Die Zeiten sind längst vorbei, in denen Theolog:innen wie Margot Käßmann, Wolfgang Huber oder Heinrich Bedford-Strohm zu den Stimmen gehörten, die gesellschaftliche Krisen deuteten. Sie saßen in Talkshows, schrieben Feuilleton-Essays, gaben Interviews – und ihre Bücher lagen in den Bahnhofsbuchhandlungen stapelweise aus. Theologie war einmal eine öffentliche Deutungsinstanz.

Heute sieht man dort andere Titel. Bücher über "Triggerpunkte", "Resonanz", "Polarisierung" oder "Singularitäten" dominieren die Auslagen. Soziologische Diagnosen einer Gesellschaft, die sich selbst zu erklären versucht – und dabei auf Begriffe zurückgreift, die wissenschaftlich klingen und zugleich alltagsnah sind.

Wo früher Theologie und Philosophie Sinnfragen öffentlich verhandelten, wird heute zunehmend soziologisch gesprochen. Vielleicht liegt das an einer Fähigkeit der Soziologie, die man nicht unterschätzen sollte: Sie findet Worte für Erfahrungen, die viele schon haben, aber noch nicht benennen konnten – und verbindet diese Worte mit Theorie.

Der Soziologe Nils C. Kumkar hat über einen dieser Begriffe ein ganzes Buch geschrieben: "Polarisierung" – was uns die Gelegenheit gab, ihm eine Frage zu stellen, die er sich selbst wohl nicht gestellt hätte: Ob die Soziologie inzwischen dort steht, wo früher Theologie und Philosophie standen. Nicht weil sie dasselbe täte – sondern weil die Frage, warum Leben und Gesellschaft sind, wie sie sind, nicht verschwindet. Was sich verschiebt, sind die Erwartungen der Menschen an die Disziplin, die sie beantworten soll.

Herr Kumkar, ich behaupte: Die Soziologie hat die Theologie und Philosophie beerbt. Nicht als Religion – aber als öffentliche Sinninstanz. Würden Sie dieser These zustimmen?

Nils C. Kumkar: Die Frage ist anspruchsvoller, als sie auf den ersten Blick scheint – nicht nur weil das empirisch kaum zu messen ist, sondern auch weil es zuerst zu klären gälte, was man mit "öffentlicher Sinnsinstanz" eigentlich meint. Meine erste Reaktion wäre: Ein Teilerbe haben wir vielleicht angetreten. Aber es gibt nach wie vor keine Soziolog:innen – und ich halte das für richtig so –, deren Äußerungen öffentlich als autoritative Richtschnur zum guten Leben rezipiert würden.

Theologische Kommunikation leistet das aber immer noch. Sie ist nicht nur ethisch – sie weist über diese Ethik hinaus auf die Unterscheidung von Immanenz und Transzendenz, und das auf eine Art und Weise, die für soziologische Kommunikation nur dann eine Rolle spielt, wenn wir über Religion reden. Was wir nicht so häufig öffentlich wahrnehmen.

Insofern: Wenn überhaupt, dann wurde uns ein Teilbereich abgetreten – nämlich überall dort, wo es darum geht, zu beobachten, wie Menschen sich selbst einen Reim auf die Welt machen und was damit anzufangen ist.

Und ich glaube in der Tat, dass die Soziologie darin öffentlich hörbarer geworden ist – vor allem in Debatten darüber, was die Leute eigentlich brauchen und warum sie sich, salopp gesagt, daneben benehmen. Das ist ein Terrain, das früher stärker theologischer Kommunikation gehörte.

Bei der Philosophie bin ich mir noch unsicher. Mein Eindruck ist, dass die öffentliche Rezeption hier ausgesprochen unscharf ist und zwischen einer philosophischen und einer soziologischen Einlassung oft gar nicht unterscheidet. Was dann entscheidet, wer in die Talkshow eingeladen wird, ist weniger die Disziplin als die Frage, wer zuletzt ein Buch in einem Publikumsverlag veröffentlicht hat.

Wenn die Grenze zwischen Soziologie und Philosophie in der öffentlichen Wahrnehmung ohnehin verschwimmt – vollzieht sich die ganze Verschiebung dann nicht vor allem unbemerkt? Säkularisierung, Urbanisierung, der allmähliche Rückzug transzendenter Sinnangebote: das sind Prozesse, die Menschen nicht als Verlust erleben, sondern einfach durchleben. Vielleicht wandern ihre Erwartungen einfach in Richtung Soziologie – weil dort Sinnfragen heute greifbarer verhandelt werden, im Hier und Jetzt, ohne den Umweg über das Ewige oder das Abstrakte. 

Das kann ich mir ein Stück weit vorstellen. Ich weiß allerdings nicht, ob die theologische Textproduktion – um das so nüchtern zu sagen – tatsächlich abgenommen hat. Was ohne Frage stattgefunden hat, und das betrifft nicht nur die Theologie, ist eine Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Kommunikationsformen.

Religion ist für weniger zuständig – aber für den gar nicht mal so kleinen Preis, dass sie als Religion dadurch auch viel klarer konturiert ist.

Ich glaube auch, dass die Menschen da nicht immer klar unterscheiden – und trotzdem tun sie es irgendwie. Man schaut sich die Christmette aus anderen Gründen an als eine Talkshow. Und wenn ein Bischof in eine Talkshow kommt, wird das anders rezipiert als wenn ein Soziologe das tut. Manchmal ist es gar nicht so trivial zu sagen, was den Unterschied macht. Aber die Leute haben ein Gespür dafür. Sie gehen nicht davon aus, dass sie vom einen das kriegen, was sie vom anderen genauso bekämen.

Und es berührt sich dann natürlich. Unser Gespräch jetzt zum Beispiel verbindet genau diese Frage: Wie viel Immanenz, wie viel Transzendenz braucht Sinngebung eigentlich? Darüber denken Soziolog:innen genauso nach wie Theolog:innen – weil es das ureigene Geschäft auf beiden Seiten berührt – aber eben unterschiedlich.

Das zeigt sich auch an einem Fall wie der Corona-Pandemie: Was Soziolog:innen dazu sagen, macht den Leuten ein anderes Angebot als das, was Theolog:innen dazu sagen – und ich glaube, die Leute nehmen das auch souverän so an. Es ist ein Unterschied, ob man über Verletzlichkeit, Endlichkeit und die Frage spricht, ob man sich fürchten muss, oder ob man fragt, warum bestimmte Menschen auf bestimmte Regeln anders reagieren als andere. Das mag manchmal in ähnlichen Formaten passieren. Aber ich sehe da keine wirkliche Gebietskonkurrenz.

Würden Sie sagen, die Soziologie hat heute die Rolle einer Leitwissenschaft übernommen?

Nein. Obwohl man zunächst fragen müsste, was eine Leitwissenschaft eigentlich ist. Soziologische Bücher in Publikumsverlagen verkaufen sich gerade gut – das kann man festhalten. Und das geht mit einer gewissen öffentlichen Aufmerksamkeit in bestimmten Diskussionsformaten einher.

Aber es wäre mir neu, dass die politische Öffentlichkeit maßgeblich von soziologischen Einlassungen geprägt würde – in dem Sinne, dass sich etwas daran ausrichtet und nicht, dass man sich lediglich ein paar Ausdrücke borgt, die einem gut passen.

Dasselbe gilt im Verhältnis zu den anderen Wissenschaften: Es gibt gegenseitige Beeinflussung, und vielleicht werden Politikwissenschaft und Soziologie heute stärker rezipiert als vor dreißig Jahren. Das mag sein. Aber eine wirkliche Gravitation – in dem Sinne, dass man spürte: Hier richtet sich etwas nach soziologischen Überlegungen aus – gibt es eigentlich nicht.

Ich würde eher von einem Aufmerksamkeitsshift sprechen. Gesellschaftliche Krisen – und der Umgang von Gesellschaft mit Krisen – werden von den Menschen gerade sehr stark als soziales und damit eben auch als Kommunikationsproblem erlebt. Und dann liegt es nahe, Soziologie in diese Kommunikation einzubeziehen.

Nils C. Kumkar

Nils C. Kumkar, geboren 1985, ist Soziologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter am SOCIUM – Forschungszentrum Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen. Er forscht zu sozialer Ungleichheit, politischem Protest, qualitativen Methoden und Gesellschaftstheorie. Kumkar ist regelmäßig in Fernsehen und Rundfunk präsent und schreibt unter anderem für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Mir fällt auf, dass soziologische Begriffe wie 'Resonanz', 'Polarisierung' oder 'Verlust' ausgesprochen anschlussfähig sind – vielleicht weil sie Krisen deuten, ohne eine Weltanschauung vorauszusetzen. Im Gegensatz zu Theologie und Philosophie, die oft eine Grundhaltung schon mitbringen. Ist das der eigentliche Wettbewerbsvorteil der Soziologie?

Was mich an diesen drei Begriffen interessiert: Sie kommen eigentlich gar nicht aus der Soziologie. Sie werden von ihr aufgegriffen und gelten in der Öffentlichkeit dann als soziologisch – auch weil man unterstellt, sie meinten dasselbe, was man selbst alltäglich damit meint. Das ist eine bemerkenswerte Übertragungsleistung.

Bei 'Resonanz' und 'Verlust' bleibt die Alltagsnähe erhalten, die Missverständnisse sind geringer. Gleichzeitig sind das Begriffe, die innerhalb der Soziologie selbst relativ wenig Anschlüsse erzeugen – oder wenn, dann meist in Richtung der Alltagsverwendung, nicht der theoretischen Herleitung.

Bei 'Polarisierung' ist es komplexer, weil der Begriff im öffentlichen Diskurs bereits als wissenschaftlicher wahrgenommen wird. Aber auch hier hat die Soziologie nicht den Anfang gemacht – es ist ursprünglich viel eher ein politikwissenschaftlicher Begriff, aus der Physik entlehnt.

Die eigentlich interessante Frage ist: Warum gelingt das der Theologie möglicherweise weniger? Das Argument der Voraussetzungshaftigkeit stimmt. Wer ein theologisches Buch zur Hand nimmt, meint wohl eine Prämisse bereits gekauft haben zu müssen, bevor er das Buch gekauft hat.

Bei der Soziologie gibt es diesen Effekt zwar auch – es gibt durchaus Leute, die das ganze Fach zum Beispiel politisch einordnen, bevor sie die erste Seite gelesen haben. Aber es ist keine so zuverlässige Erwartungshaltung.

Sie zeigen in Ihrem Buch "Polarisierung", welchen Einfluss Medien bei der Berichterstattung über gesellschaftliche Spaltung haben. Wer bestimmt eigentlich, welche soziologischen Begriffe in Umlauf kommen – die Wissenschaft oder der Medienbetrieb?

Die Rede vom "Medienbetrieb" verführt dazu, ihm zu unterstellen, er sei ein Subjekt, das Entscheidungen trifft. Das ist er nicht. Er besteht aus unzähligen Einzelentscheidungen, die dann funktionieren oder nicht. Es ist meistens viel einfacher, im Nachhinein zu sagen, warum ein Begriff verfangen hat, als zu erklären, warum ihn jemand geprägt hat. Alle prägen die ganze Zeit Begriffe. Die meisten bleiben nicht hängen.

Beim Begriff der Polarisierung hatte ich den Eindruck: Hier kommen mehrere Vorteile zusammen, die andere Begriffe einzeln auch haben, aber nicht alle auf einmal. Er klingt wissenschaftlich und ist gleichzeitig bedeutungsoffen. Er bezieht sich auf Konflikt, was mediale Aufmerksamkeit fast automatisch erzeugt. Er liefert nicht nur Beschreibung, sondern Deutung. Und er ist hinreichend technisch, um den Verdacht im Vorfeld auszuräumen, man ergreife Partei für den Konflikt, über den man spricht. Polarisierung erscheint immer als schicksalhaftes Verhängnis, über das man sich kollektiv die Haare rauft. Man kann den Begriff also benutzen, um zu erklären, was man will, wie man es will – und niemand wird einem deswegen einen Strick daraus ziehen. Dieses Zusammenspiel macht Begriffe durchsetzungsfähig.

Bücher haben, so mein Eindruck, bei der Etablierung solcher Begriffsroutinen einen geringen Einfluss. Als ich meines schrieb, war der Begriff auf jeden Fall schon dreißig Jahre heiß in der Öffentlichkeit diskutiert. Es war eher der Versuch, zu verstehen, warum er so verbreitet ist, als der Versuch, ihn erst zu prägen.

Es gibt aber Ausnahmen – die "Triggerpunkte" zum Beispiel. Solche Begriffe leisten etwas Bestimmtes: Sie geben einer Alltagswahrnehmung einen Namen, die die Leute schon diffus ahnten, aber noch nicht benennen konnten.

Aber allgemein gilt: Der Begriff kann wissenschaftlich noch so präzise sein – wenn er keine Assoziationsketten auslöst, spielt er in der öffentlichen Verständigung in der Regel keine Rolle. 

Sie sagen, der Medienbetrieb ist kein Subjekt. Aber "die Wissenschaft" wird ständig als eines behandelt, wenn es heißt: "Die Wissenschaft sagt..." – was löst das bei Ihnen aus?

Inzwischen wenig. Es ist eine Spannung, mit der man leben muss. Ich glaube ja selbst, dass es sinnvoll ist, von Wissenschaft als Singular zu sprechen – dass das also keine völlig beliebige Sammelbezeichnung ist. Und das Muster ist dann ja menschlich: Wenn man für etwas einen Namen hat, neigt man dazu, ihm Handlungsfähigkeit zu unterstellen.

Aber in den meisten Fällen ist es, wenn es in der Politik passiert, eine Verantwortungsverschiebung. Wenn Politik von "der Wissenschaft" spricht, will sie meistens, dass die Wissenschaft etwas tut – nämlich Probleme lösen, die man selbst nicht in den Griff bekommt.

Das kann die Wissenschaft nicht. Sie könnte es noch nicht einmal, wenn sie ein Subjekt wäre. Wissenschaft kann Probleme klären, nicht lösen. Die Lösungen müssen trotzdem noch politisch gefunden werden. Hinzu kommt, dass Wissenschaft intern ausgesprochen heterogen ist. Die Art, wie in der Geschichtswissenschaft über Wahrheit nachgedacht wird, ist eine andere als in der Physik, und die ist wieder eine andere als in der jeweiligen Wissenschaftstheorie.

Wenn jemand sagt, Wissenschaft sei kein Selbstzweck, sondern müsse zur Wertschöpfung beitragen, kann damit Theologie nur sehr begrenzt gemeint sein. Und trotzdem – ich glaube das wirklich – haben genau diese Disziplinen, deren unmittelbare Nutzanwendung in Sachen "Forschungsoutput" vielen nicht einleuchten dürfte, eine zentrale Funktion für Wissenschaft als Ganzes: Sie stellen gesellschaftliches Reflexionswissen bereit und erlauben ein Nachdenken über Wissenschaft und Gesellschaft, das den anderen Wissenschaften eine Form von Autonomie erst ermöglicht.

Wenn das durch eine enge Definition dessen, was Wissenschaft ist, wegdefiniert wird, wird das, glaube ich, tatsächlich gefährlich – auch für wissenschaftliche Unabhängigkeit insgesamt.

Sie haben in ihrem Buch gezeigt, dass Polarisierung zu einem erheblichen Teil diskursiv hergestellt wird – durch Sprache, durch Medien, durch kollektive Beschreibung. Das heißt: Wir reden eine Wirklichkeit in die Existenz, von der wir gleichzeitig überzeugt sind, sie existiere unabhängig von uns schon. Das ist ja fast ein erkenntnistheoretischer Befund. Oder?

Erstens: ja. Aber ich sollte zweitens nicht so tun, als hätte ich diesen Befund erfunden – er beschreibt eigentlich das Kerngeschäft der Soziologie recht gut. Denn diese Realität, die wir, salopp gesagt, herbeireden: Das ist unsere Realität. Das ist der Gegenstand der Soziologie – die emergenten Resultate von Kommunikation und gesellschaftlichem Handeln.

Hinzu kommt: Die Beschreibung, die Sie geben – wir reden sie herbei, aber gehen davon aus, dass sie schon existiert –, ist auch eine völlig realitätsadäquate Verhaltensweise: Denn für uns als je einzelne Person geht die Polarisierung unserer Kommunikation ja wirklich voraus. Was die Soziologie anbieten kann, ist Reflexion – keine Auflösung. Und man muss aufpassen, dass beides nicht verwechselt wird. Das habe ich bei diesem Buch selbst gemerkt: Die Einsicht, dass Polarisierung diskursiv entsteht, verführt leicht zu dem Schluss, man müsse nur anders reden – und schon löst sie sich auf. Aber das funktioniert nicht.

Deswegen sind wir da, wo wir sind. Könnte das Buch das Problem so einfach lösen, hätte ich es gar nicht erst schreiben müssen. Gerade die störrische Härte von dem, was doch eigentlich auch anders hätte sein können, ist ja das Rätsel, über das es nachzudenken lohnt.

Erleben Sie, dass man Sie weniger fragt, wie Polarisierung entsteht – als was man dagegen tun soll?

Ja. Und ich finde das völlig in Ordnung – das ist nicht die Schuld der Leute, allenfalls meine. Und ein Stück weit ist es auch unvermeidlich. Wenn man etwas so beschreibt, stellen sich Anschlussfragen. Dafür finde ich das Ganze ja interessant. Das Beste, was Gesellschaftstheorie leisten kann, ist vielleicht genau das: den Leuten zu erlauben, danach interessantere Fragen zu stellen als vorher.

Dass das gleichzeitig unbefriedigend ist, wenn man gerne Antworten hätte und immer nur interessantere Fragen bekommt – das geht mir auch so. Das ist eine Spannung, die man situativ aushalten muss. Ich habe zu vielen Dingen Meinung. Die Kunst besteht dann eher darin, die Grenze sichtbar zu machen.

Und da liegt vielleicht das grundsätzliche Problem öffentlicher Sinnstiftung: Sie kann Reflexionsangebote machen – aber diese Angebote müssen die Leute dann doch wieder selbst verarbeiten.

Die Versuchung ist groß, den Denkraum, den man öffnet, sofort wieder zu schließen. Ich glaube, da ist noch Luft nach oben – in der Transparenz darüber, was Wissenschaftskommunikation leisten kann und was nicht. 

Gibt es Fragen, auf die die Soziologie absichtlich keine Antwort gibt?

Ich kann mir schlechterdings nicht vorstellen, dass die Soziologie irgendwas nicht versucht zu beantworten. Irgendwer findet sich immer.

Aber mein Eindruck ist, dass die Soziologie gut daran tut – und das überwiegend auch tut –, über Fragen der Ethik nur im Sinne ihrer Ermöglichungsbedingungen nachzudenken, nicht als Ethik selbst.

Wenn wir über das gute Leben nachdenken – was überraschend häufig vorkommt –, gelingt das am besten und erzeugt die interessantesten Antworten dann, wenn es darum geht, wer unter welchen Bedingungen die Möglichkeit hat, es selbst zu finden. Nicht darum, was es sein soll. Das soll nicht heißen, dass uns das verboten wäre. Aber ich glaube, da haben wir aus guten Gründen eine gewisse Scheu. Und es klappt tatsächlich besser, wenn man sich von solchen Setzungen fernhält.

Das andere: Ich glaube, die Soziologie ist dann besonders stark, wenn sie Probleme rekonstruiert und Menschen in ihren Deutungen ernst nimmt – und nicht versucht, eine Mechanik des sozialen Handelns zu sein.

Das eigentlich Faszinierende an ihr ist: Die Gesellschaft, die sich ohnehin permanent selbst beobachtet, hat sich in der Soziologie eine Instanz geschaffen, in der sie genau das noch einmal tut.

Das macht die Sache kompliziert – denn alles, was wir sagen, ist danach in der Welt und verändert den Gegenstand, über den wir gesprochen haben. Die Leute können unsere Deutungsangebote zurückweisen, umdeuten, etwas völlig anderes daraus machen Diese Rückkopplung lässt sich nicht nicht wegdenken – und ich glaube, man sollte es auch gar nicht erst versuchen.