1. Mai 2021
Die Weiße Rose

Weiße Rose: Wie der evangelische Pfarrer Karl Alt Sophie Scholl bis in den Tod begleitete

Der evangelische Münchner Pfarrer Karl Alt begleitete die verurteilten Mitglieder der Weißen Rose in den Tod - auch Sophie Scholl. In seinen Lebenserinnerungen hat er kurz nach dem Krieg darüber berichtet.
Vor dem Hauptgebäude der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität erinnert diese Installation im Boden an die »Weiße Rose« und ihre Flugblätter, die sie in den Lichthof des Gebäudes fallen ließen.
Vor dem Hauptgebäude der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität erinnert diese Installation im Boden an die »Weiße Rose« und ihre Flugblätter, die sie in den Lichthof des Gebäudes fallen ließen.

Wenn bei Karl Alt das Telefon in seinem Pfarramtsbüro klingelte, musste der Gemeindepfarrer der Münchner Lutherkirche mit dem Schlimmsten rechnen. Zu jeder Tageszeit konnte er unvermittelt ins Gefängnis Stadelheim gerufen werden, um Todeskandidaten auf ihrem letzten Gang seelsorgerlich beizustehen. Das Gefängnis, in dem nach der Machtergreifung der Nazis alle Delinquenten im Fließbandverfahren hingerichtet wurden, gehörte damals zu der evangelischen Kirche auf den Giesinger Höhen bei München.

Pfarrer Karl Alt: Das letzte Abendmahl mit Sophie Scholl

Auch am 22. Februar 1943 erhielt der Pfarrer einen Telefonruf, er wurde aufgefordert, auf schnellstem Weg nach Stadelheim zu kommen, wo Sophie Scholl zusammen mit ihrem Bruder Hans sowie Christoph Probst auf ihre Enthauptung vorbereitet wurden. "Bebenden Herzens" habe er die Zellen von Sophie Scholl und ihrem Bruder Hans betreten, erinnerte sich Alt. Er habe nicht gewusst, wie er den Todeskandidaten, die er vorher nie gesehen hatte, in der kurzen Zeit seelsorgerlich nahekommen könne.

Mit Sophie Scholl habe er das Abendmahl gefeiert, bis der Wächter an die Zellentür pochte. "Sie richtete aufrecht und ohne mit der Wimper zu zucken noch ihre letzten Grüße an den ihr unmittelbar folgenden innigst geliebten Bruder aus", beschreibt Alt in seinen Erinnerungen die letzten Augenblicke von Sophie Scholl. Ihr Wunsch nach einem gemeinsamen Abendmahl blieb den Scholls und ihrem Freund Christoph Probst, der zwar noch nicht getauft war, aber zum Katholizismus neigte, verwehrt.

"Weiße Rose" - Abschied nehmen

Immerhin konnten die Scholls und Christoph Probst bei einer letzten gemeinsamen Zigarette voneinander Abschied nehmen. Gegen die Gefängnisordnung hatten die Wächter den jungen Leuten diese letzte Begegnung gewährt. Auch die Eltern konnten ihre Kinder kurz vor ihrer Ermordung ein letztes Mal sehen. Mutter Lina schrieb später an Sophies Freund Fritz Hartnagel, ihre Tochter habe "leicht und locker an der Heizung gelehnt" und "hatte einen Glanz in ihren Augen, den ich sonst nicht kannte".

Um 17 Uhr am 23. Februar 1943 wurde Sophie als erste der jungen Todeskandidaten in das kleine Hinrichtungsgebäude auf dem Gefängnishof geführt. Dort warteten bereits Oberreichsanwalt Weyersberg, der Gefängnisdirektor, ein Gefängnisarzt, Henker Johann Reichart und einige andere. Reichart hatte allein im Jahr 1942 mehr als 760 Menschen auf der Guillotine getötet. Wie das Protokoll vermerkt, sei die Verurteilte Sophie Scholl auch im Anblick des Fallbeils "ruhig und gefasst" gewesen.

Die Hinrichtung von Sophie Scholl dauerte nur wenige Sekunden, direkt nach ihr folgten ihr Bruder Hans und Christoph Probst. Und kurz danach vermeldete der Oberreichsanwalt in einem Telegramm den erfolgreichen Vollzug der Todesurteile nach Berlin - "ohne Zwischenfall verlaufen". Von 1933 bis 1945 wurden hinter den Gefängnismauern mehr als 1.000 Menschen getötet, häufig wegen geringfügiger Vergehen wie kleinerer Diebstähle oder der kleinsten Kritik am nationalsozialistischen Regime.

Widerstand im Nationalsozialismus

Die Todesurteile vollzog man in möglichst großer Kälte und Grausamkeit: Pfarrer Alt schreibt in seinen Erinnerungen, dass es keine "Henkersmahlzeit" mehr gab, das Kreuz sei als "veraltetes Symbol" aus dem Hinrichtungsraum entfernt worden und die Geistlichen sollten mit den Todeskandidaten nicht mehr laut beten. Gegen diese Maßnahme hatte sich Alt erfolgreich verwahrt, wobei er offensichtlich auch auf seine Kriegsverletzung aus dem Ersten Weltkrieg verwies, einen verkrüppelten Arm.

Eine noch grausamere Hinrichtungsmethode blieb den Geschwistern Scholl in Stadelheim erspart. Dabei wurden die Delinquenten stehend mit einem Strang erwürgt, "was entsetzlich lange dauerte", wie der Gefängnisseelsorger Alt schreibt. Oft habe man den Tod erst nach mehreren Stunden und nach dem Auftreten der "Todesflecken" feststellen können. Daran sei der Gefängnisarzt, der allen Exekutionen pflichtmäßig beiwohnen musste, innerlich und äußerlich zerbrochen.

Beerdigung der Geschwister Scholl

Als schauerliches Relikt aus dieser Schreckenszeit ist die Guillotine, auf der die Widerstandskämpfer ermordet wurden, durch einen Zufall Anfang 2014 im Depot des Bayerischen Nationalmuseums wiederentdeckt worden. Ausgestellt wurde sie jedoch nicht. Denn es sei undenkbar, dass angesichts des gewaltsamen Todes der jungen Widerstandskämpfer gegen das NS-Regime "gekichert oder lüstern geschaut" werde, argumentierte etwa die damalige Münchner Regionalbischöfin Susanne Breit-Keßler.

Zwei Tage nach der Hinrichtung beerdigte Alt die Geschwister Scholl kurz vor Sonnenuntergang auf einem von der Gestapo abgeriegelten Teil des Friedhofs am Perlacher Forst in München. Er sprach den 90. Psalm "Herr, Gott, du bist unsere Zuflucht für und für" und das Hohelied der Liebe aus dem Brief des Paulus an die Korinther. Alt starb bereits 1951 mit 54 Jahren. Wahrscheinlich hatten seine Kriegsverletzung und wohl auch die schlimmen Stunden in Stadelheim seine Gesundheit zerrüttet.

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