Die Debatte um das neue Wehrdienstgesetz dreht sich im Kreis. Der Erkenntnisgewinn unzähliger Schlagzeilen, Podcastfolgen und Social-Media-Clips erschöpft sich, vereinfacht gesagt, in einem Generationenkonflikt. Auf der einen Seite die Jungen, auf der anderen die Älteren – und dazwischen: viel Verständnislosigkeit.
Dieser Text richtet sich bewusst an die Älteren. Denn sie sind es, die am Hebel sitzen. Die entscheiden. Die überzeugt werden müssen – oder zumindest verstehen sollten, warum die Jungen sich verweigern.
Die Zahlen sind eindeutig: Junge lehnen Wehrdienst ab
Die Zahlen könnten klarer kaum sein: Während 58 Prozent der deutschen Bevölkerung die Wiedereinführung der Wehrpflicht befürworten, sind es unter den 18- bis 28-Jährigen nur 30 Prozent. Noch drastischer wird es bei der Frage, wer selbst dienen würde: 23 Prozent aller Befragten könnten es sich vorstellen – unter den jungen Menschen gerade einmal 14 Prozent. Das zeigen aktuelle Zahlen des DeZIM-Instituts.
Es liegt nicht an mangelndem Problembewusstsein. Die junge Generation nimmt die Bedrohungslage durchaus ernst in Europa. Sie fühlt sich vielmehr bei der entscheidenden Frage "Wie gehen wir politisch damit um?" schlicht übergangen.
Die ältere Generation antwortet darauf mit jenem Realismus, der sich gern als alternativlos versteht. Man spricht von Notwendigkeit, von Verantwortung, schließt ab mit Geschichtslehrstunden über die neue Gefahrenlage in Europa.
Der wahre Kern des Generationenkonflikts
So reden beide Seiten aneinander vorbei. Die einen fühlen sich nicht gehört, die anderen nicht verstanden. Man könnte jetzt sagen: Vielleicht sollten beide einander mal wirklich zuhören. Aber dieser Satz verrät schon, wie ich mit Anfang dreißig verdächtig trotzig dem Realismus-Narrativ auf den Leim gehe. Einfach mal zuhören – als wäre das die Lösung.
Nein. Das Problem ist nicht mangelnde Dialogbereitschaft. Das Problem ist, dass wir den Kern des Konflikts gar nicht erkennen.
Stattdessen inszenieren wir weitere Lanz-Runden, weitere Streit-Titelseiten, weitere Gen-Z-gegen-Boomer-Gegenüberstellungen – als könnte man durch immer mehr Konfrontation ein Grundproblem lösen, das tiefer liegt.
Ein erster Schritt wäre, den Generationenkonflikt beim Namen zu nennen. Selbst wenn im Ernstfall nicht nur die Zwanzigjährigen zur Waffe greifen müssten, sondern alle wehrfähigen Männer, bleibt die Machtfrage dieselbe: Die Älteren sagen den Jüngeren, was zu tun ist. Ganz simpel.
Ohnmacht wie in der Kindheit
Und das erinnert fatal an jene Ohnmachtskonstellation, die jede:r aus seiner oder ihrer Kindheit kennt. Die Eltern entschieden, wann man abends zurück sein musste. Erst Hausaufgaben, dann FIFA. Die Lehrerin ermahnte einen auf dem Pausenhof, weil man zu spät zur vierten Stunde unterwegs ist. Man durfte diskutieren, verhandeln vielleicht, einen Kompromiss herausschlagen. Aber das Grundgefühl blieb: Am Ende waren die Kinder den Eltern unterlegen.
Genau dieses Gefühl kehrt jetzt zurück. Ohnmacht macht hilflos. Und wütend.
Damit wären wir beim zweiten Punkt: Was diese Generation in ihrer Jugend durchgemacht hat, lief nicht gerade unter "best of times". Verwöhnt, faul, unmotiviert – was man nicht alles hört über die Heranwachsenden. Von den Älteren, natürlich.
Dabei wurde diese Generation durch Corona in ihren prägendsten Jahren hart getroffen, durch Kriege und Krisen verängstigt, durch eine geopolitische Gesamtlage bedrängt, die man am besten mit Worten auf "-ismus" zusammenfasst: Extremismus, Rassismus, Populismus. Ein Despot im Weißen Haus. Religiöse Anfeindungen allerorten.
Von Fridays for Future zur Wehrpflicht-Debatte
Und trotzdem: Dieselbe Generation ging jeden Freitag auf die Straße, um für das Klima zu kämpfen. Sie bewies Mut, Entschlossenheit, Kampfbereitschaft. Sie hatte einen Blick fürs große Ganze. Klug, aufgeklärt, erstaunlich reif für ihr Alter. Und was passierte? Man zitierte sie zurück auf die Schulbank. Lobte ihr Engagement, klar – immerhin besser als FIFA zocken.
Aber dann: Vertröstet. Wahlperiode für Wahlperiode, Krise für Krise. Die Wissenschaft? Auf ihrer Seite. Das Handeln? Verschoben.
Ach ja, und jetzt, wo wirklich keine Zeit mehr ist für dieses lebenswichtige Randthema – jetzt soll es plötzlich um etwas anderes gehen. Und da fragt man sich: Wie sollen junge Menschen jetzt, wo es um ihr Leben geht, um ihre Werte, um die Frage, ob sie bereit sind zu töten und getötet zu werden – wie sollen sie jetzt darauf vertrauen, dass man sie diesmal ernst nimmt? Dass man sie diesmal wirklich hört?
Was jetzt passieren muss
Es gibt Stimmen, die sich aus diesem Konflikt lösen wollen. Eltern etwa, die offen sagen: Ich will nicht, dass mein Kind in den Krieg zieht. Klar, auch das hat einen Beigeschmack von Bevormundung. Aber wenn dahinter wirkliches Nachdenken steht, ein Ringen – dann ist das wenigstens eine Grundlage.
Oder Menschen, die für den Wehrdienst eintreten, aber die enorme Last anerkennen, die damit verbunden ist. Die empathisch fragen: Was braucht ihr eigentlich?
Das wäre der Anfang. Junge Menschen müssten dort ankommen, wo Entscheidungen getroffen werden. In Gremien, in Ministerien, in Kommissionen. Nicht als Feigenblatt, sondern als gleichberechtigte Stimmen. Denn wer über das Leben anderer entscheidet, sollte zumindest mit ihnen gesprochen haben.