Donald Trump als Werkzeug Gottes? Im seinem Buch "Mit Gott gegen die Demokratie" beschreibt Arnd Henze, wie christlicher Nationalismus ­Demokratie gefährdet. Ein Gespräch über Macht, Glauben, illusionslose Hoffnung – und den Angriff auf den Iran.

Herr Henze, Sie nennen Donald Trump in Ihrem Buch einen "Rächer". Wessen Kränkungen rächt er eigentlich?

Arnd Henze: Für Trump selbst geht es um persönliche Kränkungen, narzisstische Wunden. Spannend ist, was er für die MAGA-Bewegung verkörpert: Sie sieht das 20. Jahrhundert als Zeit der Niederlagen. Immer wieder Kulturkampf, gegen Evolution, Frauenrechte, gleiche Rechte für queere Menschen. Und immer wieder setzte die Verfassung Grenzen. Trump erscheint ihnen als derjenige, der diese Niederlagen rächt – einer, der sich nicht mehr um Verfassung oder Gesetze schert.

Und das können Christinnen und Christen mittragen?

Viele berufen sich auf den Perserkönig Kyros aus der Bibel: Der war kein frommer Mann, aber von Gott genutzt, um sein Volk zu befreien. In dieser Logik sagen sie: Wir brauchen keinen moralisch untadeligen Christen, sondern jemanden, der für uns kämpft – gegen Feministinnen, liberale Eliten oder Richter.

Sie greifen den Begriff "Sadopopulismus" auf ...

Der Begriff stammt vom Historiker Timothy Snyder und beschreibt, wie inszenierte Grausamkeit gegenüber Schwächeren die eigenen Anhänger entschädigt, dass sich ihr Leben nicht verbessert. Stattdessen sagen die Mächtigen: "Es geht euch nicht besser – aber schaut, wie die anderen leiden." Das Leiden von Migranten an der Grenze, Bilder aus Abschiebezentren, die Lust daran, Minderheiten öffentlich zu demütigen: Das gehört zur Inszenierung. Trumps Politik nützt materiell vor allem den Reichen, nicht den vielen, die ihn gewählt haben. Um das zu übertünchen, braucht er dieses Versprechen der Vergeltung.

Arnd Henze

Arnd Henze (*1961) ist TV-Journalist beim WDR. Er studierte Evangelische Theologie in Göttingen, Heidelberg und am Graduate Theological Union im kalifornischen Berkeley. Henze hat als Korrespondent für die "Tagesschau", "Tagesthemen" und den ARD‑"Weltspiegel" berichtet und ist Mitglied der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD).

Was ist "christlicher Nationalismus" – und wie unterscheidet er sich eigentlich von "­evangelikal"?

Der klassische Evangelikalismus ist eine religiöse Frömmigkeitsform: persönliche Bekehrung, Bibeltreue, Mission. Christlicher Nationalismus ist eine politische Ideologie. Sie behauptet, Amerika sei als christliche Nation gegründet worden, und der Staat müsse diese Identität durchsetzen – notfalls gegen demokratische Verfahren. Religion wird dabei zum Machtinstrument. Nicht alle Evangelikalen sind christliche Nationalisten, aber deren Ideologen sind sehr erfolgreich darin, evangelikale Strukturen und Sprache zu nutzen, während zentrale Inhalte wie Nächstenliebe ausgeblendet werden.

In Ihrem Buch spielt "Project 2025" eine zentrale Rolle. Was ist das?

Ein über 900 Seiten langes Strategiepapier aus dem Umfeld der Heritage Foundation. Es war im Wahlkampf 2024 Blaupause dafür, wie man die USA in einen autoritären, christlich-nationalistischen Staat umbaut: Gleichschaltung der Bundesverwaltung, Besetzung von Schlüsselstellen, Schwächung unabhängiger Behörden, politischer Zugriff auf Justiz und Medien. Trump selbst liest keine 900 Seiten. Das ist Teil seines Deals mit der MAGA-Bewegung: Er darf erratisch und narzisstisch bleiben – dafür darf sich in seinem Umfeld ein Machtzirkel halten, der klare Pläne hat. Etwa Leute wie Russell Vought oder Stephen Miller, die genau wissen, was sie tun. Vought steuert, wohin die Milliarden der Regierung fließen – vorbei an gewachsenen Checks and Balances. Miller ist der Architekt der migrationspolitischen Härte. Unter ihrer Regie werden Behörden zu Waffen im Kulturkampf.

Sie schildern das brutale Vorgehen der US-Einwanderungsbehörde ICE mit zwei Toten in Minneapolis als Wendepunkt. Was haben Sie dort gesehen?

Eine Art "Neighborism", eine Theologie der Nachbarschaft. Menschen sagen: Was ich hier mit eigenen Augen sehe, darf nicht sein. Diese konkrete Solidarität von Nachbarn, Kirchengemeinden und Zivilgesellschaft ist eine starke Gegenkraft gegen politische Radikalisierung und zeigt, wie widerstandsfähig demokratische Gesellschaften sein können.

Warum sollte uns das in Deutschland kümmern?

Weil es transatlantische Netzwerke gibt, die bewusst nach Europa wirken und hier politischen Einfluss nehmen. Und weil auch bei uns Parteien gezielt an kirchliche Milieus anknüpfen. Entscheidend ist deshalb, dass Kirchen ihre eigene Botschaft klar leben: Menschenwürde, Nächstenliebe und Verantwortung für den anderen.

Was bedeutet der Angriff auf den Iran für die MAGA-Bewegung?

Darin liegt enorme Sprengkraft. Innerhalb der Bewegung stehen auf der einen Seite 10 bis 15 Millionen christliche Zionisten mit ihrer apokalyptischen Sehnsucht nach der Rückkehr des Messias im "Heiligen Land". Auf der anderen Seite die weißen Isolationisten, denen es nur um "America First" geht. Entlang dieser Bruchlinie tobt ein heftiger Streit.

Sie entwerfen ein Worst-Case- und ein Best-Case-Szenario. Was wäre das Schlimmste?

Dass demokratische Verfahren so ausgehöhlt werden, dass freie Wahlen manipuliert werden oder nicht mehr stattfinden und ein autoritäres System entsteht.

Und was spricht für den besseren Weg?

Dass viele Menschen ihre Illusionen über Trump verloren haben und seine Bindekraft bereits deutlich schwindet. Gegenkräfte wachsen: Zivilgesellschaft, Kirchen und demokratische Institutionen. Ich nenne das "illusionslose Hoffnung". Wir dürfen weder die Gefahren kleinreden noch die Hoffnungsräume übersehen. Nur wenn wir beides ernst nehmen, entsteht die Kraft, die Demokratie zu verteidigen.

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Vor 250 Jahren, am 4. Juli 1776, schlug die Menschheit mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ein neues Kapitel auf: das von Freiheit und Demokratie. Aber dies ist nur eine mögliche Perspektive auf die Geburt der Vereinigten Staaten von Amerika. Ihren Sklaven und ihren Frauen gestanden die Gründerväter dieser neuen Republik Freiheit und Demokratie keineswegs zu. 

In den 250 Jahren haben die USA sich immer wieder neu erfunden und die Welt geprägt und verändert wie keine andere Nation. Viele Menschen weltweit sehen die amerikanische Republik zunehmend kritisch. Doch Pauschalurteile über das Land sind falsch

Geschichte:

  • Drei protestantische Paten: Die evangelischen Wurzeln der Republik der Freiheit.

  • Das Ende eines Traums: Der Historiker Andreas G. Weiß über den American Dream.

  • Der Thanksgiving-Mythos: Woher kommt das amerikanische Erntedankfest?

Gegenwart:

  • Trump, der Rächer: Arnd Henze zum christlichen Nationalismus in den USA.

  • Das Projekt 1619: Was ist das wahre Gründungsdatum der USA?

  • Wohin wenden sich die Christen? – Die christliche Mehrheit und die Zukunft der USA.