23.08.2017
Sonntagsblatt-Sprechstunde

Eine innere Stimme, die flüstert: »Das schaffst du ja doch nicht«: zwei Frauen, Mutter und Tochter, die gerne einen Sprung nach vorne wagen würden, aber irgendwie feststecken in einer Dauerschleife.

Meine Tochter (30) ist Sozialpädagogin und hat lange in einer großen Kinderklinik gearbeitet. Daneben hat sie viele Fortbildungen gemacht; ihr Traum ist es, als Therapeutin für Kinder und Jugendliche zu arbeiten.

Sie könnte das auch, aber irgendwie zögert sie immer. Sie ist sehr genau, wohl auch ein bisschen ängstlich – das hat sie von mir. Vielleicht habe ich sie nicht genug ermutigt, aber ich bin auch so eine, die sich zu viel Gedanken macht und dann im letzten Moment zurückschreckt, wirklich etwas anzupacken, aus Angst, es könnte schiefgehen.

Ich hätte auch gerne eine verantwortliche Tätigkeit, hätte mich mal auf die Leitungsstelle in unserer Abteilung bewerben können. Ich habe lange darüber nachgedacht und habe es dann nicht gemacht. Denn da gab es in meiner Kindheit immer die Stimmen der Eltern, die gesagt haben: Das schaffst du ja doch nicht. Jetzt ist es vermutlich zu spät dazu – aber ich will nicht immer die sein, die zögert. Ich würde das so gerne endlich mal hinter mir haben und vor allem meine Tochter nicht zusätzlich damit belasten.

Frau M. (54)

 

Zwei Frauen, die gerne einen Sprung nach vorne wagen würden, aber irgendwie feststecken in einer Dauerschleife. Es ist schon seltsam: Eigentlich gibt es ganz klare Vorstellungen, was Sie bzw. Ihre Tochter machen wollen, und Sie könnten es auch – und dann stellen Sie sich ein mögliches Scheitern so lebendig vor Augen, dass es unvermeidlich erscheint.

Wer sich auf Veränderungen einlässt, wird auch immer wieder erleben, dass das Ganze nicht so geht, wie er sich das vorstellt. Es gibt eine Menge Dinge, die Sie nicht in der Hand und nicht unter Kontrolle haben. Aber Sie haben es in der Hand, wie Sie auf Probleme reagieren. Rückschläge sind unvermeidlich, aber sie sind die beste Möglichkeit, etwas zu lernen und – um es mal ganz positiv auszudrücken – womöglich bringt Sie ja jedes Scheitern auch näher zu Ihrem Ziel.

Was könnte helfen? Vielleicht ist es wichtig, dass Sie zunächst bei sich selbst den Blick verändern auf das, was Veränderung, Erfolg und Scheitern bedeutet. Jemand hat mir mal empfohlen, ein Erfolgstagebuch zu führen. Das ist einfach ein kleines Heft, in das man jeden Tag drei Sachen notiert, die einem heute gelungen sind. Das können winzige Dinge sein, eine E-Mail zu schreiben, die man lange vor sich hergeschoben hat, Freunden beim Umzug zu helfen, ein schwieriges Gespräch gut hinter sich zu bringen. Mit der Zeit entsteht eine Sammlung von ganz alltäglichen Erfolgen, die man sich immer wieder vor Augen führen kann. Wenn Sie das für sich selbst tun, verändert das auch Ihren Blick auf Ihre Tochter. Es könnte sein, dass Sie beide dadurch das, was Sie gerne anpacken möchten, weniger ängstlich angehen, sondern mit mehr Zuversicht und Vertrauen.

Und noch etwas: Lange nachzudenken kann sinnvoll sein, es kann aber auch in der vertrauten Dauerschleife gefangen halten. Hilfreicher ist es, auch mit anderen, Außenstehenden, über Veränderungspläne zu reden und so konkret wie möglich die Risiken, Rahmenbedingungen und kleinen Schritte für eine am Ende erfolgreiche Veränderung zu besprechen.

 

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