31.03.2019
Asyl & Ehrenamt

Erfolgsgeschichte Helfernetz: Jost Herrmann und "Asyl im Oberland"

Sie sind bestens vernetzt, top informiert und immer vor Ort: Den ehrenamtlichen Flüchtlingshelfern des bayerischen Asylgipfels macht so schnell niemand etwas vor. Jetzt waren Pfarrer Jost Herrmann und seine Mitstreiter zum Gespräch beim Innenminister.
Jost Herrmann
Hartnäckig, neugierig und kämpferisch: Jost Herrmann und das Helfernetz "Asyl im Oberland" haben in den letzten zwei Jahren viel erreicht.

Mit seinem Koordinator Pfarrer Jost Herrmann ist das Asylhelfer-Netzwerk zum anerkannten Gesprächspartner der bayerischen Staatsregierung geworden. Die vorläufigen Höhepunkte dieser Erfolgsgeschichte: eine Tagung über christliche Werte in der Akademie Tutzing und ein Gespräch mit Innenminister Joachim Herrmann (CSU).

Seit Dezember hatten Jost Herrmann und seine Mitstreiter jeden Monat Gespräche mit Fachreferenten im Innenministerium geführt. Alle noch offenen Punkte in Sachen Arbeitsgenehmigung und Identitätsklärung standen am vergangenen Dienstag (26.3.) beim Meeting mit dem bayerischen Innenminister auf der Tagesordnung.

Innenminister mit Asylhelfern
Der Innenminister und der Asylkoordinator: Joachim Herrmann (vorn, Mitte) hatte Jost Herrmann (hinten links) und seine Mitstreiter zum Austausch ins Innenministerium geladen. Mit dabei: Lisa Hogger (l.) vom oberbayerischen und Petra Nordling (Mitte 2.v.l.) vom ostbayerischen Asylgipfel, Anne-Kathrin Kapp-Kleineidam (hinten 2.v.l.) vom schwäbischen und Monika Hopp (r.) vom fränkischen Asylgipfel sowie Joachim Jacob, Vorsitzender von »Unser Veto« (hinten 2.v.r.). Staatssekretär Gerhard Eck (vorne, links) und Integrationsbeauftragte Gudrun Brendel-Fischer (vorne, rechts) nahmen ebenfalls am Gespräch teil.

Der Pfarrer ist mit dem Ergebnis zufrieden: "Der Innenminister war erstaunt, wie unterschiedlich streng das Thema Arbeitsgenehmigungen in den Landkreisen gehandhabt wird", sagte er dem Evangelischen Pressedienst (epd). Minister Herrmann habe betont, dass bei der Erteilung von Arbeitsgenehmigungen für Asylbewerber die Frage nach der Bleibeperspektive künftig keine entscheidende Rolle mehr spielen solle.

Innenminister: Arbeitsgenehmigung großzügiger handhaben

Auch bei der Identitätsklärung von Geflüchteten verfolge das Innenministerium eine großzügigere Linie als viele Landratsämter: Dokumente wie ein Führerschein mit Lichtbild sollten künftig als Passersatz akzeptiert werden, wenn die Passbeschaffung unmöglich oder mit zu hohen Kosten verbunden sei, berichtet der Asylhelfer-Koordinator. Der Innenminister habe angekündigt, ein Treffen mit allen Landratsämtern einzuberufen, um solche strittigen Auslegungsfragen zu klären und um vergleichbare Voraussetzungen für Asylbewerber in allen Landkreisen zu schaffen. 

Besonders froh ist Jost Herrmann, dass die Helfer von der Basis nicht mehr belächelt werden, sondern dass ihr Detailwissen im Innenministerium mittlerweile als Korrektiv aus der Praxis geschätzt werde. Denn die ehrenamtlichen Asylhelfer sind längst Profis auf ihrem Gebiet.

Ehrenamtliche Asylhelfer sind Praxis-Experten

Schon 2013, lange vor der großen "Flüchtlingswelle", hatten sich die Unterstützerkreise aus 28 Ortschaften im Landkreis Weilheim vernetzt. Als "Asyl im Oberland" gewannen die Ehrenamtlichen ab 2017 an Professionalität. Durch den Zusammenschluss mit dem ebenfalls ehrenamtlich betriebenen Internetportal "Asylhelfer Bayern" wuchs die Reichweite. Dem ersten oberbayerischen Asylgipfel 2016 folgten sechs weitere - parallel dazu entstanden eigenständige Gipfel-Ableger in Ostbayern, Franken und Schwaben.

Das Erfolgsgeheimnis des Netzwerks sind das breite Wissen und die Praxiserfahrung seiner Ehrenamtlichen. Wer für Flüchtlinge Sprachkurse, Fahrräder oder Praktikumsplätze organisieren will, trifft von Schongau bis Hof und Schweinfurt auf ähnliche Probleme. "Wir wollten von Anfang an zusammenarbeiten, damit jeder alle Einzelfälle kennt und nicht alle in die gleichen Fallen tappen", erinnert sich Jost Herrmann.

"Asylleaks": Internet hilft den Helfern

Von unschätzbarem Wert seien Internetseiten gewesen, auf denen Menschen Informationen aus ministeriellen Schreiben veröffentlichten - manchmal noch bevor diese Infos bei den Behörden ankamen. Dank dieses "Asylleaks" und der detaillierten Praxiserfahrung waren Asylkoordinator Herrmann und seine Leute den lokalen Behörden oft einen Schritt voraus und konnten fundiert mitreden - eine sachkundige, schlagkräftige und gewitzte Community, quasi ein gallisches Dorf 4.0.

Bei aller Leidenschaft für die Sache ist dem Pfarrer der nüchterne Ausgleich wichtig: "Wir wollen nicht polarisieren, sondern im Sinne des sozialen Friedens Begegnungen ermöglichen." Deshalb ist Jost Herrmann auch froh um die klare Rollenverteilung beim Thema Asyl: Während der Bayerische Flüchtlingsrat Lobbyarbeit für die Flüchtlinge macht, gehe es beim Asylgipfel um die Flüchtlingshelfer - Herrmanns Studie über Lust und Frust der Ehrenamtlichen wurde bundesweit beachtet.

Werte-Tagung in Akademie Tutzing

Jost Herrmann ist mit der Entwicklung des Helfernetzes sehr zufrieden. Doch die Fragen gehen ihm noch längst nicht aus. Bei der Werte-Tagung, die "Asyl im Oberland" an diesem Sonntag (31.3.) in der Evangelischen Akademie Tutzing organisiert, bohren deshalb der frühere Ministerpräsident Günther Beckstein (CSU) und die Landtagsabgeordnete Gülseren Demirel (Grüne) mit dem Theologieprofessor Reiner Anselm und Gönül Yerli vom Islamischen Zentrum Penzberg dicke Bretter.

Wer schreibt eine Leitkultur fest? Auf welche Werte in der 1200-jährigen Geschichte des "Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation" kann man eigentlich stolz sein? Ist Toleranz ein christlicher Wert? Gilt im Islam nur das Recht des Stärkeren? Sind christliche und jüdische Werte identisch? Werden abendländische Werte durch die Ankunft von Asylbewerbern in Frage gestellt?

"Ich will das wirklich wissen", sagt Jost Herrmann. Eins ist klar: Locker lässt er nicht so schnell.

ShareFacebookTwitterGoogle+Share

Weitere Artikel zum Thema:

Sonntagsblatt