Gedenken
Die, die selbst von der NS-Gewaltherrschaft erzählen konnten, werden immer weniger. Für die Jüngeren braucht es neue Bildungsformate. Eine Internetplattform bringt Formen der Erinnerungskultur aus ganz Bayern zusammen.
Die Holocaust-Gedenkstätte in Berlin

Bildungsangebote aus ganz Bayern zur Erinnerungskultur an die NS-Zeit werden erstmals zentral auf einer Website gebündelt. Die Internetplattform "Forum Erinnern" vernetzt Projekte und Bildungsträger, wie die Projektpartner bei der Vorstellung am Donnerstag in München erläuterten. Gerade in der heutigen Zeit gelte es, die Erinnerungskultur mit neuen Formen zu stärken. Getragen wird das Projekt vom Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV), vom Bayerischen Bündnis für Toleranz, vom Max-Mannheimer-Studienzentrum und vom NS-Dokumentationszentrum München.

Bedford-Strohm: "Erinnerungskultur ist eine Schule der Toleranz"

Da es immer weniger Zeitzeugen gebe, würden neue Formate wichtig, sagte der evangelische bayerische Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm als Sprecher des Toleranzbündnisses: "Junge Leute müssen sinnlichen Zugang haben zu dem, was passiert ist." Zu den Bildungsangeboten gehörten etwa Videos von Zeitzeugen, die aus ihrer Lebensgeschichte erzählen. Die Plattform forum-erinnern.de richtet sich insbesondere an Multiplikatoren aus der bayerischen Bildungslandschaft.

Gerade heute sei eine Stärkung der Erinnerungskultur bedeutsam, sagte Bedford-Strohm. Jeder menschenverachtende Angriff, der geschehe, sei "ein Stich ins Herz" und lasse die eigene Ohnmacht spüren angesichts der Frage: "Was können wir tun?". Appelle genügten nicht, es gelte, solche Haltungen zurückzudrängen. "Erinnerungskultur ist eine Schule der Toleranz", sagte er. Wer sich das, was andere von ihren schlimmen Erlebnissen berichten, zu Herzen gehen lasse; wer Angriffe auf die Humanität durch Rechtsradikale an sich heranlasse: "Der kann gar nicht anders, als sich für Toleranz einzusetzen, weil er die schlimmen Folgen von Intoleranz so deutlich vor Augen hat."

Erinnerung an die NS-Opfer wachhalten

BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann als Initiatorin des Projekts betonte, Geschichtsbewusstsein brauche es speziell in diesen Zeiten von Polarisierung und neuer Ausgrenzung. Die Erinnerung an die NS-Opfer müsse wachgehalten werden, um "gegen das Gift zu sensibilisieren". Speziell seit 2015 würden menschenfeindliche Haltungen wieder offen zur Schau getragen, Hemmschwellen seien gesunken. Bildung sei der Schlüssel, solchen Entwicklungen entgegenzuwirken. Das "Forum"-Projekt sei aus Verantwortung für die Zukunft entstanden.

Fleischmann verwies darauf, dass der BLLV seit seiner Gründung 1861 selbst zahlreiche jüdische Mitglieder, andererseits aber auch Nazi-Agitatoren in seinen Reihen gehabt habe. Durch sein Schweigen habe er Schuld auf sich geladen, und seine Geschichte sei eng mit dem Schicksal jüdischer Kollegen verbunden.

Jugendliche sind bereit zu lernen

Die Erinnerungskultur werde heute von Rechtspopulisten infrage gestellt, sagte Thomas Rink vom NS-Dokumentationszentrum. Bei der Bekämpfung solcher Tendenzen müssten "alle Menschen wissen, dass es auf sie ankommt". Markus Gruber vom Max-Mannheimer-Studienzentrum verwies auf die gesellschaftliche Verpflichtung, die Erinnerung wachzuhalten. Bei den Jugendlichen habe das Faktenwissen über die NS-Zeit abgenommen, "aber nicht die Bereitschaft", sich damit auseinanderzusetzen.

Das "Forum Erinnern" bietet einen Überblick über Bildungsangebote und Projekte, einen Veranstaltungskalender und weiterführende Links. Insbesondere Lehrkräfte und sonstige Bildungsträger können dort für ihre Zielgruppen nach Angeboten oder Projektpartnern suchen und sich vernetzen.

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