Wenn Lara Leinberger und Carina Kohl am 28. November abends in St. Lorenz stehen, flankiert vom sanften Klang einer Harfe, dann beginnt in Windsbach etwas, das es seit der Gründung des berühmten Knabenchors noch nie gegeben hat: Mädchenstimmen mischen sich erstmals in die Traditionsmotette. Die beiden gehören zu den ersten 19 Sängerinnen des neuen Windsbacher Mädchenchors – und damit zu einer Generation, die in die Geschichte eingehen wird.

"In fünfzig Jahren wird man eure Namen lesen. Ihr seid die ersten", sagt Claudia Jennings, die Chorleiterin, die das Projekt mit viel Geduld, Forschungsgeist und Leidenschaft aufbaut. Sie hat seit ihrem Dienstantritt im März rund 40 Schulklassen in der Region um Windsbach besucht, um Talente zu finden. Die Mädchen, die sich schließlich ein Vorsingen zutrauten, konnten später drei Tage zu Probewohnen im Internat verbringen – eine Art musikalisches Initiationsritual.

Die Mädchen selbst wirken entspannt, fast verwundert über den historischen Moment. Lara, zwölf Jahre alt, aus Forchheim, hat schon im Kindergarten gesungen. Carina, zehn, aus Langenzenn, kam eher spontan zur Musik "Ich probiere es mal aus", erinnert sie sich an ihre Entscheidung. Doch beide eint die Freude am Singen und die Neugier auf etwas Neues. Dass sie Pionierinnen sind, merken sie erst im Gespräch.

Lara hat schon eine klare musikalische Vorliebe: "Ich singe gerne traurige Lieder, weil ich finde, dass die Melodie oft schöner und weicher ist. Man kann mehr Gefühl reinlegen." Doch beiden Mädchen ist noch etwas anderes wichtig: Das Singen für andere. Carina beschreibt es ganz selbstverständlich: "Ich freue mich einfach darauf, Menschen etwas vorzusingen. Das macht Spaß und es macht anderen Freude." Beide ergänzen: "Es ist nicht nur das Singen selbst. Es ist auch schön, wenn man merkt, dass man anderen damit etwas geben kann."

Die Mädchen arbeiten mithilfe des Spiegels an ihrer Mundhaltung.
Die Mädchen arbeiten mithilfe des Spiegels an ihrer Mundhaltung.

Wie wie man eine Stimme formt

Die Ausbildung ist anspruchsvoll und klar gegliedert. Jennings hat die 19 Sängerinnen in zwei Leistungsgruppen geteilt. Die Jüngeren und musikalisch weniger Erfahrenen besuchen eine Art Vorchor. Dort lernen sie Grundlagen: Noten lesen, Solmisation, Intonation, Atemführung. Die erfahreneren Mädchen singen im Konzertchor. Sie proben dreimal die Woche zusätzlich zu einer wöchentlichen solistischen Stimmbildung. „Manche Erfahrungen kann man nicht überspringen", sagt Jennings. „Aber sie sind alle sehr motiviert und lernen unglaublich schnell."

Beobachtet man die Probe, wird klar, wie ernsthaft hier gearbeitet wird: Die Mädchen halten Spiegel vor den Mund, kontrollieren Öffnung und Vokalform ein auf den ersten Blick ungewohntes, aber effektives Mittel, das im Windsbacher System seit Langem üblich ist. Dann beginnt die Chorarbeit. Kaum haben sie „Hosianna in excelsis" angestimmt, stoppt Jennings: „Wisst Ihr, was Ihr da singt? Das ist Gotteslob. So wie Ihr es singt, nimmt Euch das keiner ab. Also noch einmal -- und jetzt den Mund weiter öffnen!" Der Ton wird sofort voller, klarer, mutiger.

Ein gemeinsamer Windsbacher Klang entsteht

Von Anfang an arbeiten Claudia Jennings und der Knabenchor eng zusammen nicht nur organisatorisch, sondern auch musikalisch. Chorleiter Ludwig Böhme und Jennings stimmen Repertoire, Stimmbildung und Probenpläne gemeinsam ab. Beide verfolgen ein Ziel: einen gemeinsamen Windsbacher Klang, in dem die Mädchen ihre eigene Farbe entwickeln, aber gleichzeitig in die Gesamtästhetik eingebettet sind.

Chorleiter Ludwig Böhme mit den Sängern Anton und Laurin.
Chorleiter Ludwig Böhme mit den Sängern Anton und Laurin.

Anton und Laurin sind da schon seit Jahren mittendrin. Wenn die beiden Jungen über ihr Leben im Windsbacher Knabenchor sprechen, hat man das Gefühl, in eine kleine, pulsierende Parallelwelt einzutauchen einen Ort, an dem Musik Alltag ist, Gemeinschaft Halt gibt und das Erwachsenwerden zwischen Probenräumen, Schulstress und Konzerten stattfindet.

Anton, 13 Jahre alt und aus Pappenheim, findet sofort Worte, die man in dieser Klarheit von einem so jungen Sänger nicht zwingend erwartet: „Man erlebt viel. Man hat eine starke Gemeinschaft, die zusammenhält, und die Leute wachsen einem ans Herz." Laurin, seit neun Jahren im Chor, heute 18 und kurz vor dem Abitur, nickt: „Es gibt schwere Phasen, aber dann ist es nicht nur die Musik, sondern auch die Gemeinschaft. Mit den Leuten, mit denen ich in der Klasse bin, lebe ich seit neun Jahren zusammen das ist ganz anders als eine normale Schule."

Dass diese Gemeinschaft funktioniert, liegt nicht nur an der Musik. Es gibt ein System, das Nähe und Verantwortung bewusst fördert: die sogenannten Tourneefamilien. „Da ist immer eine Männerstimme und eine Knabenstimme zusammen wie großer und kleiner Bruder", erklärt Laurin. „Und das ist nicht nur auf Reisen so. Wenn meine Knaben ein Problem haben, kommen die auch hier in Windsbach zu mir." Wenn er darüber spricht, was nach dem Abitur kommt, leuchten seine Augen kurz: „Ich möchte Chorleiter werden. Erst ein FSJ in Windsbach, dann ein Musikstudium." Zwei pro Jahrgang seien es vielleicht, erzählt er, die hauptberuflich bei der Musik bleiben. Aber fast alle Windsbacher bleiben ihr zumindest verbunden.

Mehrmals täglich füllen Musik und Proben den Campus. Selbst wenn ein langer Schultag hinter ihnen liegt die meiste Zeit ist ihnen die Musik Ausgleich. „Wenn es mir nicht so gut geht, geht es mir nach der Probe meistens besser", sagt Laurin. Dazu kommen Instrumente: Im Musikzweig ist Unterricht verpflichtend, alle anderen werden ermutigt, ebenfalls eins zu lernen. „In vielen Häusern stehen Klaviere", erklärt Anton. „Manchmal üben die Leute bis zehn oder halb elf, und man findet kaum noch einen freien Raum."

Anton erzählt offen: „Ich wollte nie allein sein." Gemeinschaft ist für ihn keine Floskel, sondern gelebte Erfahrung. Wer im Internat lebt, lebt nicht nur Seite an Seite, sondern wächst miteinander. Man liebt sich, streitet sich, wächst über Unterschiede hinweg. Und genau das trägt die Musik.

Ein Windsbacher wird nicht einfach älter er mutiert. Jedenfalls nennt man die Stimmbruchgruppe im Chor intern so: Mutantenstadel. „Das ist die Gruppe für die, deren Stimme sich gerade verändert, sagt Laurin schmunzelnd. „Und danach kommt man zu den Männerstimmen." Doch dieser Schritt ist kein reiner Wechsel im Notenbild. „Man ist als ältester Knabe oft der Erfahrendste, führt die Stimmgruppe an. Und plötzlich fängt man wieder von vorne an. Man ist der Jüngste in den Männerstimmen und muss das Singen neu lernen."

Wenn im Advent das Weihnachtsoratorium von Johann Sebastian Bach ansteht, strahlen auch die beiden Jungs. Anton sagt schlicht: „Das gefällt mir sehr." Laurin ergänzt lachend: „Ich singe das besonders gern, weil es manchmal so schön ‚scheppert'."

Ludwig Böhme bei der Probe mit den Knaben.
Ludwig Böhme bei der Probe mit den Knaben.

Die Herausforderung: Nachwuchs finden

Chorleiter Ludwig Böhme beobachtet die Entwicklung der letzten Jahrzehnte genau. „Ich bin überzeugt, dass es vor 30 Jahren genauso viele stimmlich begabte Kinder gab wie heute", sagt er. „Aber Kinder zu finden, die dranbleiben das ist schwerer geworden. Die Ablenkungen sind größer, die Medien, die Möglichkeiten, alles schnell wieder aufzugeben."

Früher brachten Pfarrer, Lehrer oder Musikschulen Talente direkt nach Windsbach. Heute braucht es eine eigene Nachwuchsarbeit, Kooperationen und viel Überzeugungsarbeit. „Die Hemmschwelle ist gestiegen, ein Kind in ein Internat zu geben. Aber für diejenigen, die bleiben, lohnt es sich sie wachsen an sich."

Derzeit besteht der neue Mädchenchor aus 19 Sängerinnen zwischen etwa neun und vierzehn Jahren. Doch das ist erst der Anfang. Böhme formuliert das Ziel klar: Der Chor soll einmal 60 Mädchen umfassen und sein erstes eigenes Konzert in frühestens anderthalb Jahren geben. Bis dahin heißt es: Stimmen entdecken, Klang formen, Routine gewinnen.

Dass der Chor kein Schonraum ist, spürt man spätestens im Advent, wenn Auftritte und Proben die Schulzeit ausdünnen. „Es ist stressiger, klar", sagt Laurin. „Aber wenn man in der Schule zu schlecht ist, muss man gehen." Dennoch sind viele Windsbacher gute Schüler vielleicht gerade, weil sie früh lernen, Zeit zu organisieren und Verantwortung zu übernehmen.

Vorfreude auf die 555. Motette

Wer mit den Windsbachern über St. Lorenz spricht, merkt: Diese Kirche ist mehr als nur Konzertort. Sie ist ein eigener Klangkörper. Ein Raum, der seine Sänger fördert, fordert und prägt. Laurin erinnert sich an seine erste Motette: „Die Kirche ist so groß, der Klang schwebt so lang das fühlt sich an wie in einer anderen Welt."

Für Chorleiter Ludwig Böhme ist St. Lorenz ein besonderer Ort. „St. Lorenz ist unsere Heimatkirche Fluch und Segen zugleich“, wie er scherzhaft sagt. Ein Segen, weil die Kirche den Chorklang trägt wie kaum ein anderer Raum. Gotische Höhe, steinerne Weite, ein Nachhall, der Musik nicht verschwimmen lässt, sondern schweben. Ein Fluch, weil der Chor keine feste Dienstkirche hat. „Wir haben einen Verkündigungsauftrag in der Region", sagt Böhme. „Unsere Heimat ist flächig, nicht fest verortet." Und St. Lorenz verlangt den Sängern viel ab: Wärme ist im Winter ein rares Gut, und akustisch muss man lernen, vorauszudenken – zu hören, was erst eine Sekunde später im Raum entsteht.

Lara, Carina, Anton, Laurin und die anderen stehen ganz am Anfang oder mitten in diesem Weg. Doch wenn an jenem Novemberabend die Harfe ertönt und die ersten Mädchenstimmen durch St. Lorenz schweben, gemeinsam mit den vertrauten Knabenstimmen, wird klar: Dies ist nicht nur ein Debüt. Dies ist der Beginn einer neuen Windsbacher Ära.

der Windsbacher Chor-Campus
Die charakteristische blaue Eingangstür zum Windsbacher Chor-Campus.