21.09.2019
Die Geschichte des Gerstensaftes

430 Jahre Hofbräuhaus: Wie das Bier nach München kam

Fangen wir bei Martin Luther an. Der evangelische Reformator war nicht nur ein leidenschaftlicher Biertrinker, er steht genau genommen auch am Anfang der Geschichte des Münchner Hofbräuhauses, das 1589 gegründet wurde.
Das Hofbräuhaus auf einer Postkarte aus dem späten 19. Jahrhundert.
Das Hofbräuhaus auf einer Postkarte aus dem späten 19. Jahrhundert.

"Der beste Trunk, den einer kennt, der wird Ainpöckisch Bier genennt", soll der Reformator Martin Luther auf dem Wormser Reichstag 1521 verzückt ausgerufen haben.

Es war jener folgenreiche Reichstag, auf dem auch der berühmte (aber vermutlich nur gut erfundene) Lutherspruch "Hier stehe ich und kann nicht anders" gefallen sein soll. Nach einer der Redeschlachten soll Herzog Erich von Braunschweig auf dem Reichstag dem streitbaren Augustiner aus Wittenberg einen Krug besagten Biers aus seinem Fürstentum gereicht haben. Bierfreund Luther leerte ihn dankbar.

Den braunen starken Stoff aus dem heute südniedersächsischen Einbeck ließ sich der Reformator 1525 zur Feier seiner Hochzeit mit Katharina von Bora gleich fassweise liefern. Bis heute ist die ehemalige Hansestadt am Harzrand stolz auf ihre Brautradition.

Fromm, schwermütig - und hoch verschuldet: der bairische Herzog Wilhelm V. (1548-1626) auf einem Porträt des Malers Hans von Aachen (1552-1615).

Luther war mit seiner hohen Meinung vom "Ainpöckisch Bier" nicht allein. Auch die Münchner Wittelsbacher ließen sich für viel Geld mit dem damals in ganz Europa berühmten Bier beliefern. Die Einbecker beherrschten die Kunst, durch hohen Stammwürzegehalt ein starkes, süffiges und zugleich lange haltbares Bier zu brauen. In Zeiten ohne künstliche Kühlung ein entscheidender Marktvorteil. Seit dem späten Mittelalter wurde Einbecker Bier über das Handelsnetz der Hanse bis ins Baltikum, nach Flandern, England und Italien exportiert.

Herzog Wilhelm V. (1548-1626) wurde das schließlich zu teuer. Wilhelm - Beiname "der Fromme " - nervte außerdem, dass das teure Importbier auch noch "Ketzerbier" war: Einbeck war seit 1529 evangelisch und in München hatte man sich von Anfang an als Bastion des alten Glaubens verstanden.

Als vier seiner Finanzberater, die Kammermeister und Räte Strabl, Amasmeyr, Prew und Griesmair, dem Herzog am 27. September 1589 vorschlugen, doch ein eigenes, sozusagen staatliches Bräuhaus zur Versorgung des Hofes zu errichten, war dieser von der Idee elektrisiert. Noch am selben Tag rekrutierte er den Braumeister des Hallertauer Klosters Geisenfeld, Heimeran Pongraz, als Planer, Bauherrn und ersten Braumeister. 1592 nahm in einem alten Hühnerhaus in unmittelbarer Nachbarschaft zu seiner Residenz, dem heutigen "Alten Hof", das "braune" Hofbräuhaus den Betrieb auf.

Das weiße Hofbräuhaus um 1880.
Das weiße Hofbräuhaus um 1880. Es wurde 1896/97 abgerissen und durch das heutige Hofbräuhaus ersetzt.

Fünf Jahre später übernahm Wilhelms ehrgeiziger Sohn Maximilian die Regierungsgeschäfte. Er verschaffte dem Bräuhaus des Hofes zunächst das lukrative bayerische Weißbräu-Monopol. Dann baute er 1607 ein neues, größeres Sudhaus am heutigen Münchner "Platzl" - also dort, wo sich noch heute das weltbekannte Hofbräuhaus befindet.

Nur mit der Herstellung des süffigen braunen Biers nach Einbecker Art wollte es einfach nicht klappen. Wie heute der FC-Bayern kaufte Maximilian kurzerhand den besten "Spieler", der auf dem Markt zu haben war: Es gelang ihm, einen Einbecker Braumeister mit dem schönen Namen Elias Pichler in seine Residenzstadt zu locken.

Wie wichtig jenem Pichler Religion und Konfession waren, ist nicht bekannt. Er störte sich jedenfalls nicht daran, aus dem evangelischen Einbeck ins stockkatholische München zu ziehen, wo Herzog Maximilian bald zum Leitwolf der katholischen Partei im Dreißigjährigen Krieg aufsteigen sollte. Kriegsbeute unter anderem: eine evangelische Kurwürde.

Das Münchner Hofbräuhaus zieht Touristen aus aller Welt an.
Das Münchner Hofbräuhaus zieht Touristen aus aller Welt an. Hofbräuhaus-Kopien gibt es weltweit von Chicago bis Shanghai.

Pichler experimentierte und versuchte. Dann, im Frühjahr 1614, wurde sein Bier nach "Ainpockhischer Art" erstmals in München ausgeschenkt. Es wurde zum Renner.

Nicht sofort, denn zunächst blieb der kostbare Tropfen Hof und Herzog vorbehalten. Es kamen der Krieg und die Schweden: Als am 16. Mai 1632 Gustav Adolf mit seinen gefürchteten Truppen vor der Stadt steht, kauft München sich Verschonung. Die gewaltige Summe von 300.000 Reichstalern und nicht weniger als 334 Eimer "Ainpockhisch Bier" aus dem Hofbräuhaus (rund 22.000 Liter) halten die protestantischen Schweden vom Plündern und Brandschatzen der katholischen Stadt ab.

Sechs Jahre später, der große Krieg in Deutschland sollte da noch mal zehn Jahre weiterwüten, ließ Maximilian den Starkstoff auch ans Volk ausschenken.

Spielte bei dieser Entscheidung eine Rolle, dass Maximilian sich als Rollkommandos der Gegenreformation nicht nur die Jesuiten, sondern 1627 auch Paulanermönche aus Italien in die Stadt geholt hatte?

Martin Luther auf dem Wormser Reichstag 1521. Der Stich aus dem Jahr 1557 vermerkt erstmals Martin Luthers (lediglich) legendären Satz: »Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen.«
"Der beste Trunk, den einer kennt ...": Martin Luther auf dem Wormser Reichstag 1521. Der Stich aus dem Jahr 1557 zeigt Luther zwar ohne Bierkrug, notiert aber bereits seinen (lediglich) legendären Satz: "Hier stehe ich, ich kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen."

Der Legende nach soll das kräftige und deswegen nahrhafte Bier den Münchner Mönchen geholfen haben, die Fastenzeit besser zu überstehen. "Potus non frangit jejunium" - Getränk bricht das Fasten nicht - hatte sogar Papst Pius V. höchstselbst verkündet. Allerdings: Das war, als man ihm während des Konzils von Trient einen nicht minder nahrhaften Kakao aus der neuen Welt kredenzte.

Die Münchner Paulaner griffen lieber zum "Ainpockhischen" aus dem Hofbräuhaus. Bald aber fingen sie selbst an, derlei Bier zu brauen - begleitet von freundlichem Ausschank ans Volk. Dass sie zudem die Stammwürze nochmals verdoppelt hatten, sprach sich in der begeisterten Münchner Bevölkerung schnell herum. Der Doppelbock - noch kräftiger, noch nahrhafter und noch alkoholischer - war geboren. Denn irgendwo auf dem Weg zwischen dem Hofbräuhaus und den Paulanern muss der Münchner Volksmund (oder vielmehr das Münchner Volksohr) das "Ainpock" für "Einbeck" zu "ein Bock" missverstanden haben. Erfahrungsgemäß blieb es beim Bockbier eher selten bei "oam Bock".

In der Bierstadt München mutierte das von Luther geschätzte Einbecker Bier zum Bockbier. Und die Einbecker Brauerei hat heute einen "Ur-Bock" im Angebot - eine kuriose Spiegelung des eigenen Städtenamens in bayerischer Brechung. Das Hofbräuhaus ist bis heute bayrisch-staatlich geblieben - und eine international erfolgreiche Marke mit "Franchise"-Hofbräuhäusern von Chicago bis Shanghai.

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