Wie zeichnet man als Illustratorin die Weihnachtsgeschichte? Susanne Kuhlendahl hat es versucht. Im Interview erzählt sie, wie sie sich der Geschichte genähert hat - und woran sie besonders zu knabbern hatte.
Was fasziniert Sie an der Weihnachtsgeschichte als Illustratorin?
Susanne Kuhlendahl: Faszinierend finde ich an der Weihnachtsgeschichte, dass sie durch viele Jahrhunderte Immer wieder in Bildern erzählt wurde, in Kirchenfenstern, Fresken, Ikonen, Ölgemälden … immer findet sich der Zeitgeist in den Darstellungen wieder, und oft wurde die Geschichte instrumentalisiert, um die Ansicht derer deutlich zu machen, die gerade das Sagen hatten. Zum Beispiel musste Josef als alter Mann dargestellt werden, damit Marias Jungfräulichkeit nicht in Gefahr war.
Wie geht man an so eine großes Thema heran?
Ich bin sicher nicht unbeeinflusst von all den Bildern, wollte aber bei meiner eigenen Vorstellung bleiben. Als Kind dachte ich: "Warum überlegt Josef, Maria zu verstoßen? Das sind doch schließlich die Heilige Maria und das Jesuskind!“
Später verstand ich, dass die Menschen, die in der Geschichte eine Rolle spielen, das alles nicht wissen. Ich wollte also Maria und Josef, den Herbergsvater und die Hirten als Menschen wie du und ich zeigen, Kinder ihrer Zeit, unter der römischen Herrschaft.
Bei meinen Recherchen fand ich, dass die Herbergssuche mit den herzlosen Wirten wohl eine spätere Zutat war. Wahrscheinlich wurden Maria und Josef von Verwandten erwartet, die leider nur noch Platz in einem Untergeschoss hatten, das normalerweise als Vorratsraum oder Stall diente. Sicher ist Maria bei der Geburt von Frauen unterstützt worden, Männer hatten dabei nichts zu suchen. Erst, als die Hebamme Maria ihren Sohn in den Arm legt, ist Josef dabei.
Wie hast du konkret an der Geschichte gearbeitet?
Ich habe zunächst nach dem neuesten Stand der Forschung gesucht.
Die größte Herausforderung war, die Geschichte auf nur drei Seiten zu erzählen. Einige Bilder mussten weggelassen oder ausgetauscht werden, andere bekamen mehr Raum. Wichtig war mir, die Familie in schwierigen Umständen, aber dennoch als ganz normale Familie zu zeigen. Maria ist erschöpft, bekommt Wehen und nimmt schließlich ihr Kind zärtlich in den Arm, während Josef fürsorglich daneben steht.
Ich habe ja selbst drei Söhne, der jüngste ist Heiligabend geboren. Damals habe ich schon manchmal gedacht, wie es wäre, jetzt auf einem Esel unterwegs zu sein...
Susanne Kuhlendahl ist Illustratorin. Sie hat verschiedene Graphicnovels gezeichnet, darunter "Orlando" nach Virginia Woolf oder "Der Tod in Venedig" nach Thomas Mann.