Die Stadt Lissabon war für ein paar Tage das Epizentrum der digitalen Zukunft. Auf dem WebSummit 2025 trafen sich rund 60.000 Gründer:innen, Investor:innen und Tech-Visionär:innen, um über die nächste große Welle der Transformation zu sprechen.

Das sind die Themen der Tagung:

  • WebSummit 2025 in Lissabon: 60.000 Teilnehmer diskutieren die digitale Zukunft und KI-Trends.
  • KI demokratisiert Programmierung: Tools wie Replit und Loveable machen Coding für alle zugänglich.
  • Arbeitswelt im Wandel: Gen Z fordert neue Modelle, während KI repetitive Jobs übernimmt.
  • Investitionen in KI-Infrastruktur: Microsoft investiert 10 Milliarden Dollar in Portugal.
  • Ethik vs. Wachstum: Auf dem WebSummit dominieren Profitstrategien, ethische Fragen bleiben Randthema.

Die Schlagworte sind offensichtlich: Künstliche Intelligenz, Automatisierung, neue Arbeitsmodelle. Doch hinter der Euphorie stehen zwei Entwicklungen, die die Arbeitswelt und die Gesellschaft tiefgreifend verändern werden – und ethische Fragestellungen eröffnen, die kaum Beachtung finden.

KI macht Programmieren zum Massenphänomen

Was früher Jahre des Lernens erforderte, ist in wenigen Klicks möglich. Unternehmen wie Replit oder Loveable versprechen, dass jeder Mensch Software entwickeln kann – ohne klassische Programmierkenntnisse. "In fünf Jahren wird sich jedes Unternehmen sichtbar verändert haben", sagt Michele Catasta, Präsident von Replit. Seine Idee von "Vibe Coding" will Millionen von Menschen ermöglichen, ohne Ausbildung Apps und Unternehmen zu gründen.

Die Botschaft ist eindeutig: Coding wird demokratisiert. KI übernimmt die komplexen Schritte, der Mensch gibt die Richtung vor. Das verändert nicht nur die Arbeitswelt, sondern auch die Machtverhältnisse in der Tech-Branche. Wer bisher auf Fachkräfte angewiesen war, kann künftig selbst digitale Produkte entwickeln.

Für Unternehmen bedeutet das: Geschwindigkeit wird zum entscheidenden Faktor. "Wir müssen schneller vorankommen als alle anderen", sagt der schwedische Physiker Anton Osika und Mitgründer von Loveable. Sein Erfolgsrezept: Ein einfaches Produkt, das vor allem von Laien verstanden wird. Sein Unternehmen wächst rasant, auf dem Kongress erzählt er, wie schwer es ist, so schnell ein gutes Team aufzubauen. Auch das Thema Sicherheit hat er durchaus auf dem Schirm. Denn ohne Vertrauen in die Technologie wird kein Produkt überleben, so Osika.

Wie die GenZ die Arbeitswelt verändert

Künstliche Intelligenz verändert die Arbeitswelt massiv und in einer nie dagewesenen Geschwindigkeit. Das hat Auswirkungen auf die junge Generation der Arbeitnehmenden. Die ist ohnehin im Umbruch: Während Millennials im Schnitt fünf bis sieben Jahre bei einem Arbeitgeber verweilen, wechselt die Gen Z alle zwei bis drei Jahre ihre Stelle.

Amanda Slavin, Mitbegründerin von The Future Frequency, erklärte, dass Millennials ihre Identität oft aus ihrer Arbeit beziehen, da sie die schrittweise Entwicklung des Internets miterlebt haben. Im Gegensatz dazu lege die Generation Z (geboren zwischen 1997 und 2012) Wert auf Authentizität und suche ihre Identität eher in der digitalen Welt und in der Bestätigung durch soziale Medien als in einer traditionellen Beschäftigung. Die Gen Z könne mit klassischen Arbeitsmodellen nichts mehr anfangen und suche ihre Lebensfreude eher im Privaten und in Projekten außerhalb der Arbeit.

Corona und Homeoffice haben diese Dynamik weiter verstärkt. Der Personalvermittler Mauricio Sion von SGF Global glaubt, dass sich Unternehmen nun der Generation Z viel mehr "verkaufen” müssen. Große Unternehmen wie Uber versuchten, ihre Mitarbeiter wieder für 3-4 Tage ins Unternehmen zu holen, weil sie erkannt hätten, dass Interaktion und Unternehmenskultur entscheidend sind für den eigenen Erfolg.

Die Diskussion zeigte, wie sehr der Druck gestiegen ist. Immer häufiger werden Produktivität und Effizienz zur Obsession der Unternehmen, während der Mensch zum kleinen Rädchen im Getriebe wird, was für Frust, Einsamkeit und Burnout führt.

Bis 2030 werden etwa 30 Prozent der Erwerbstätigen aus der Gen Z stammen. Das bedeutet: Die Generationen müssen sich miteinander arbeiten. Eine Idee für Unternehmen, die gerade erprobt wird, ist das "Reverse Mentoring": Dabei geht es darum, dass junge Mitarbeitende den Älteren digitale Trends erklären und beide Generationen ins Gespräch kommen über Unternehmenskultur und Verantwortung. Denn die Gen Z möchte sich gesehen und gehört fühlen – und sie fühlt sich oft missverstanden. Erst wenn ein Unternehmen die eigene Kultur und die Werte klar vermittelt, kann eine Bindung entstehen.

Wird Europa zum Zentrum von KI-Gigafabriken?

Der WebSummit ist bekannt dafür, dass sämtliche Größen der Tech-Branche auf der Bühne stehen. So auch Microsoft-Präsident Brad Smith. Er hat kurz vor dem WebSummit verkündet, dass Microsoft zehn Milliarden Dollar (mehr als 8,6 Milliarden Euro) in Portugal investieren will, um dort die Infrastruktur für Künstliche Intelligenz auszubauen. Damit wird Portugal zu einem Vorreiter in Europa in Bezug auf KI-Gigafabriken.

In seiner Rede spricht Brad Smith aber über ganz andere, globale Probleme. Er weist darauf hin, wie ungleich die Technologien auf der Weltkugel verteilt sind. Von den rund 81 Milliarden Menschen auf der Welt haben 3,9 Milliarden keinen Zugang zu Elektrizität, geschweige denn zu Künstlicher Intelligenz. Das Rennen um die KI-Infrastruktur geht daher weiter, mit den USA, China und Europa an der Spitze.

Smith erinnert daran, dass Künstliche Intelligenz, die mit dem Aufkommen von ChatGPT vor fast drei Jahren an Fahrt gewonnen hat, "schneller als jede andere Technologie eine Milliarde Menschen erreicht hat”. Er räumt ein, dass Portugiesisch und andere europäische Sprachen in den Modellen bislang unterrepräsentiert sind und dass es entscheidend sein wird, sie zugänglich zu machen, um eine Technologie zu gewährleisten, die allen Bürgern dient. "Die Zukunft gehört denen, die KI nutzen und sie für bessere Zwecke einsetzen werden als alle anderen”, schloss Brad Smith.

Superintelligenz schaut schon um die Ecke

Der MIT-Physiker Max Tegmark ragt aus der Masse der Speaker*innen heraus. Mit seiner Lederjacke wirkt er eher wie ein Rockstar, und er spricht über ein Thema, an das sich auf der Messe nur wenige heranwagen: Superintelligenz oder AGI. Die Künstliche Intelligenz, so hatte er schon in seinem Buch "Leben 3.0. Mensch sein im Zeitalter Künstlicher Intelligenz" vor etlichen Jahren gewarnt, könne eine Daseinsformen bringen, die dem Menschen überlegen ist – und entweder als Diktator oder als Schutzgott fungieren könnte.

Der Professor am Massachusetts Institut of Techology (MIT) blickt gleichwohl optimistisch in die Zukunft und vertritt die Ansicht, dass Künstliche Intelligenz zwar alle Jobs übernehmen wird, die repetitiv sind und mit vielen Daten arbeiten, gleichwohl meint er auch: "Künstliche Intelligenz kann den Menschen nicht ersetzen". Er will vielmehr die Branche dazu bekommen, über ethische Fragestellungen nachzudenken: Wer kontrolliert die Künstliche Intelligenz? Wie verhindern wir Ungleichheit in der Gesellschaft? Welche ethischen Schranken müssen wir der Software mitgeben?

Khaby Lame
Khaby Lame ist Influencer und Content Creator und hat auf TikTok with 162M follower.

Khaby Lamé: Influencer erobern die Tech-Welt

Dass junge Influencer:innen aus der Techwelt nicht mehr wegzudenken sind, verdeutlicht der Auftritt von Khaby Lamé. Khaby ist mit 162 Millionen Followern auf TikTok und über 250 Millionen Followern auf Socialmedia einer der erfolgreichsten Creator der Welt. Seine wortlosen Comedy-Videos machen ihn zu einer globalen Ikone. Khaby arbeitet mit Konzernen wie BOSS, Pepsi, Google, Netflix, Samsung und McDonald's zusammen und ist als UNICEF-Botschafter unterwegs. Sein Auftritt auf der Hauptbühne wird zum schillernden Moment der Selbstliebe. "Wenn du nur an Geld denkst, wirst du nie reich werden", sagte er. "Du wirst reich, indem du das tust, was du liebst." Er sagte, er sei Content Creator und Influencer geworden, weil er Menschen zum Lachen bringen wollte. "Das Geschäft und das Geld kamen erst später", erklärte er. Wer etwas nur des Geldes wegen täte, verliere das Wesentliche aus den Augen. Sein Ratschlag für alle Creator: "Vergleiche dich nicht mit anderen. Und glaube an Gott."

Wachstum sticht Ethik

Während die technischen Möglichkeiten durch Künstliche Intelligenz geradezu explodieren, bleibt eine Frage auf dem WebSummit erstaunlich leise: Welche Regeln gelten für den Einsatz von KI? Auf den Bühnen des WebSummit dominieren Wachstumsstrategien, nicht moralische Debatten. Wer den Begriff "Ethik" im Programm sucht, findet nur vereinzelte Veranstaltungen – darunter ein Meeting, bei dem knapp 30 Personen auftauchen.

Der WebSummit zeigt, wie stark Künstliche Intelligenz derzeit als Werkzeug für Effizienz und Profit gefeiert wird. Gesellschaftliche Verantwortung ist zweitrangig. Dabei sind die Risiken offensichtlich – von fehlerhaften Algorithmen bis zu massiver Ungleichheit. Die digitale Transformation erreicht nicht alle Menschen, sie droht bestehende Gräben weiter zu vertiefen. Die großen Fragen werden vertagt.

Geschwindigkeit vor Verantwortung

Der WebSummit zeigt, wie rasant sich die digitale Welt bewegt. KI revolutioniert das Programmieren und eröffnet Chancen für die Wirtschaft. Doch je schneller die Technologie wächst, desto größer wird die Lücke zwischen Machbarkeit und Moral. Die Organisatoren der Tagung täten gut daran, sich stärker denen zu widmen, die KI nicht nur nutzen, sondern auch Regeln setzen. Bis dahin gilt: Innovation ist gefragt und Ethik bleibt eine offene Baustelle.

WebSummit Lissabon

Wie die Künstliche Intelligenz das Gesundheitswesen revolutioniert, steht in diesem Feature von Rieke Harmsen.

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