Am Flughafen von São Paulo wird Judith Butler 2017 beschimpft, angespuckt, geschlagen. Eine Philosophin als Prügelknabe einer Bewegung, die sich "Anti-Gender" nennt.

Später widmet sie ihr Buch den Gegnern. Man kann das für Trotz halten. Oder für eine Form von offener Debatte. Denn Butler hat nie den Konflikt gescheut. Am 24. Februar 2026 wird die Philosophin und Feministin 70 Jahre alt. 

Feminismus im Ausnahmezustand

Als Butlers Buch "Gender Trouble" Anfang der 1990er-Jahre in Deutschland einschlug, war es fast wie eine Detonation. Junge Philosophiestudierende saßen über dem "Brocken" Text und klamüserten eine These auseinander, die zugleich bestechend und verstörend war: Nicht die Natur bestimme den Status einer Person, sondern "kulturell variable Zuschreibungen". Geschlecht sei kein innerer Kern, sondern eine Praxis – eine "Performativität".

Das war mehr als die Fortschreibung von Simone de Beauvoirs berühmtem Satz, man werde nicht als Frau geboren, sondern dazu gemacht. Butler verschob die Achse. Nicht mehr "Mann versus Frau" stand im Zentrum, sondern die Frage nach Selbst- und Fremdbestimmung aller Geschlechter. Gender, so die zugespitzte These, sei etwas, das "ständig neu aufgeführt und unter Beweis gestellt" werden müsse – durch Stimme, Kleidung, Gestik. Gelingt diese Performance, entsteht Autorität. Misslingt sie, droht Lächerlichkeit.

Für viele Feminist:innen war das ein Befreiungsschlag. Wenn Geschlecht kulturell produziert wird, dann ist es veränderbar. Andere hingegen witterten darin Verrat. Das Leben sei keine Theaterbühne, hielten sie entgegen. Frauen würden mit einem weiblichen Körper in reale Machtverhältnisse hineingeboren; diese ließen sich nicht einfach "wegperformen".

Butler reagierte mit dem berühmten Satz: "Bodies matter." Körper zählen. Sie sind nicht Illusion. Aber sie sind auch nicht das letzte Wort. Wer hier eine Versöhnung zu erkennen glaubte, fand eher eine Verschiebung. Butler präzisierte, ohne ihre Grundannahme preiszugeben: Auch das Biologische ist sozial gerahmt, interpretiert, normiert.

Liberale Kritik von Nussbaum

Die schärfste liberale Kritik kam von Martha Nussbaum. In ihrem Essay "The Professor of Parody" warf sie Butler politische Irrelevanz vor – Sprachartistik statt materieller Verbesserungen für Frauen. Wer Macht nur dekonstruiere, vergesse, dass Frauen reale Rechte bräuchten: Bildung, Eigentum, Schutz vor Gewalt. Butler konterte indirekt: Gerade weil Normen real wirkten, müsse man ihre symbolische Ordnung analysieren.

Manche Feministinnen werfen Butler bis heute vor, den Begriff "Frau" aufzulösen und Schutzräume zu gefährden. Butler wiederum bezeichnet diese Abwehr als Symptom politisch orchestrierter Kampagnen. In "Wer hat Angst vor Gender?" beschreibt sie eine Allianz aus Vatikan, evangelikalen Gruppen und rechten Regierungen, die "Gender-Ideologie" zur Bedrohung stilisieren. Tatsächlich verglich Papst Franziskus sie mit Atomwaffen. Butler liest das als Projektion tieferer Ängste vor Kontrollverlust.

Dabei hat sie selbst die Trennung von "Sex" und "Gender" inzwischen problematisiert. Körper und Gesellschaft, so schreibt sie, seien "verflochten". Der Körper sei "keine unveränderliche Größe", sondern durch Umwelt, Arbeit und Blickregime geformt. Das klingt weniger nach Beliebigkeit als nach Verwundbarkeit. "Verletzlichkeit" wird zum Schlüsselbegriff – und zum Übergang in ihre Ethik der Gewaltlosigkeit.

Butlers Feminismus hat das Epizentrum verschoben – weg von der "normalen Frau" hin zu "allen diskriminierten Geschlechtern". Das war inklusiv, progressiv, für viele befreiend. Und für andere eine Zumutung. Die Gräben, die sich damals öffneten, sind nicht verschwunden. Sie verlaufen heute durch Debatten über Selbstbestimmungsgesetze, Sprache, Identität. 

Das Säkulare als Machtformation

Butlers zweite Provokation richtet sich gegen eine Selbstverständlichkeit des Westens: das säkulare Selbstbild. Nach den dänischen Mohammed-Karikaturen fragte sie, warum Gewalt "im Namen Gottes" den säkular-liberalen Diskurs stärker schockiere als Gewalt "im Namen einer säkularen Nation". Das Säkulare, so ihr Verdacht, sei nicht neutral.

In dem Buch "Is critique secular?" zerlegt Butler gemeinsam mit den Co-Autor:innen Talal Asad, Wendy Brown und Saba Mahmood die binäre Erzählung vom aufgeklärten Westen und der vormodernen Religion. Das Säkulare sei vielmehr ein Ort, "an dem religiöse Traditionen in nachreligiösen Bereichen weiterleben".

Besonders scharf ist ihre Kritik, wenn sexuelle Freiheit instrumentalisiert wird, um antiislamische Politik zu legitimieren. Am Beispiel niederländischer Einbürgerungstests – Migrant:innen müssen Bilder küssender Männer tolerieren – fragt sie: Will ich "öffentlich küssen können"? Ja. Aber will ich das zur Bedingung von Staatsbürgerschaft machen? "Ich denke nicht." Hier wird das, was sie "sexual politics" nennt, Teil souveräner Machtausübung.

Der säkulare Liberalismus inszeniert sich gern als Fortschrittsgeschichte. Freiheit = Moderne. Butler nennt diese Verknüpfung eine Ideologie. Auch der Säkularismus kenne Dogmatismen. Religion wiederum sei nicht bloß Dogma, sondern ein Feld von Aushandlungen. Wer Religion als statisch dämonisiert, stabilisiert nur das eigene Selbstbild.

Das ist unbequem – gerade in aufgeheizten Debatten. Butler fordert, die "Säkularität des Säkularen" zu hinterfragen. Das bedeutet nicht, religiösen Fundamentalismus zu verharmlosen. Es bedeutet, die eigenen Voraussetzungen offenzulegen. Vielleicht, schreibt sie, könne man Freiheit "als Bedingung von Solidarität unter Minderheiten" neu denken.

Die Zumutung bleibt

Judith Butler ist keine Versöhnerin. Sie ist eine Denkerin, die den Mitdenkenden viel zumutet. Ihr Werk oszilliert zwischen Dekonstruktion und Ethik, zwischen queerer Theorie und politischer Intervention.

Sie hat den Feminismus geöffnet – und gespalten. Sie hat den Säkularismus kritisiert – und damit Liberale irritiert wie Religiöse.