16.09.2019
Singles

Kirche muss Singles stärker in den Blick nehmen

Kirche sollte sich mehr mit dem den Bedürfnissen von Singles beschäftigen. Warum sich das lohnen könnte, hat eine Experimentierwerkstatt in Nürnberg erkundet.
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Kirchen sollten Singles stärker in den Blick nehmen. Das war das Ergebnis einer "Experimentierwerkstatt" zum Thema Singles im Amt für Gemeindedienst (AfG) am Samstag in Nürnberg. "Singles kommen in Kirche einfach nicht vor", sagte die katholische Diözesanreferentin Hedwig Lamberty. Sie leitet die bundesweit erste Stelle für "Single-Pastoral" in Köln. Auch in Verlautbarungen der katholischen Kirche gebe es das Wort Single kaum. "Singles wollen wertgeschätzt werden", sagte Lamberty.

Singles seien in der Kirche bisher "im toten Winkel", konstatierte der Nürnberger Pfarrer Günter Kusch vom "Forum Männer". Es sei wichtig, mehr auf die Meinung und Wünsche von Singles zu hören und sich als Kirche Gedanken darüber zu machen, wie Gemeinden ihre Willkommenskultur ändern könnten.

Soziologe Baas: Singles differenziert betrachten

Der Saarbrückener Soziologe Stephan Baas plädierte für einen differenzierten Blick: Schätzungen zufolge lebten zwischen 16 und 18 Millionen Singles in Deutschland. Wer von Singles spreche, müsse zwischen verschiedenen Lebensphasen differenzieren. So gebe es sehr junge Singles, aber auch Alleinstehende im höheren Erwachsenenalter oder Senioren. Am meisten Unterstützung benötigte die Gruppe der alleinerziehenden Frauen, so Baas. Für diese führe das Leben ohne Partner häufig zu Armut.

Ältere Single-Frauen wie Witwen seien meist gut vernetzt und fühlten sich auch nicht einsam, so Baas. Ein großer Teil der alleinlebenden Männer würde hingegen das Single-Sein als Defizit empfinden. Baas widersprach der These, dass die Gesellschaft "versingele". Die Menschen könnten aber in Zukunft immer häufiger "Lebensphasen ohne Partnerschaft" erleben. Ein Grund hierfür sei auch, dass sich inzwischen häufiger Ehefrauen nach 30 oder 40 Ehejahren von ihren Männern trennten.

Auch gebe es eine gesellschaftliche "Gemengelage, die Frauen von Partnerschaften abhalten". Weil sie berufliche Nachteile befürchteten und außerdem Kinder ein Armutsrisiko seien, würde sich manche gut ausgebildete Frauen gegen eine Familie entscheiden. Insgesamt blieben 20 Prozent der Frauen in Deutschland kinderlos.

Alter und Lebenssituation definieren Single-Dasein

"Wir müssen bei Singles unterscheiden zwischen Alter und Lebenssituation", forderte Anna-Nicole Heinrich von der Evangelischen Jugend Bayern (EJB). Junge Menschen akzeptierten unterschiedliche Lebensformen wie Single oder "Nicht-Single" und erwarteten dies auch von Kirche. 

Der Planungsreferent der bayerischen Landeskirche, Thomas Prieto-Peral, erklärte, der Reformprozess "Profil und Konzentration" habe gezeigt, wie wichtig es sei, die Bedürfnisse der einzelnen Gruppen besser kennenzulernen. Hierfür müsse das Gespräch mit Singles gesucht werden. Unabhängig davon könne jede Gemeinde dafür sorgen, Singles willkommen zu heißen.

Andrea König: Singles haben ein Geschlecht

Eine theologische Diskussion über das Verständnis von Singles regte Andrea König vom "Forum Frauen" im Amt für Gemeindedienst an. Es gehe darum, die Sprachfähigkeit zu stärken und über geschlechtsspezifische Rollenmuster zu diskutieren. "Wir müssen Akteure sensibilisieren und mehr Bewusstsein für das Thema wecken", sagte König. Die Kronacher Dekanin Dorothea Richter erklärte, im lutherischen Verständnis seien Gemeinden eine "geschwisterliche Gemeinschaft". Gleichwohl müssten sie schauen, wie einladend sie seien. Es dürfe nicht sein, dass Singles das Gefühl bekämen, sie seien Menschen zweiter Klasse. 

Thomas Müller von der kirchlichen Online-Community "Solo & Co" forderte die Kirchenleitung dazu auf, das Thema Singles stärker in die kirchliche Agenda aufzunehmen. Dazu gehöre auch, bestehende Angebote besser zu vernetzen. Die Referentin für Chancengleichheit in der bayerischen Landeskirche, Barbara Pühl, kündigte an, einen "Index für Chancengleichheit" zu erstellen. Dieser könne Gemeinden vor Ort als Richtlinie und Wegweiser für die Arbeit dienen.

Singles in der Kirche - Projekte und Tipps

Dossier Singles

Das Sonntagsblatt berichtet im Dossier "Singles" kontinuierlich über das Thema "Singles in der Kirche". Wenn Sie über weitere Artikel informiert werden möchten, abonnieren Sie unseren Newsletter.

 

Thema-Heft: "Wege aus der Einsamkeit"

Im September 2019 erscheint das Sonntagsblatt-Magazin über "Wege aus der Einsamkeit" - es beschäftigt sich auch mit dem Thema Singles. Hier anfordern: vertrieb@epv.de

 

Single-Pastoral in Köln

Die Erwachsenenseelsorge im Erzbistum Köln möchte Singles einen Resonanzraum bieten. Das "Single-Pastoral" soll gemeinsam mit interessierten Singles und engagierten Menschen aus Gemeinden, Verbänden, Vereinen, Interessengemeinschaften und Institutionen aufgebaut werden.

Webseite von Single-Pastoral in Köln

 

Solo & Co

Die Online-Community wendet sich an christliches Singles über 30. Sie bietet eine Plattform für Austausch, Ermutigung und Vernetzung mit anderen Singles.

Webseite von Solo & Co

 

 

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Fachtag am 14. September in Nürnberg

Andrea König von der Fachstelle für Frauen und Günter Kusch vom Forum Männer
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