In der êzîdischen Glaubenstradition kommt den vier heiligen Naturelementen Feuer, Wasser, Erde und Luft eine zentrale Bedeutung zu, da in ihnen das Göttliche präsent ist. Vor allem nimmt das Wasser eine besondere Stellung ein, da es untrennbar mit der êzîdischen Schöpfungsvorstellung verbunden ist und als Ursprung des Lebens gilt. Diese grundlegende religiöse Bedeutung symbolisiert besonders die „Weiße Quelle“ (Kaniya Sipî) im zentralen êzîdischen Heiligtum Lalish im heutigen Nord-Irak. Sie wird als Ursprung spiritueller Reinheit und Ort göttlicher Segenskraft verehrt und gilt als eines der heiligsten Orte der êzîdischen Religionsgemeinschaft.
Wasser im Êzîdentum: Ursprung des Kosmos und heiliges Naturelement
Der besondere religiöse Status des Wassers folgt aus der êzîdischen Kosmogonie: Am Anfang der êzîdischen Schöpfung steht die die weiße Perle (Dur), die Gott (Chode/Khodê) aus seinem eigenen Licht erschaffen hat und als ursprüngliche, in sich geschlossene Einheit existierte. Als diese Perle platzte, floss Wasser aus ihr heraus und es entstand ein urzeitliches Meer, das den ersten manifesten Zustand der Welt bildete. Die erste Phase der êzîdischen Schöpfungsgeschichte gilt daher als „flüssige Phase“. Erst im Anschluss daran folgte eine Phase der Verfestigung, in der sich stabile Strukturen wie Erde und Himmel herausbildeten. Wasser erscheint damit nicht als ein Element unter vielen, sondern bildet vielmehr die ursprüngliche Voraussetzung allen Lebens auf der Erde.
Diese herausragende Bedeutung von Wasser bleibt im Êzîdentum nicht auf eine spirituelle Ebene beschränkt. So wirkt Wasser im religiösen Alltag der Êzîdinnen und Êzîden fort und ist Teil von Ritualen und symbolischen Handlungen und ist prägend für heilige Orte. Für die religiöse Praxis im Êzîdentum ist Wasser ist damit von essenzieller Bedeutung.
Kaniya Sipî: Heilige Quelle und Ort religiöser Praxis
Die elementare Bedeutung des Wassers im Êzîdentum wird konkret in der „Weißen Quelle“ (Kaniya Sipî) im Heiligtum Lalish. Diese Quelle gilt als einer der heiligsten Orte der êzîdischen Religionsgemeinschaft und zugleich als ein Ort, an dem sich die Verbindung von kosmologischen Vorstellungen und gelebter religiöser Praxis verdichtet. Mit der Bezeichnung „Weiße Quelle“ wird auch zum Ausdruck gebracht, dass die Farbe „Weiß“ für spirituelle Reinheit steht.
Das Wasser der heiligen Quelle steht im Mittelpunkt des Rituals „Mor kirin“ (Besiegelung), bei den Kindern mit dem heiligen Quellwasser dreimal auf dem Kopf besprengt werden. Der Geburt kommt im Êzîdentum eine große lebenszyklische Bedeutung zu, denn durch die Abstammung von êzîdischen Eltern sind Neugeborene automatisch Êzîdinnen und Êzîden. Mit dem Ritual „Mor kirin“ werden die Kinder gesegnet und zugleich wird die Zugehörigkeit zur êzîdischen Religion im Sinne einer Besiegelung bestätigt. Das Ritual ist eines der wichtigsten religiösen Pflichten im Êzîdentum. Es hat zwar einen „taufähnlichen“ Charakter, darf aber nicht mit dem christlichen Taufritual verwechselt werden, das die Voraussetzung der religiösen Zugehörigkeit zum Christentum ist.
Das Ritual „Mor kirin“ dient auch nicht der Reinigung von einer ursprünglichen Schuld, denn im Êzîdentum gilt der Mensch von Grund auf gut und ist von Gott mit Verstand (Aqil) ausgestattet, um zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und eigenverantwortlich sein Leben zu verantworten.
Die rituelle Bekräftigung der Zugehörigkeit zur êzîdischen Religionsgemeinschaft ist eigentlich an das Heiligtum Lalish und an die dortige heilige Quelle gebunden. Mittlerweile leben aber viele Êzîdinnen und Êzîden nicht mehr in ihrer Ursprungsregion und können deshalb nicht mit ihren Neugeborenen den Religionsort Lalish für das Ritual „Mor kirin“ aufsuchen. Das Ritual kann deshalb an Gläubige auch noch im späteren Alter im Rahmen einer Pilgerreise nach Lalish ausgeübt werden. Und Gläubige, die Lalish besuchen, können sich Wasser aus der „Weißen Quelle“ abfüllen und mit nach Hause nehmen, um es bei Ritualen zu verwenden, die von religiösen Würdenträgern damit auch in der Diaspora ausgeübt werden können.
Wasser in der religiösen Praxis: Das êzîdische Fest „Şevberat“
Auch in anderen religiösen Zusammenhängen zeigt sich die besondere Bedeutung des Wassers. So auch bei dem bedeutenden êzîdischen Fest „Sevberat“, das als Nacht der Versöhnung, der Vergebung und der Reinigung gilt. In dieser Nacht des Gebets, der inneren Reinigung und des gemeinschaftlichen Miteinanders, formen im Zölibat lebende êzîdische Frauen im Heiligtum Lalish kleine, weiße Kügelchen (sog. „Berat“). Diese symbolisieren die Ursprungsperle (Dur) aus der êzîdischen Schöpfungsgeschichte. Sie werden gefertigt aus der heiligen Erde von Lalish und dem heiligen Wasser der Weißen Quelle.
In den Berat-Kügelchen verbinden sich also mit Wasser und Erde zentrale Elemente der êzîdischen Religion, wodurch die kosmologische Vorstellung in einer konkreten religiösen Praxis sichtbar und erfahrbar wird. Die Berat-Perlen werden in êzîdischen Wohnungen in besonderen Taschen aufbewahrt und viele Êzîdinnen und Êzîden haben auch immer einige bei sich, um sich so in besonderer Weise der êzîdischen Religion und dem Heiligtum Lalish und der Weißen Quelle verbunden zu fühlen.
Ein herzlicher Dank an das Yezidische Forum Oldenburg für die Unterstützung bei diesem Artikel.