Schon auf dem Weg zu den Plätzen des Chormusicals "Bethlehem” in der Olympiahalle fällt etwas auf: Überall sind schwarz gekleidete Menschen zu sehen. Sie sind mit den letzten Vorbereitungen beschäftigt, wirken nervös, aber bereit. Sind das alle? Die Sänger:innen? Erst jetzt wird greifbar, was Zahlen auf Plakaten und im Programmheft nur ankündigen können. Mehr als 2.000 Sänger:innen aus rund 50 Chören begleiten heute Maria, Josef und die drei Weisen aus dem Morgenland auf ihrem Weg nach Bethlehem.
Als das erste Lied erklingt, gibt es keinen Zweifel mehr. Mit voller Wucht singen die Chöre "Bethlehem” – den Namen des Musicals und den Geburtsort Jesu.
2.000 Stimmen füllen den Raum und tragen den Klang bis in die letzte Reihe. Das Musical beginnt nicht leise und vorsichtig, sondern überwältigend.
Gerade dieses Titellied ist es, das Landesbischof Christian Kopp besonders berührt. "Bethlehem, das ist so eine winzige Stadt. Und es ist heute total schwierig, dort zu leben, mit ganz viel Unfrieden. Aber seit 2.000 Jahren zieht sich durch, dass diese kleine Stadt trotzdem so viel Bedeutung für Menschen hat", sagt er.
Ein Kind, ein Ort, ein Funke Hoffnung
Genau diese Spannung macht das Chormusical sichtbar: die Kraft der Vielen und zugleich die Bedeutung des Einzelnen. Ein Kind, ein Ort, ein Funke Hoffnung – mag er noch so winzig sein – kann alles verändern. Die Masse der Stimmen unterstreicht eindrucksvoll die Kraft des Unscheinbaren.
Und so ist dieses Musical tatsächlich für alle zugänglich. Die modernen Kostüme und das bewusst schlichte Bühnenbild – leuchtende Buchstaben, die das Wort "Bethlehem” formen und sich immer wieder neu anordnen – schaffen Nähe statt Distanz. Maria und Josef ziehen keinen Esel hinter sich her, sondern einen Einkaufswagen. In Karohemd, Hoodie und Beanie stehen sie auf der Bühne: alltagsnah und greifbar.
Auch musikalisch setzt das Chormusical auf Zugänglichkeit. Die modernen, eingängigen Songs machen Freude. Die Texte werden gut lesbar auf Monitore projiziert. Man muss kein geübter Chorsänger sein, um zu spüren, dass diese Musik ins Ohr geht, und kein Bibelkundestudium absolviert haben, um zu verstehen, was sie erzählen will. Ein Moment im Publikum zeigt das ganz deutlich. Ein kleines Mädchen steht auf seinem Stuhl, lacht, klatscht im Takt und singt fröhlich den Refrain des Liedes "Das Leben gewinnt” mit.
Im zweiten Teil rücken die Entscheidungen der Einzelnen stärker in den Fokus, auch in den Nebenrollen. Die drei Weisen stehen vor einem Dilemma: Herodes erwartet von ihnen, dass sie Jesus verraten. Jeder von ihnen entscheidet sich bewusst dagegen und flieht. Auch Mamba, die Beraterin des Herodes, erhält einen grausamen Auftrag: Sie soll alle Neugeborenen in Bethlehem töten. Doch sie widersetzt sich und tötet schließlich den Herrscher selbst.
Verantwortung und die Kraft, sich gegen Unrecht zu stellen
"Bethlehem" erzählt nicht nur von einer Geburt, sondern auch von Verantwortung, Gewissensentscheidungen und der Kraft, sich gegen Unrecht zu stellen. Gleichzeitig zeigt das Musical auch die dunklen Seiten des kollektiven Handelns. Wenn der Chor "Menschen in Not, die man verjagt” singt, während Maria und Josef verzweifelt eine Bleibe suchen, wird die Ausgrenzung hörbar. Misstrauen, verschlossene Türen, Ablehnung. Es sind Szenen, die trotz ihres biblischen Ursprungs erschreckend vertraut wirken.
Auch darin liegt die Aktualität der Geschichte. "Der Frieden kommt nicht bombastisch, nicht mit großen Tönen und mächtigen Menschen”, sagt Landesbischof Kopp. "Der Frieden kommt ganz klein. In der Geschichte kam er als Baby, und auch im normalen Leben ist das so. Frieden wird nicht irgendwo da oben geschlossen, sondern hier, zwischen dir und mir. Und deshalb wird diese Geschichte immer aktuell bleiben."
So erzählt "Bethlehem" von einer Geburt, die leise beginnt, und von einer Hoffnung, die bis heute nachhallt. Für die Masse. Und doch für jede:n Einzelne:n.