Kommentar
Wegen sexistischer Texte steht Deutschrap schon länger in der Kritik. Doch inzwischen gibt es auch Berichte über ganz konkrete Vorfälle – und endlich eine breite Diskussion über den Umgang mit Gewalt. Ein Kommentar von Oliver Marquart.
Ein Rapper am Mikrophon.

Deutschrap, also Rap in deutscher Sprache, ist mittlerweile das zweitgrößte Musikgenre in Deutschland. Jedenfalls gemessen am Umsatz: Laut Statista machte die deutsche Musikindustrie im Jahr 2020 fast 20 Prozent ihres Umsatzes mit Rap und HipHop. Das ist zehnmal mehr als noch vor zehn Jahren. Insbesondere die jüngere Bevölkerung trägt dazu bei: In der Altersgruppe zwischen 14 und 19 Jahren gaben 40 Prozent an, diese Musikrichtung "sehr gern" zu hören.

Deutschrap zeichnet sich durch aggressive Sprache aus

In anderen Altersgruppen dünnt sich dieser Anteil dann aus, grob gesagt: je älter, desto weniger Deutschrap. Und während HipHop in den Vereinigten Staaten eine fest in der Gesellschaft verankerte Kultur ist, hat das Genre in Deutschland nach wie vor eher den Status einer Jugendkultur. Mit dem erwartbaren Nebeneffekt, dass viele ältere Menschen nur verständnislos den Kopf schütteln über die Musik. Verstärkt wird dieser Effekt natürlich auch dadurch, dass sich die Musik insgesamt durch eine aggressive Sprache auszeichnet, auch und gerade im sexuellen Bereich.

Eine Erklärung dafür: Rap ist seit seinem Entstehen von einem starken Wettbewerbsgedanken geprägt. Das sich miteinander Messen, das Übertrumpfen der Konkurrenten und das verbale Überhöhen der eigenen Persona waren und sind elementarer Bestandteil der Kultur. Dazu kommt ein gewisser Hang zur Übertreibung, eine Lust an der Überspitzung, an provokanten Formulierungen, die oft vor allem schockieren sollen. Eltern, Lehrer*innen, Autoritäten – also alle, die man als junger Mensch gerne mal vor den Kopf stoßen möchte.

Deutschrap: Strukturelles Problem wurde lange ignoriert

Das alles kann aber nicht verdecken, dass es im Deutschrap auch ein strukturelles Problem gibt, und zwar mit sexualisierter Gewalt. Schon 2019 brandete erstmals eine breitere Diskussion über das Thema innerhalb der Szene auf, als eine Frau öffentlich Vorwürfe gegen den Rapper Gzuz von der 187 Strassenbande erhob. Sie wurde schnell wieder abgewürgt, da die Anwälte des Rappers die zarten Versuche der kritischen Berichterstattung recht rigoros unterbanden. 

Das Thema verschwand schnell wieder in der Versenkung, doch nur vorübergehend. Etwa zwei Jahre später, im Juni 2021, erhob eine junge Frau, die sich selbst Nika Irani nennt, schwere Vorwürfe gegen den Rapper Samra. Dieser soll sie laut ihrer Aussagen vergewaltigt haben, der Rapper selbst bestreitet die Vorwürfe. Natürlich gilt in solchen Fällen bis zum Beweis des Gegenteils die Unschuldsvermutung, doch viel wichtiger ist: Dieses Mal ließ sich die aufkommende Diskussion nicht so leicht abwürgen.

Relativ schnell ging es nicht mehr nur um Samra, sondern um das Phänomen an sich, dass Rapper aus einer Machtposition heraus Frauen zu sexuellen Handlungen nötigen, die diese nicht wollen. Zahllose Betroffene schilderten im Netz anonym, was ihnen widerfahren war. Oft nannten sie den Namen des jeweiligen Rappers nicht, was umso mehr verdeutlichte, dass es gar nicht um Einzelpersonen geht, sondern um ein Muster. Ein #MeToo für Deutschrap – na endlich. 

"Wallah, es tut mir so leid/Ich hab' so viele Fehler" - so selbstkritisch rappt Samra hier. Nach den Vorwürfen zeigt er sich weniger reflektiert, doch die Diskussion konnte er nicht unterbinden.

Rapperin Shirin David: Diskussion um Deutschrap

Gründe, warum sich die Diskussion im Jahr 2021 anders als zwei Jahre zuvor nicht so einfach wieder einfangen ließ, gibt es mehrere. Sehr hilfreich war dabei, dass mit der Rapperin Shirin David eine sehr erfolgreiche und reichweitenstarke Künstlerin relativ früh Stellung bezog. Sie nahm die Vorwürfe ernst, änderte sogar ein geplantes Lied, weil es in diesem wohl eine positive Erwähnung des beschuldigten Rappers gegeben hätte. Als nächstes reagierte die Plattenfirma des Rappers. Sie erklärte die Zusammenarbeit mit ihm für ausgesetzt, bis die Vorwürfe geklärt seien. Zudem zog sie einen am selben Tag veröffentlichten Song eines anderen Rappers, Nimo, zurück. Er hatte Textpassagen enthalten, die sexualisierte Gewalt verharmlosend darstellten. Der Künstler selbst entschuldigte sich in einem Statement und kündigte an, auf solche Texte in Zukunft zu verzichten.

Besonders letzterer Vorgang zeigt, dass die Diskussion im Deutschrap wirklich weiter ist als 2019. Endlich ist es auch möglich, über den Zusammenhang von Vergewaltigungsphantasien in Texten und realen Handlungen in dieser Richtung zu sprechen. Bis dahin hatte das Argument der Kunstfreiheit stets jede vorsichtige Kritik zuverlässig abgewehrt. Aber genau wie der Rammstein-Sänger Till Lindemann sich heutzutage Kritik für sein Gedicht aus Sicht eines Vergewaltigers anhören muss, können Rapper nicht mehr ohne jeglichen Gegenwind Menschen, insbesondere Frauen in ihren Texten erniedrigen.

Deutschrap: So wird es weitergehen

Wie nachhaltig diese Entwicklungen sind und ob weitere Konsequenzen folgen werden, wird sich freilich noch zeigen müssen. Vermutlich steht Deutschrap – genau wie die Gesellschaft insgesamt – erst am Anfang einer Entwicklung. Noch immer ist vielen das Problem nicht bewusst, leugnen viele, dass es tatsächlich zu den berichteten Übergriffen kam, haben viele Angst, sich dem Thema zu stellen.

Doch die Katze ist aus dem Sack und lässt sich auch nicht mehr einfach wieder hineinstopfen. Zwar hat das Thema im Vergleich zum Juni schon wieder deutlich an Fahrt verloren. Doch der nächste traurige Anlass und damit die nächste Runde der Diskussion wird kommen – und wieder wird sie intensiver und weitreichender sein als das vorhergehende Mal. 

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