Walter Joelsen wuchs als Kind christlicher Eltern in München auf. Nur durch Zufall erfuhr er als Neunjähriger, dass er zwei jüdische Großeltern hatte. Damals fand er an einem Tag im Jahr 1935 im Klassenzimmer auf dem Lehrerpult einen Zettel, auf dem stand: "Joelsen - Halbjude". Der Lehrer trat vor die Klasse und sagte: "Einer von uns ist anders" - so ist es nachzulesen in einem gleichnamigen Büchlein, das Joelsens Tochter Gisela aus Briefen, Tagebucheinträgen und Dokumenten zusammengestellt hat.

Am Montag (15. Juni) erinnert ein Festabend mit Landesbischof Christian Kopp in der Christuskirche München an den vor drei Jahren verstorbenen evangelischen Pfarrer und Holocaust-Überlebenden Walter Joelsen, der am 15. Juni hundert Jahre alt geworden wäre.

Von der Episode im Klassenzimmer erzählte der Junge damals niemandem, doch der Friede hielt nicht lang. 1939 informierte der Nazi-Ortsgruppenleiter die Eltern seiner Freunde. Als der Zwölfjährige zur Fußballwiese lief, hörten die Buben auf zu spielen. "Einer nahm den Ball, alle schauten mich an, keiner sagte ein Wort - da drehte ich mich um und ging", berichtete Joelsen in einem Gespräch mit dem Evangelischen Pressedienst (epd) anlässlich seines 90. Geburtstags.

Sicherer Ort in der Christuskirche

Die Szene auf dem Fußballfeld prägte für Walter Joelsen jahrzehntelang die Erinnerung an seine Kindheit unter dem NS-Regime. Er fühlte sich verletzt und war ausgestoßen. Doch eine zweite Erinnerung setzte ein Gegengewicht: Joelsen fand Anschluss an die evangelische Christuskirche in München-Neuhausen. "Das war der Ort, an dem ich sicher sein konnte, dass am nächsten Tag nicht alles aus ist", sagte er.

Zu seiner Konfirmation im Jahr 1942 suchte ihm der Pfarrer als Konfirmationsspruch aus:

"Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein!"

Das war das Gegenteil der Zeitgeist-Parole vom völkischen Ideal, in dem der Einzelne nichts zählt. Walter Joelsen nahm den Vers persönlich: "Gott sagt: Du, Walter Joelsen, bist mein!", betonte er. Man kann gar nicht ermessen, welche Erleichterung dieser Satz für den Jugendlichen von damals gewesen sein muss.

Zwangsarbeit im Kalibergwerk

Doch noch war sein Leidensweg nicht zu Ende. 1944 musste Walter Joelsen sich zur Zwangsarbeit melden. Er sollte mithelfen, ein stillgelegtes Kalibergwerk in Thüringen zur unterirdischen Rüstungsfabrik umzubauen. Doch die Organisation war chaotisch, die Unterbringung nicht streng überwacht. Also beschloss Joelsen mit der Unbekümmertheit eines 18-Jährigen, mit dem Zug für zwei Tage zu seinen Eltern nach München zu fahren.

Das böse Erwachen folgte auf der Rückfahrt: Die Abteiltür ging auf, und zwei SS-Männer in Ledermänteln kamen zur Passkontrolle. Joelsen zeigte seinen Schülerausweis, den er trotz seines Schulausschlusses immer noch besaß. Was er in diesem Zug täte, der nur für Leute mit kriegswichtigem Auftrag reserviert sei, fragten die Wachleute ihn. Da setzte der junge Mann alles auf eine Karte und reichte ihnen den veralteten Zettel mit seiner Einberufung zum Arbeitsdienst. Die Offiziere warfen nur einen Blick darauf - und verließen das Abteil. "Ich weiß nicht, was passiert war", erinnerte sich Joelsen, "vielleicht haben sie nur das Wort Gestapo gesehen und dachten, da wären sie nicht zuständig - ich weiß nur, dass meine Beine noch sehr lange gezittert haben." Es war für ihn wie der zweite Geburtstag.

Zu Fuß von Thüringen nach München

Eine Art dritter Geburtstag müssen die Ostertage 1945 gewesen sein, als Joelsen - mittlerweile im Lager Dankmarshausen - durch den Einmarsch amerikanischer Truppen seine Freiheit wieder erlangte. Zu Fuß marschierte er von Thüringen nach München. An Pfingsten traf er bei seinen Eltern ein.

Doch es war noch nicht alles vorbei. "Ich fragte mich, wie ich leben soll zwischen all diesen Menschen, in deren Köpfen der Antisemitismus noch immer vorhanden war", beschrieb Joelsen sein Lebensgefühl nach Kriegsende. Er beschloss, über seine Vergangenheit zu schweigen. Jahrelang plagten ihn wiederkehrende Alpträume: Uniformierte bedrohen ihn, doch er kann weder weglaufen noch schreien.

Erzählen als Therapie

Erst als Joelsen im Ruhestand begann, seine Geschichte im Freundeskreis und ab 1998 auch als Zeitzeuge vor Jugendlichen zu erzählen, verschwanden die Träume. "Das Erzählen hat für mich therapeutische Wirkung gehabt", sagte er. Später ärgerte er sich, dass er nicht genug Selbstbewusstsein gehabt hatte, um schon früher zu seiner Geschichte zu stehen: "Da hat der Hitler gewonnen", sagte der alte Mann.

Drei Jahre nach seinem Tod übernimmt nun das schmale Buch, von Gisela Joelsen mit finanzieller Unterstützung der Stiftung der Versöhnungskirche Dachau verfasst, die Aufgabe, Erinnerung weiterzutragen. Fotos aus Walter Joelsens Kindheit sowie amtliche Dokumente und handschriftliche Briefe geben einen Eindruck von der Zeit bis 1945. Herzstück des Büchleins sind die Erinnerungen des Zeitzeugen selbst, überliefert durch Tagebucheinträge, Briefe an Zuhause und Predigten in der Versöhnungskirche Dachau, ergänzt durch Einordnungen seiner Tochter Gisela. Dank der anschaulichen Beschreibungen des jungen Mannes von damals werden die Schrecken der NS-Verfolgung noch heute greifbar - genauso wie die Hoffnungsmomente, wenn Joelsen Kraft im Glauben oder Solidarität in der Gemeinde erlebte.

"Jeder von uns ist anders"

In seinen Gesprächen vor Jugendlichen sei die Botschaft ihres Vaters immer die gleiche gewesen, schreibt Gisela Joelsen. Dem vernichtenden Satz "Einer unter uns ist anders" habe er stets entgegengesetzt:

"Jeder von uns ist anders. Wir alle sind anders."

Wer einmal anfange, die Welt einzuteilen "in solche, die sind wie wir, und in solche, die anders sind, der wird nie ein Ende finden." Für diese Überzeugung hat Walter Joelsen bis zu seinem Tod von seinem Leben erzählt.

Holocaust-Überlebender Walter Joelsen

Als Kind ausgegrenzt, als Jugendlicher zur Zwangsarbeit gezwungen, später Zeitzeuge gegen das Vergessen: Der evangelische Pfarrer und Holocaust-Überlebenden Walter Joelsen lebte von 1926 bis 2023. 

Der Münchner Joelsen stammte aus einer deutsch-jüdischen Familie aus Gunzenhausen. Nach den Nürnberger Rassegesetzen als "Halbjude" verfolgt, wurde er 1943 vom Gymnasium verwiesen und später zur Zwangsarbeit in Thüringen herangezogen.

Nach 1945 studierte Joelsen evangelische Theologie, arbeitete zunächst als Religionslehrer in Lindau und wurde anschließend Studentenpfarrer in München. Später war er Redakteur bei der evangelischen Produktionsgesellschaft EIKON und wirkte auch als Fernsehmoderator.

Für sein Engagement in der Erinnerungsarbeit, insbesondere im Zusammenhang mit der KZ-Gedenkstätte Dachau, erhielt er 2009 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Auch im hohen Alter beteiligte er sich als Zeitzeuge an Projekten, unter anderem 2013 beim Bayerischen Rundfunk.

In unserem Dossier erinnern wir an den Pfarrer in verschiedenen Artikeln:

Holocaust-Überlebender Walter Joelsen

Als Kind ausgegrenzt, als Jugendlicher zur Zwangsarbeit gezwungen, später Zeitzeuge gegen das Vergessen: Der evangelische Pfarrer und Holocaust-Überlebenden Walter Joelsen lebte von 1926 bis 2023. 

Der Münchner Joelsen stammte aus einer deutsch-jüdischen Familie aus Gunzenhausen. Nach den Nürnberger Rassegesetzen als "Halbjude" verfolgt, wurde er 1943 vom Gymnasium verwiesen und später zur Zwangsarbeit in Thüringen herangezogen.

Nach 1945 studierte Joelsen evangelische Theologie, arbeitete zunächst als Religionslehrer in Lindau und wurde anschließend Studentenpfarrer in München. Später war er Redakteur bei der evangelischen Produktionsgesellschaft EIKON und wirkte auch als Fernsehmoderator.

Für sein Engagement in der Erinnerungsarbeit, insbesondere im Zusammenhang mit der KZ-Gedenkstätte Dachau, erhielt er 2009 das Bundesverdienstkreuz am Bande. Auch im hohen Alter beteiligte er sich als Zeitzeuge an Projekten, unter anderem 2013 beim Bayerischen Rundfunk.

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