25.01.2020
Opfer des Nationalsozialismus

Trinationales Holocaust-Gedenken in Passau: Erinnerungskultur gegen neuen Antisemitismus

75 Jahre nach dem Holocaust gedachten zum ersten Mal Vertreter von drei Ländern gemeinsam der Opfer des Nationalsozialismus. Sie taten dies in der Stadt Passau, in der sich einst drei Außenlager des KZ Mauthausen befanden
Passau Historisches Zentrum Donau
Blick auf das historische Zentrum von Passau.

 Ein bewegendes Holocaust-Gedenken im Drei-Länder-Eck: Der Bayerische Landtag hat am Freitag in Passau zum ersten Mal in einem grenzüberschreitenden Gedenkakt an die Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz vor 75 Jahren erinnert. Landtagspräsidentin Ilse Aigner (CSU) und der Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, erinnerten neben dem Präsidenten des tschechischen Abgeordnetenhauses, Radek Vondracek, und dem oberösterreichischen Landtagspräsidenten Viktor Sigl an die Verbrechen während der Zeit des Nationalsozialismus.

Aigner betonte, dass die Morde ein tiefes Trauma bei der tschechischen Bevölkerung hinterlassen hätten. Bis heute seien dieser "Zivilisationsbruch" und seine "Perfidie" unfassbar.

Zur Erinnerungskultur in Deutschland gehöre die Verpflichtung, "sich denen entgegenzustellen, die relativieren und leugnen wollen", sagte Aigner. Jüdische Menschen würden heute wieder attackiert, jüdische Einrichtungen beschädigt und Mahnmale geschändet. "Wir sind wieder weit weg von unserem Versprechen 'Nie wieder', wir haben es nicht halten können", sagte Aigner.

Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus

Freller rief dazu auf, sich gegen jene zur Wehr zu setzen, die heute wieder diskreditierten, aufhetzten und verleumdeten. Demonstrationen, wie die für Freitag geplante Pegida-Kundgebung in München, die sich gegen jüdische Religionsgesetze richtet, gehöre verboten, sagte Freller. Ursprünglich wollte Pegida vor der Synagoge gegen die Beschneidung von Säuglingen und Kindern demonstrieren. Das Kreisverwaltungsreferat untersagte dies, erlaubte die Kundgebung aber unweit des Jüdischen Zentrums. In der Nacht auf Freitag schließlich sagte Pegida selbst die Demo ab.

Mit einer sehr mahnenden Rede meldete sich auch Josef Schuster, der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, zu Wort. Immer mehr Menschen würden am liebsten einen Schlussstrich unter die Geschichte ziehen, um in ihrer Komfortzone zu bleiben. Dabei müsse für jede Generation gelten: "Wer feige wegschaut oder weghört, gibt leichtfertig und verantwortungslos die Chance auf, unsere Demokratie für die Zukunft zu sichern."

Gerade angesichts einer kleiner werdenden Zahl von Zeitzeugen sei es immer schwieriger, die "Monstrosität" des Verbrechens in Erinnerung zu behalten und den jungen Menschen die Shoah als Menschheitsverbrechen zu vermitteln. Demokratie- und Holocausterziehung seien dafür unabdingbar.

Studie Holocausterziehung

Eine Studie der FU Berlin und der Jewish-Claim-Conference habe gezeigt, dass an vielen Universitäten keine Vermittlung von Grundlagenwissen über die Geschichte des Holocaust stattfinde, sagte Schuster. "Wenn Schulen die Auseinandersetzung mit der Shoah vernachlässigen, machen sie quasi Platz für Politiker, die den Schlussstrich ziehen und lieber die ruhmreichen Kapitel der deutschen Geschichte ins Rampenlicht stellen wollen." Das seien Politiker, die gewählt wurden, "obwohl sie gegen Minderheiten hetzen, die Religionsfreiheit infrage stellen und völkisches Denken verbreiten".

Zwei Zeitzeuginnen aus Tschechien und Österreich berichteten von ihren Erlebnissen: Die 92-jährige Bohumila Havrankova war im KZ Theresienstadt inhaftiert und die die 88-jährige Anna Hackl aus Oberösterreich versteckte und rettete geflüchtete KZ-Häftlinge. Schüler und Studenten sangen unter anderem das jüdische Lied "Shalom Aleijem" sowie das Dietrich-Bonhoeffer-Lied "Von guten Mächten wunderbar geborgen".

Konzentrationslager Mauthausen

Bereits am Vormittag hatten die Delegationen zusammen mit Opfergruppen in Passau am Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus Kränze niedergelegt. Für den Gedenkakt wurde Passau ausgewählt, weil sich in der Stadt einst drei Außenlager des Konzentrationslagers im österreichischen Mauthausen bei Linz befanden. In dem KZ und seinen Außenlagern starben zwischen 1938 und 1945 mindestens 90.000 Menschen.

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