München (epd). Er war ein Popstar der Klassik, ein Orgelvirtuose, dem das Nachkriegs-München zu Füßen lag und der von Bayern aus Johann Sebastian Bachs Musik in alle Welt brachte: Der Dirigent Karl Richter (1926-1981) wäre am 15. Oktober 100 Jahre alt geworden. Die evangelische Markuskirche, ab 1951 für 30 Jahre Richters Wirkstätte, würdigt ihren berühmten Kantor mit mehreren Veranstaltungen während der Bach-Festwoche (10. bis 18. Oktober), darunter ein Jubiläumskonzert mit dem Tölzer Knabenchor. "Richter war nach 1945 eine Art internationaler Bach-Botschafter", begründet dessen Nach-Nachfolger auf der Orgelbank, Kirchenmusikdirektor Michael Roth, die Bedeutung des Geehrten.

Richter kam am 15. Oktober 1926 als viertes Kind eines evangelischen Pfarrers im sächsischen Plauen zur Welt. Nach dem Tod des Vaters 1935 zog die Familie nach Freiberg, wo Richter an der barocken Silbermann-Orgel übte. Für die letzten zwei Kriegsjahre wurde der 16-Jährige im Juli 1943 zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Nach 1945 studierte er am Konservatorium Leipzig und wurde 1949 Organist an der Leipziger Thomaskirche, verlor die Stelle aber nach Ablauf der Probezeit - die Gründe sind bis heute nicht ganz klar. 1951 kehrte er der DDR den Rücken und ging zunächst in die Schweiz, wo er ein Jahr zuvor seine spätere Frau kennengelernt hatte. Ebenfalls 1951 bekam er die Kantorenstelle in der Münchner Markuskirche und gründete den Bach-Chor und das Bach-Orchester - zwei Fundamente seiner steilen Karriere.

Tourneen nach Amerika und Asien

Denn für Richter ging es fortan beruflich nur noch bergauf: als Professor an der Münchner Musikhochschule, als Dirigent und Organist vor ausverkauften Kirchen und Sälen, als international gefragter Bach-Interpret auf zahlreichen Tourneen nach Amerika und Asien. "Er war zur richtigen Zeit am richtigen Ort", sagt der Dirigent Hansjörg Albrecht, der von 2005 bis 2023 den Bach-Chor leitete. Dabei kam Richter ein Glücksfall zu Hilfe: So wie der Reformator Martin Luther zu seiner Zeit von der Erfindung des Buchdrucks profitierte, bekam der junge Kantor Rückenwind durch den Aufstieg der Schallplattenindustrie.

Das Klassik-Label "Deutsche Grammophon" wurde Richters Hausmarke. Rund 60 eigenständige Einspielungen, von einzelnen Kantatenalben bis zu umfangreichen Mehrfach-LP-Ausgaben der großen Bachwerke, wurden bis 1981 auf Vinyl gepresst. "Richters Aufnahmen waren international außerordentlich erfolgreich und erzielten seinerzeit weltweit Rekordverkäufe", teilte eine Konzernsprecherin mit. Gerade in Japan, wo der Dirigent mit seinen Ensembles öfter auftrat, gälten viele seiner Schallplatten "immer noch als Kult". Zum 100. Geburtstag des Ausnahmekünstlers habe man deshalb Anfang Oktober Richters Aufnahme der h-moll-Messe von 1961 veröffentlicht, neu gemastert und in einer limitierten Auflage von 2.500 Stück, dazu die Edition "Bach: Sacred Works", die den Kern von Richters Lebenswerk auf 19 CDs, DVDs und Blu-rays versammle.

 

Komponist
Der Dirigent und Organist Karl Richter (1926-1981) (undatierte Aufnahme).

Emotionale Bach-Interpretation

Warum Richter als blutjunger Musiker aus dem Erzgebirge in München solchen Erfolg hatte, liegt für Hansjörg Albrecht, Organisator der Festwoche zu Richters Ehren, auch an der gesellschaftlichen Situation der 1950er Jahre: "München war vom Krieg zerstört, es gab kein Fernsehen, keine Sozialen Medien, insgesamt wenig Ablenkung - wenn eine Koryphäe wie Richter spielte, zog das unglaublich viele Leute an", fasst Albrecht zusammen. Das Publikum liebte seine emotionale, dem Augenblick gewidmete Art der Bach-Interpretation. Es gab aber auch Kritik daran, und so entstand eine musikalische Gegenbewegung, die sich zumindest im deutschsprachigen Raum durchsetzte: "Für die heute übliche historische Aufführungspraxis von Bach-Werken war Richter der wichtigste Wegbereiter", erklärt Albrecht dessen aktuelle Bedeutung.

Doch abseits seiner Wirkungsgeschichte ranken sich um Richters Person auch eine Reihe launiger Anekdoten. So beschreibt seine Schülerin Hedwig Bilgram, später selbst Professorin für Orgel und Cembalo, im aktuellen Gemeindebrief von St. Markus die Praxis der "geteilten Orgelbank". Jeden Sonntag spielte sie im Hauptgottesdienst die Orgel, bis Richter irgendwann auftauchte und beim Strophenwechsel auf die Orgelbank rutschte. "Diese ‚Technik‘ entwickelte sich so weit, dass wir sogar innerhalb einer Choralzeile die Plätze tauschten", erinnert sich die heute 93-Jährige. Solche und ähnliche Geschichten zeigen aber auch, dass Richters Ruhm schon zu Lebzeiten so groß war, dass ihm vieles gestattet und verziehen wurde, was heute undenkbar wäre.

 

mann vor gedenktafel
100 Jahre Karl Richter: Kirchenmusikdirektor Michael Roth vor der Inschrift zu Ehren Karl Richters, die am Eingang der Markuskirche angebracht ist.

Richter-Fans aus den USA und Asien

Für Kirchenmusikdirektor Michael Roth überraschend ist Richters Nachhall gerade auch bei jüngerem Publikum aus den USA, Italien oder Asien. In diesen Regionen sei die historische Aufführungspraxis nicht so verbreitet, weshalb Richters Stil dort immer noch favorisiert werde. Und immer wieder erreichen Roth Anfragen von Richter-Fans, die gerne einmal auf der Orgel spielen wollen, an der schon ihr Idol saß. Einen Kult wolle man daraus nicht machen, sagt Roth - trotzdem bekommt der alte Spieltisch der frisch restaurierten Steinmeyer-Orgel jetzt eine kleine Messingplakette mit der Inschrift "Karl-Richter-Spieltisch".

Am 15. Februar 1981 starb Richter, der seit Ende der 1960er Jahre von seinem Wohnsitz bei Zürich nach München gependelt war, mit nur 54 Jahren in einem Hotelzimmer an Herzversagen. Sein Wirken wird selbst nach den 100-Jahr-Feierlichkeiten in gewisser Weise "ewig" bleiben: Eine goldene Langspielplatte mit Fotografien, Geräuschen der Erde und 26 Musikstücken reist seit 1977 an Bord der Voyager-Sonden in die unendlichen Weiten des Universums. Mit dabei: das 2. Brandenburgische Konzert von Bach in einer Einspielung des Münchner Bach-Orchesters unter der Leitung von Karl Richter.