Bundeskanzler Friedrich Merz kritisiert den hohen Krankenstand in Deutschland. 14,8 Krankheitstage pro Beschäftigtem im Jahr 2024, das sind fast drei Wochen Arbeitsausfall pro Kopf, sind seiner Meinung nach nicht mehr akzeptabel.

Schnell wird klar: Es geht ihm nicht um die Zahlen, sondern um Moral. Merz impliziert, dass Menschen zu leicht krankgeschrieben würden, dass sie vielleicht zu bequem, zu faul oder zu wenig leistungsbereit sind.

Dazu passt seine Infragestellung der telefonischen Krankschreibung, die während der Pandemie eingeführt wurde. Diese "niedrigschwellige Möglichkeit" könne missbräuchlich genutzt werden, so die Bundesregierung.

Die wahren Ursachen des Krankenstands

Ein Blick auf die Statistik zeigt: Es ist komplizierter. Seit 2022 werden Krankmeldungen elektronisch erfasst, wodurch insbesondere Kurzzeiterkrankungen nun vollständig sichtbar werden.

Außerdem wird die Bevölkerung älter – und die Arbeitswelt härter. In Branchen wie der Pflege, Erziehung oder Müllabfuhr liegen die Krankenstände bei bis zu 30 Tagen. Die Ursachen sind Überlastung, Personalmangel, Infektionsrisiken und psychische Belastungen.

Der Anteil psychischer Erkrankungen steigt. Ein Blick auf Konjunkturzyklen zeigt zudem: In wirtschaftlich stabilen Zeiten steigen die Krankenstände, in Krisenzeiten sinken sie, da Menschen aus Angst um ihre Jobs trotz Krankheit arbeiten. Ein Krankenstand von rund fünf Prozent gilt Studien zufolge daher sogar als gesund.

Falsche Moral

Merz moralisiert also ein materielles Problem. Er erklärt Krankheit zu einem Zeichen von Charakter- oder Willensschwäche – und nicht zu einem Signal für schlechte Arbeitsbedingungen und überlastete Beschäftigte.

Das ist kein sachlicher Diskurs, das ist Moralisierung. Es ist die alte Erzählung: Menschen muss man misstrauen, sie müssen kontrolliert, diszipliniert und zum Funktionieren gezwungen werden. Ein enges, negatives Menschenbild, das mit dem christlichen Menschenbild unvereinbar ist. Krankheit ist kein moralisches Versagen, sondern ein Warnsignal.

Wer die Ursache ignoriert und stattdessen Druck, Zwang und Kontrolle fordert, setzt die falschen Anreize. Menschen arbeiten dann krank weiter, was als Präsentismus bezeichnet wird, und schädigen sich selbst, ihre Kolleg:innen und das System langfristig.

Ein verantwortungsvoller Umgang mit Krankenständen erfordert etwas anderes: bessere Arbeitsbedingungen, ausreichend Personal, Gesundheitsförderung und psychische Entlastung. Er erfordert Vertrauen und Fürsorge statt Misstrauen und Moralismus.

Krankheit ist kein Charakterdefizit

Merz’ Kritik spiegelt seine Leistungsethik wider: Eigenverantwortung, Pflichtbewusstsein und Disziplin. Das sind Sekundärtugenden, die im richtigen Kontext ihre Berechtigung haben mögen. Hier sind sie aber fehl am Platz. Krankheit ist kein Charakterdefizit. Sie ist ein Indikator für Belastung – physisch, psychisch oder strukturell.

Wer das erkennt, setzt auf Prävention statt auf moralische Strafmaßnahmen. Wer das ignoriert, verstärkt Druck und Unsicherheit und vergisst, dass Menschen keine Maschinen sind.

Krankenstand ist ein soziales und materielles, kein moralisches Problem. Wer das Gegenteil behauptet, betreibt Politik auf Kosten der Menschen und verweigert einen realistischen Blick auf unsere Arbeitswelt.