Berufe
Es ist eines der romantischen Klischees schlechthin: Der Schäfer auf der Weide, inmitten seiner Schafe, alles weiß und weich, niedlich und friedlich. Doch die Realität der nurmehr wenigen Berufsschäfer in Bayern sieht anders aus.
Schäfer Richard Kiemer aus dem oberbayerischen Unterumbach im Landkreis Dachau im Stall mit seinen Schafen

Kaum auf der Welt, stehen sie auf ihren dürren Beinchen, suchen nach Milch und machen die ersten staksigen Schritte. Im Stall von Schäfer Michael Schlamp hat ein Mutterschaf gerade zwei Lämmchen geboren.

Jetzt im März ist der Wanderschäfer aus dem niederbayerischen Eining mit seiner Herde im Stall. Aber die meiste Zeit des Jahres sorgen sie im Naturpark Altmühltal dafür, dass die Landschaft der Juraregion erhalten bleibt. Wären die Schafe nicht, würden die berühmten Felsen von Büschen und Bäumen überwuchert. Ein jahrhundertealtes Landschaftsbild ginge verloren.

Zwei Stunden alt ist das Lamm, das im Stall von Schäfer Michael Schlamp geboren wurde. Allein mit der Schafzucht könne er nicht überleben. Die Schäfer sind auf Beweidungsprojekte angewiesen

Der Beruf des Schäfers stirbt zunehmend aus

Während die Schäferei in dieser Region noch recht gut funktioniert, stirbt der Beruf insgesamt zunehmend aus. Nur mehr 80 Berufsschäfer gibt es in Bayern, Tendenz weiter sinkend. Der Schafbestand nimmt laut Statistischem Landesamt seit Jahren ab: Vor zehn Jahren gab es noch 15 Prozent mehr Betriebe und elf Prozent mehr Schafe.

Auch Schäfer Richard Kiemer aus dem oberbayerischen Unterumbach im Landkreis Dachau gehört zu den letzten Berufsschäfern. "Schäfer ist der schönste Beruf der Welt", sagt er. Er liebe die Freiheit und das Draußensein. Aber es habe schon Gründe, warum es immer weniger gebe. Der Stundenlohn sei mickrig, überleben ließe sich nur, wenn die ganze Familie mithelfe.

Der Beruf des Schäfers bringt viel Arbeit mit sich

Ein Landwirt drücke auf den Knopf, "zack ist die Sau gefüttert", beschreibt er. Während in der Kuh- und Schweinehaltung vieles mit Hilfe von Maschinen funktioniere, sei das bei Schafen eben anders.

"Wir stehen jeden Tag zehn Stunden draußen, egal bei welchem Wetter", sagt Kiemer. Und auch wenn das nach dem romantischen Idyll vom Schäferleben klinge, habe es damit wenig zu tun. "Denn dabei rattert mir permanent der Kopf, weil es so viel mehr zu tun gibt". Selbst als seine Frau in den Wehen lag, habe er sie gefragt, wie lang sie denn noch brauche - weil er noch zu den Schafen müsse.

Dreimal im Jahr kommen Lämmer zur Welt

Auch Bayerns Schafe liegen gerade "in den Wehen". Dreimal im Jahr kommen Lämmer zur Welt: im Winter, im Sommer und jetzt im März.

Seit vier Wochen hat Kiemer 200 Lämmer im Stall, das bedeutet "Arbeit ohne Ende", sagt er. Und während er das erzählt, werden die nächsten zwei Mitglieder des knapp 1.000-köpfigen Bestands geboren.

Finanziell lohnt sich die Schafzucht kaum

Wer glaubt, Schäfer könnten von Wolle, Milch oder Fleisch ihrer Tiere leben, erntet nur ein müdes Lächeln. "Sinn macht die Lämmerproduktion nicht", sagt Schäfer Kiemer - und meint damit: finanziell.

Dafür koste der Unterhalt der Muttertiere zu viel Geld. Ähnlich schaue es mit der Wolle aus: Früher habe es für das Kilo 20 Mark gegeben, heute gerade einmal 50 Cent, schüttelt er den Kopf. Das Scheren seiner Merinoschafe mache mehr Arbeit als dass es einbringe. "Am besten wäre es, da würde gar nichts wachsen."

Die Lage der Wanderschäfer wird immer schwieriger

Doch wovon leben die Schäfer dann? Neben staatlichen Förderungen und der Zucht bringt den Großteil der Einkünfte die Landschaftspflege. Schlamp ist mit seinen Tieren auf den Jurahängen unterwegs, ökologisch schonend, "so dass auch Käfer, Insekten und Samen überleben".

Trotzdem werde die Lage für ihn und die anderen Wanderschäfer immer schwieriger, immer öfter dürften sie Wege und Wiesen nicht betreten. Wenn er mit seiner Herde vom Stall zu den 15 Kilometer entfernten Jurahängen will, wünsche er sich manchmal, fliegen zu können. "Irgendwen störst du als Schäfer immer - den Spaziergänger, den Autofahrer, den Landwirt oder den Jäger", sagt Schlamp.

Schäfer unterstützen bei der Pflege schwer befahrbarer Flächen

Schäfer Kiemer pflegt mit seinen "Mäh"-Dreschern einen 100 Hektar großen Truppenübungsplatz bei Landsberg am Lech. Wenn ihm die Bundeswehr kündige, "wäre meine Existenz dahin", sagt er.

Neue Pachtflächen zu finden, werde immer schwieriger. Ein Standbein vieler Schäfer seien Solarparks: Für Maschinen sei das Durchkommen zur Landschaftspflege dort oft schwierig, Kiemer hat hierfür einige "extra niedrige" Schafe, die besser unter die Kollektoren passen.

Wenn Kiemer durch seine Schafe geht, kommen sie zu ihm, strecken ihre Mäuler hin, er tätschelt sie, sagt ein paar zärtliche, aber bestimmte Worte. Er beschreibt seine Herde als treu, loyal, verlässlich. Es seien Gewohnheitstiere, die genau wissen, wann was passiert.

Der Wolf ist eine zusätzliche Bedrohung für bayerische Schäfer

Neben immer neuen Auflagen und Richtlinien hat es jetzt auch der Wolf auf die Schäfer abgesehen. Immer häufiger taucht er bei bayerischen Herden auf, in Kiemers Nähe hat er kürzlich ein Reh gerissen.

Das bereitet dem Schäfer Sorge. Er wolle nicht jede Nacht Angst um seine Tiere haben. Doch eine rechte Lösung sieht er nicht. "Der Mensch wird den Wolf nicht in den Griff kriegen, der ist viel zu schlau", sagt er.

Schon jetzt weiß er nicht, was er seinem Sohn sagen soll. Flo ist zehn Jahre und kümmert sich um 50 eigene Schafe. "Papa, das kann doch nicht sein, dass der Wolf meine Schafe frisst?", fragt er; das Thema beschäftigt ihn sehr. Doch der Vater ist ratlos: "Wenn der Wolf kommt, wird es noch weniger Berufsschäfer geben."

Trotzdem kann Kiemer dem Sohn nicht davon abraten, Schäfer zu werden. "Irgendwie hoffe ich doch, dass meine Söhne alles übernehmen", sagt er. Allen Sorgen zum Trotz sei es ein Traumberuf.

Im Winter geborene Lämmer werden als Osterlamm verkauft

Um als Osterlämmer verkauft zu werden, dafür sind die gerade zur Welt gekommenen Zwillinge übrigens zu spät dran. Da trifft es die, die schon im Winter geboren wurden, erläutert Schäfer Schlamp, als seine Frau und seine vier Kinder in den Stall kommen.

Tochter Johanna hat ihr eigenes Schaf und sucht ihre Elisabeth in der großen Herde. "Manche haben bei uns Bestandsschutz, die werden wahrscheinlich sogar beerdigt", grinst der Schäfer.

Auf den eigenen Oster-Lammbraten will die Familie bei aller Liebe nicht verzichten. "Bei uns gibt es artgerechte Tierhaltung, den Schafen geht es gut bei uns", sagt Schäfersfrau Corinna Schlamp: "Dann kann ich auch guten Gewissens mein Osterl

Schafe im Stall von Schäfer Michael Schlamp

Immaterielles Kulturerbe - Die Ausstellung "KulturErben"

Bei der Wanderschäferei handelt es sich um ein Immaterielles Kulturerbe. Immaterielles Kulturerbe bezeichnet Traditionen wie Musik, Tanz, Handwerk - also Ideen und kreative Leistungen, die unmittelbar mit dem Menschen zu tun haben.  Auf der repräsentativen Liste der UNESCO stehen insgesamt 420 Formen des Immateriellen Kulturerbes.

Die Austellung KulturErben zeigt in 37 fotografische Arbeiten renommierter Fotografinnen und Fotografen sowie junger Nachwuchskünstler die verschiedenen Formen des Immateriellen Kulturerbes. Nähere Informationen zur Ausstellung finden Sie hier

 

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