Einsatz von Technik angeführt wird, ist genau diese fehlende Kontaktfähigkeit von Robotern. Ein pflegebedürftiger Mensch braucht Manzeschke zufolge eine ganzheitliche Pflege, die sich um die physischen, psychischen, sozialen und spirituellen Belange der Menschen kümmere. Dem ist absolut zuzustimmen.

Es ist jedoch ein Irrtum zu glauben, dass bisher eine ganzheitliche Fürsorge durch Pflegepersonal umgesetzt werden kann. Aufgrund von Fachkräftemangel, hoher Verwaltungslast und demographischem Wandel kommt der Mensch als Subjekt bereits heute zu kurz, sowohl auf der Seite der Pflegenden als auch der Pflegeempfangenden.

Dem Zukunftsforscher Sven Gabor Jánszky zufolge macht Technologie das Leben gerade deswegen menschlicher. Durch den vermehrten Einsatz von Technik kann viel Arbeit abgenommen und Lebensqualität verbessert werden.

Was uns als Menschen ausmacht

Warum also überlassen wir den Robotern nicht die Aufgabenfelder, die sie zuverlässiger und fehlerfreier erledigen? Und in der eingesparten Zeit konzentrieren wir uns auf die Bereiche, die uns als Menschen ausmachen: Unsere Fähigkeit, Beziehungen einzugehen, sich einzufühlen, kreativ zu sein, über Glauben und Überzeugungen zu reden – und Fehler zu machen.