15.09.2019
Spurensuche

Dachauer Pfarrer Björn Mensing erforscht eigene Familiengeschichte in der NS-Zeit

Konrad Mensing war als Amtskommissar im polnischen Kcynia Teil der NS-Besatzungsmacht. Sein Enkel Björn Mensing ist Historiker und Pfarrer an der Versöhnungskirche in der KZ-Gedenkstätte Dachau. Was hat seine Spurensuche über die Familiengeschichte zutage gebracht?
Konrad Mensing mit Familie
Konrad Mensing mit Familie 1942 im Garten der Villa im besetzten Kcynia: Hinten Vater Konrad mit Sohn Konrad, auf der Bank von links die älteste Tochter Mimy, Mutter Frieda mit Bärbel, daneben Christa und Friedrich, der Vater von Versöhnungskirchenpfarrer Björn Mensing.

Auf dem Glastisch im Gesprächsraum der evangelischen Versöhnungskirche stapeln sich Papiere und Fotos. Seit 14 Jahren organisiert Björn Mensing hier auf dem Gelände der KZ-Gedenkstätte Dachau Zeitzeugengespräche, Gedenkveranstaltungen, Ausstellungen, Führungen, Erinnerungsarbeit für die Opfer des NS-Regimes und ihre Angehörigen.

Der Pfarrer nimmt ein Schwarz-Weiß-Foto zur Hand: "Das ist mein Großvater 1942 als Amtskommissar von Exin", sagt Björn Mensing. Die Fotografie zeigt einen Mann mittleren Alters in Uniform, auf den Knöpfen prangt der Reichsadler, auf der Schirmmütze das Hakenkreuz. Von 1942 bis 1945 leitete Konrad Mensing als Amtskommissar die Stadtverwaltung von Exin (poln. Kcynia) im von Nazi-Deutschland besetzten Gau "Wartheland", der die Region Poznan umfasste.

 

Amtskommissar Konrad Mensing
Amtskommissar Konrad Mensing: Fotografie von 1942.

Dieser Teil der Familiengeschichte war dem promovierten Historiker Björn Mensing schon lange bekannt. Mit seinem mittlerweile verstorbenen Vater Friedrich hatte er schon vor Jahren intensive Gespräche über dessen Kindheit im "Warthegau" geführt, über Drill und Erniedrigungen im Internat der deutschen "Heimoberschule", über seine dramatische Rettung aus dem zugefrorenen Weiher von Exin.

"Mein Vater und sein Bruder hüpften über die zu Kühlungszwecken ausgesägten Eisblöcke auf dem zugefrorenen Weiher. Mein Vater fiel zwischen die Blöcke und das Eis schloss sich über ihm – es war für ihn eine traumatische Erfahrung. Er konnte nach oben sehen, aber er konnte nicht an die Oberfläche. Ein Arbeiter, der Eisblöcke sägte, zog ihn mit einer Stange unter dem Eis hervor", berichtet Mensing. "Dieser Pole hat meinem Vater das Leben gerettet", sagt Mensing mit kratziger Stimme, "sonst wäre er ertrunken – und ich wäre dann auch nicht hier."

Mensing rekonstruiert Lebensgeschichte seines Großvaters

Doch erst vor vier Jahren begab sich Mensing auf Spurensuche, um die Biographie seines Großvaters Konrad aufzuarbeiten. Warum erst so spät? "Berufliche Pflichten, Familie, wenig Freizeit – ich kann es nicht genau sagen", sagt Mensing nachdenklich. Den Anstoß für die Nachforschungen jedenfalls habe der junge polnische Historiker Jan Kwiatkowski gegeben, der ein Jahr als Freiwilliger in Dachau gearbeitet hatte. "Er hatte angeboten, mir bei der Suche in polnischen Archiven und als Dolmetscher zu helfen", erinnert sich Mensing.

Aus Dokumenten, Briefen und Gesprächen rekonstruierte der Historiker die Lebensgeschichte von Konrad Mensing. 1892 geboren, kämpfte er als Soldat im Ersten Weltkrieg an verschiedenen Fronten. Danach schlug er die Verwaltungslaufbahn ein. Von 1927 bis 1933 war er Gemeindevorsteher in Laatzen bei Hannover. Seine SPD-Mitgliedschaft kostete ihn 1933 den Job: Mithilfe des "Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums" entfernten die Nationalsozialisten nicht nur "nichtarische", sondern auch "politisch unzuverlässige" Beamte aus dem Dienst.

Haftandrohung führte zu frühzeitigen Wehen

Unter Androhung von Haft musste Konrad Mensing Büro und Dienstwohnung räumen – seiner hochschwangeren Frau Frieda habe die Aufregung so zugesetzt, dass die Zwillinge Konrad und Friedrich einige Wochen zu früh am 21. April 1933 zur Welt kamen. "So ist die NS-Geschichte schon in die Geburtsumstände meines Vaters eingeschrieben", sagt Björn Mensing.

Auf zwei Jahre Arbeitslosigkeit folgte von 1935 bis 1940 ein Angestelltenverhältnis bei der Lüneburger Heeresstandortverwaltung. 1937 trat Mensing in die NSDAP ein. Sein Enkel erklärt: "Alle Angestellten im öffentlichen Dienst, die bis 1937 nicht in der Partei waren, wurden unter Druck gesetzt, einzutreten. Aber er hat sich dem auch nicht widersetzt."

1940 bekam Konrad Mensing die "Einberufung nach dem Osten", wie er selbst in einem Brief von 1951 notierte. Nach einer Aussage, die Björn Mensing von seiner ältesten Tante Mimy – heute 89 Jahre alt – bekam, sei das einerseits eine Zwangsverpflichtung gewesen. Andererseits sei der Vater aber auch froh gewesen, wieder in seinem angestammten Beruf als Verwaltungsfachmann arbeiten zu können.

Als Verwaltungsfachmann Teil der Besatzungsmacht

Mensing wurde Verwaltungsbeamter im Kreis Schubin in der Region Posen, der bis zum Ersten Weltkrieg zu Preußen gehört hatte und von den Nazis in Kreis Altburgund umbenannt wurde. Nach einer ersten Station als Kämmerer wurde Mensing 1942 zum Amtskommissar von Exin – und damit automatisch auch zum NSDAP-Ortsgruppenleiter. "Als Mustergau wurden im Gau Wartheland staatliche Ämter und Parteiämter zusammengelegt", erklärt Mensing.

Belegt sei, dass sein Großvater den bei Amtsantritt vorgefundenen Beschluss umgesetzt habe, aus der katholischen Pfarrkirche eine Weihehalle zu machen. Im September 1942 sei dort die "Woche der befreiten Heimat" gefeiert worden. "Er hat diese Woche organisiert. Dass die mit dem Versailler Vertrag abgetrennten Gebiete wieder deutsch wurden, fanden damals viele gut, auch mein Großvater", sagt Mensing. "Dabei handelt es sich um urpolnisches Land, das sich Preußen 1793 bei der Zweiten Teilung Polens angeeignet hatte."

 

Björn Mensing vor Kcynia Kulturzentrum
Björn Mensing vor dem Kulturzentrum von Kcynia. In dieser Villa, die davor dem Ziegeleibesitzer von Kcynia gehörte, lebte von 1942-1945 die Familie von Mensings Großvater.

Trotz gründlicher Recherche habe er jedoch keinen Hinweis finden können, dass sein Großvater an NS-Verbrechen beteiligt gewesen sei, sagt der Historiker. Der wichtigste Beleg sei für ihn ein Dokument vom Februar 1942, in dem der Kreisleiter Konrad Mensing für das "Kriegsverdienstkreuz zweiter Klasse ohne Schwerter", die niedrigste Auszeichnung, vorschlägt – nicht für Verdienste im Sinne der NS-Ideologie, sondern für gute Verwaltungsarbeit. Den Geschichtsbeauftragten der Stadt Kcynia wiederum sei der Name "Mensing" vor seinem Besuch nicht bekannt gewesen, berichtet der Pfarrer. "Es ist dort über meinen Großvater nichts Belastendes überliefert."

Treffen mit dem ehemaligen Kindermädchen

Nicht minder wichtig war für Björn Mensing ein Treffen mit Janina Hemmerling. Vor vier Jahren besuchte er bei seiner Recherche in Kcynia die alte Dame, die als Zwölfjährige Zwangsarbeit als Kindermädchen bei den Mensings leisten musste. "Sie ist die einzige Person, die sich noch unmittelbar an die Familie meines Großvaters erinnern konnte", sagt der Pfarrer. Mehrfach habe er nachgefragt, "ob sie sich an irgendwelche Vorfälle erinnern könnte", berichtet Björn Mensing.

Doch Janina Hemmerling verneinte: Sie habe die Zeit im Hause seiner Großeltern nicht in schlimmer Erinnerung. Ihr Vater, polnischer Mitarbeiter im Rathaus, habe Konrad Mensing als guten Chef bezeichnet. "Dennoch war er natürlich Teil eines Umfelds, in dem Polen als Menschen zweiter Klasse betrachtet wurden, die niedere Arbeiten verrichten und auf die Fahrbahn wechseln mussten, wenn ein Deutscher den Gehweg benutzte", sagt Björn Mensing.

Gerüchte um die Flucht

Um die Flucht vor der anrückenden Roten Armee im Januar 1945 ranken sich dem Pfarrer zufolge Gerüchte. Der Trek von Exin Richtung Westen sei wohl mit einem Tag Verspätung aufgebrochen. "Angeblich hatte mein Großvater seinen Fahrer losgeschickt, um die Söhne Konrad und Friedrich aus dem Internat abzuholen", sagt Mensing. Der Internatsleiter, ein strammer SS-Mann, habe die Schülerschaft nicht nach Hause gelassen – sie sollten im Schulverbund nach Westen ziehen.

Mensings Fahrer blieb wohl hartnäckig, jedenfalls kamen die Zwillinge nach Exin zurück und flohen gemeinsam mit der Familie. "Nach dem Krieg beschuldigten manche meinem Großvater, dass ihre Angehörige wegen dieser Verzögerung von der Roten Armee eingeholt und verschleppt oder ermordet worden waren", sagt Mensing.

Rehabilitierung und Frühverrentung

Nach der Flucht kehrte die Familie nach Hannover zurück. Weil er NSDAP-Ortsgruppenleiter gewesen war, konnte Konrad Mensing während des Entnazifizierungsverfahrens nicht im öffentlichen Dienst arbeiten. Um den Lebensunterhalt für die Familie zu bestreiten, verdingte er sich in einer Pilzkonservenfabrik. 1949 erfolgte seine Rehabilitierung, weil er als SPD-Mitglied selbst von politischer Verfolgung betroffen war und ihm als Amtskommissar im besetzten Polen keine Verbrechen nachzuweisen waren. Aus Altersgründen wurde Mensing frühverrentet und lebte bis zu seinem Tod 1961 in Adendorf bei Lüneburg.

"Familiengeschichte ohne Angst erforschen"

Björn Mensing ist Historiker durch und durch. Objektivität und hartnäckiges Nachforschen sind sein Maßstab - auch wenn es um die eigene Familiengeschichte geht. Aber er ist eben auch Enkel und als solcher, selbst wenn er den vor seiner Geburt verstorbenen Opa nie kennenlernte, persönlich betroffen. Deshalb sei er "ein Stück weit erleichtert": "Wenn das Ergebnis einer gründlichen Suche so ausfällt, ist es leichter, mit der Geschichte umzugehen."

Die Biographie seines Großvaters sei eine Ermutigung, die eigene Familiengeschichte ohne Angst zu erforschen. Konrad Mensing sei ein Beispiel dafür, dass es zwischen den beiden Kategorien "NS-Verbrecher" oder "Widerstandskämpfer" einen breiten Graubereich gab. "Im Ganzen gesehen lagen die meisten Deutschen wohl in diesem Bereich – so wie wir heute auch."

"Bürger als Komplize"

Dennoch habe ihm die Recherche einmal mehr gezeigt: "Wenn ein autoritäres Regime erst da ist, besteht ein hohes Risiko, dass man sich darin verstrickt." Wer nicht aktiv in den Widerstand gehe, sei in fast allem, was er tue, Teil dieses Regimes. "Deshalb müssen wir alles dafür tun, dass es nicht wieder zu einer autoritären Staatsform kommt – denn sie macht den Großteil ihrer Bürger zu Komplizen", sagt der Pfarrer.

Dass eine Partei wie die AfD heute "mit ihrem Appell an niedere Instinkte" mancherorts wieder 25 bis 50 Prozent der Bevölkerung erreiche, findet Mensing bedenklich. "Man sieht exemplarisch an der Geschichte des Warthegaus, wohin das Aufziehen von nationalistischen Grenzen, das Unterscheiden in der Wertigkeit von Menschen führt", sagt der Historiker. Was früher nur im Männerkreis nach dem dritten Bier gesagt wurde, werde heute wieder in deutschen Parlamenten ausgesprochen.

"Alles ist die Folge von etwas"

All jenen, die nationalistische Stereotype noch oder wieder pflegen, empfiehlt Mensing die kritische Beschäftigung mit der eigenen Familiengeschichte. "In der Geschichte ist alles die Folge von etwas, beispielsweise hätte es die Vertreibung der Deutschen aus Polen nach dem Krieg ohne die deutschen Menschheitsverbrechen dort so nie gegeben", sagt der Historiker. Das rechtfertige kein Unrecht. "Aber es macht die Zusammenhänge deutlich."

ShareFacebookTwitterShare

Weitere Artikel zum Thema:

80 Jahre Novemberpogrom

Holocaust Zeitzeuge Walter Joelsen
Weil sein Vater jüdische Wurzeln hatte, wurde Walter Joelsen (Jahrgang 1926) als sogenannter "Halbjude" von den Nazis verfolgt. Im Gedenkgottesdienst zu 80 Jahre Novemberpogrom spricht der 92-jährige Zeitzeuge am 18. November in der Versöhnungskirche der KZ-Gedenkstätte Dachau über seine Erfahrungen.

Theologe gegen Nazis

Mit dem Karl-Steinbauer-Zeichen werden regelmäßig Personen und Gruppen geehrt, die sich für Frieden und Menschlichkeit einsetzen - so wie es der Namensgeber der Auszeichnung, Karl Steinbauer (1906-1988), in der NS-Zeit getan hat. Ein Porträt über einen ganz besonderen Pfarrer aus Bayern.