Herr Steinbeis, wie hat Ihre eigene Beziehung zur Musik eigentlich begonnen?

Alexander Steinbeis: Das war tatsächlich sehr klassisch – im wahrsten Sinne des Wortes. Musik spielte in meiner Familie von Anfang an eine große Rolle. Meine Großmutter war eine hervorragende Pianistin, und bei uns zu Hause wurde viel klassische Musik gehört. Meine Eltern hatten eine große Schallplattensammlung, und so bin ich ganz selbstverständlich damit aufgewachsen.

Ich habe dann selbst früh angefangen, Klavier zu spielen – mit etwa fünf Jahren. Das war nie Zwang, sondern kam aus einem eigenen Wunsch heraus. Ich habe das Instrument lange ernsthaft betrieben, aber irgendwann war klar: Für eine professionelle Pianistenlaufbahn würde es nicht reichen. Das war auch nicht weiter schlimm. Die Leidenschaft für die Musik ist geblieben.

Wie wurde aus dieser Leidenschaft dann der Weg in die Kulturorganisation?

Das war weniger ein geradliniger Plan als vielmehr ein Prozess. Nach dem Abitur in England habe ich zunächst Betriebswirtschaftslehre studiert – einfach, weil ich eine solide Grundlage wollte. Gleichzeitig habe ich aber weiterhin viele Konzerte besucht und gemerkt: Ich möchte die Musik nicht nur hören, sondern auch gestalten.

Der entscheidende Schritt kam dann eher zufällig, über Praktika. Besonders prägend war eine Zeit in Paris bei einer Konzertagentur, die ein großes Konzert zu Ehren des legendären Cellisten Mstislaw Rostropowitsch organisiert hat. Ich war mitten in der heißen Phase der Vorbereitung dabei und konnte direkt mitarbeiten. Da habe ich gemerkt: Das ist meine Welt. Von dort ging es weiter in die USA zum Boston Symphony Orchestra – und irgendwann war klar, dass ich in diesem Bereich bleiben möchte.

Sie pendeln zwischen Bad Kissingen und Berlin. Was bedeutet diese Doppelperspektive für Ihre Arbeit?

Sehr viel. Der Kontrast zwischen Berlin und Bad Kissingen ist natürlich groß – Großstadt und Kurort. Aber genau das empfinde ich als sehr bereichernd. In Berlin habe ich Zugang zu einem enormen kulturellen Angebot mit sieben Symphonieorchestern, drei Opernhäusern, ich treffe Künstler, Agenten, Manager, kann Netzwerke pflegen und neue Impulse aufnehmen. Das ist für meine Arbeit extrem wichtig.

Gleichzeitig bietet Bad Kissingen eine ganz besondere Atmosphäre: konzentriert, traditionsreich, fast ein bisschen entschleunigt. Diese Mischung hilft mir sehr. Sie sorgt dafür, dass ich einerseits am Puls der internationalen Szene bleibe und andererseits ein klares Gefühl dafür habe, was diesen Ort ausmacht. Nicht zuletzt befindet sich unser engagiertes Festivalteam in Bad Kissingen und der regelmäßige Austausch ist mir ein großes Anliegen.

Der Kissinger Sommer steht in diesem Jahr unter dem Motto "Mazel Tov". Was steckt hinter dieser Entscheidung?

"Mazel Tov" ist natürlich zunächst ein Glückwunsch – und passt damit wunderbar zum 40-jährigen Geburtstag des Festivals. Aber das Motto geht weit darüber hinaus. Es ist auch eine bewusste Bezugnahme auf die jüdische Geschichte von Bad Kissingen. Viele wissen gar nicht, dass Bad Kissingen über Jahrhunderte eine bedeutende jüdische Gemeinde hatte – eine der wichtigsten in Unterfranken. Für mich war das eine sehr schöne Gelegenheit, diesen Teil der Kulturgeschichte ins Zentrum zu stellen und ihn mit dem Festival zu verbinden.

Wie übersetzt sich ein solches Motto konkret ins Programm?

Das geschieht auf unterschiedlichen Ebenen. In manchen Konzerten ist der Bezug sehr direkt – etwa durch Werke mit jüdischen Themen oder von Komponisten mit jüdischer Herkunft. In anderen Fällen ist er indirekter, etwa über Biografien der Künstler oder historische Kontexte. Uns war wichtig, dass sich das Motto wie ein roter Faden durch das Programm zieht, ohne dogmatisch zu werden. Es gibt also nicht nur Themenkonzerte, sondern eine Vielzahl von Bezügen, die sich nach und nach erschließen.

Schon beim Eröffnungskonzert am 12. Juni beginnen wir mit der "Ouvertüre über hebräische Themen" von Sergej Prokofjew – selbstredend ein sehr direkter Bezug. Darüber hinaus gibt es viele Programme, in denen Werke mit jüdischen Bezügen eine Rolle spielen. Ein Beispiel ist ein Kammerkonzert am 21. Juni im Kurgarten-Café mit Werken von Komponisten wie Henriëtte Bosmans, Hans Winterberg und Simon Laks – alles Künstler, deren Lebenswege eng mit der tragischen Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden sind.

Oder Programme mit Musik von Mieczysław Weinberg und Ernest Bloch, die ebenfalls wichtige Stimmen jüdischer Musiktraditionen repräsentieren. Diese Bezüge ziehen sich durch das gesamte Festival – mal sehr deutlich, mal eher subtil.

Das Jubiläumskonzert am 12. Juli scheint ja auch organisatorisch ein außergewöhnliches Projekt zu sein. Was erwartet hier die Gäste?

Absolut. Wir veranstalten ein großes Open-Air-Konzert vor dem Turniergebäude mit dem Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks unter der Leitung von Sir Simon Rattle. Auf dem Programm stehen unter anderem die "Carmina Burana" von Carl Orff. Das Besondere ist: Es wirken über 500 Chorsängerinnen und -sänger aus ganz Bayern mit. Insgesamt sprechen wir von mehr als 600 Beteiligten auf der Bühne.

Diese wird eigens angefertigt und gebaut, außerdem müssen wir Platz für ein Publikum von mehreren Tausend Menschen schaffen, eine komplette Infrastruktur mit Beschallung, Licht, Stromversorgung, Catering und vielem mehr organisieren. Das ist ein Projekt, das für andere Häuser vielleicht ein Jahresvorhaben wäre – und wir stemmen es innerhalb eines Festivals. Gleichzeitig wissen wir natürlich: Es ist ein einmaliges Erlebnis, gerade im Jubiläumsjahr.

Sie verbinden den Kissinger Sommer auch mit kulturhistorischem Anspruch. Warum ist Ihnen dieser Kontext so wichtig?

Weil wir mehr wollen, als einfach nur Konzerte zu veranstalten. Hochkarätige Musik kann man auch anderswo hören. Die Frage ist: Warum sollte man dafür nach Bad Kissingen kommen? Unsere Antwort ist: wegen des Zusammenhangs. Wir versuchen, Programme zu entwickeln, die mit der Geschichte des Ortes und der Region verbunden sind. Dadurch entsteht ein Mehrwert – ein inhaltlicher Rahmen, der das Musikerlebnis vertieft.

Gab es bei der Beschäftigung mit der jüdischen Geschichte von Bad Kissingen auch persönliche Entdeckungen für Sie?

Ja, durchaus. Mir war natürlich bewusst, dass es eine jüdische Gemeinde gab, aber die Bedeutung hat mich überrascht. Im 19. und frühen 20. Jahrhundert war die jüdische Gemeinde hier sehr präsent und hervorragend in die Stadtgesellschaft integriert. Neben einer im Jahr 1902 eröffneten neuen Synagoge gab es eine Reihe jüdischer Ärzte, die das Kurwesen geprägt haben – und prominente Gäste wie Albert Einstein oder Max Liebermann. Diese Dichte und Selbstverständlichkeit jüdischen Lebens war beeindruckend, bis die Nationalsozialisten diesem ein schauerliches Ende bereitet haben.

Das Programm enthält auch Werke von Komponisten, deren Musik lange vergessen oder verdrängt war. Ist das ein bewusstes Anliegen?

Auf jeden Fall. Es gibt viele Werke, die es verdienen, wiederentdeckt zu werden – gerade im Kontext der Verfolgung im Nationalsozialismus. Wir haben einige Programme, die sich gezielt solchen Komponisten widmen. Das ist ein wichtiger Teil unserer Aufgabe: nicht nur Bekanntes zu präsentieren, sondern auch verborgene Schätze sichtbar zu machen.

Wie sehen Sie generell die Rolle eines Festivals wie des Kissinger Sommers in der heutigen Zeit?

Ein Festival ist kein reiner Dienstleister, der nur Erwartungen erfüllt. Natürlich wollen wir unser Publikum begeistern – aber wir wollen auch Impulse setzen. Das kann bedeuten, dass man auch mal herausfordert, irritiert oder provoziert. Kultur darf und soll ein Spiegel der Gesellschaft sein. Wenn wir nur das spielen würden, was alle ohnehin hören wollen, wäre das doch langweilig.

Welche Herausforderungen sehen Sie aktuell für die Kulturarbeit?

Die Herausforderungen sind vielfältig. Es geht um gesellschaftliche Entwicklungen, um politische Rahmenbedingungen, um Veränderungen im Publikum. Wir beobachten sehr genau, wie sich Interessen und Erwartungen verändern – und hinterfragen unser Angebot jedes Jahr aufs Neue. Gleichzeitig ist es wichtig, eine eigene künstlerische Handschrift zu bewahren. Ein Festival darf nicht beliebig werden.

Wie wichtig ist dabei die Zusammenarbeit vor Ort – mit Stadt, Institutionen und Bevölkerung?

Enorm wichtig. Ohne die Menschen in Bad Kissingen gäbe es den Kissinger Sommer nicht. Wir versuchen bewusst, die Stadtgesellschafter einzubinden – durch unterschiedliche Formate, auch kostenfreie Angebote, niedrigschwellige Zugänge. Es soll jeder das Gefühl haben: Das ist "mein" Festival.

Und welche Rolle spielt die Bundespolitik?

Auch die ist nicht zu unterschätzen. Nähe zur Bundespolitik hilft – sei es durch Förderstrukturen, durch Netzwerke oder durch Aufmerksamkeit. Als Intendant profitiere ich davon, dass ich regelmäßig in Berlin bin und dort Kontakte pflegen kann.

Zum Abschluss: Was bedeutet Bad Kissingen persönlich für Sie?

Sehr viel. Ich mag diese Mischung aus Tradition, Ruhe und kultureller Dichte. Es ist ein Ort, an dem man sich gut konzentrieren kann – und gleichzeitig eine große Offenheit spürt. Und ganz banal: Ich gehe hier unglaublich gern joggen, und zwar entlang der fränkischen Saale. Das gehört für mich genauso dazu wie die Arbeit am Festival.