Die Zukunft der Medizin ist digital, personalisiert und datengetrieben. Auf dem WebSummit in Lissabon zeigte sich: Die Gesundheitsbranche ist möglicherweise der heimliche Gewinner der KI-Revolution. Auf der Tech-Messe, zu der jährlich rund 60.000 Menschen strömen, tummelten sich etliche Health-Tech-Startups mit ihren Ideen.
Sie wollen das Altern verlangsamen, Krankheiten vorhersagen, den Körper technologisch erweitern und den Markt mit neuen Medikamenten und Anwendungen fluten.
Selbstoptimierung ist die neue Religion: Wie kann ich meine Blutwerte messen, meine Ernährung umstellen und mich fit halten, um möglichst lange zu leben? Bekommen wir eine "Generation Health", die Krankheiten verbannt und "longevity" erreicht - also das Leben verlängert?
Etliche Startups arbeiten an den Lösungen dazu: Es gibt Ringe und Wearables, Tools und KI-gestützte Ernährungsplänen, Applikationen und neue Medikamente. Die Botschaft: Gesundheit ist nicht mehr nur ein Zustand, sondern ein Lifestyle.
Das Geschäft ist gigantisch: Laut der Beratungsfirma Roland Berger könnte sich der weltweite Umsatz auf dem Markt für Digital-Health bis zum Jahr 2026 auf eine Billionen Euro belaufen. Für Deutschland wird ein Marktvolumen von 59 Milliarden Euro erwartet.
Wer sich bei den Startups in Lissabon umschaut, dürfte jedoch aufhorchen. Denn viele Gründer:innen kommen aufgrund einer persönlichen Lebenserfahrung in den Gesundheitssektor: Sie haben einen persönlichen Verlust erfahren, eine schwere Krankheit überstanden oder Angehörige gepflegt.
Können wir unseren Alterungsprozess steuern?
So auch Peter Ward. Der Gründer des Unternehmens Humanity hat erlebt, wie sein Vater plötzlich umkippte, lange im Koma lag und gepflegt werden musste. "Ich fühlte mich hilflos und habe plötzlich stärker über den Sinn des Lebens nachgedacht", erzählt Ward. Er wollte verstehen, was ein langes Leben eigentlich ausmacht – und machte sich auf die Suche.
Heute ist Ward davon überzeugt, dass das biologische Alter nicht nur messbar ist, sondern auch steuerbar. Er kritisiert das bestehende Gesundheitssystem: Es sei in Silos organisiert und mit hohen Kosten verbunden. Die meisten Krankheiten seien altersbedingt, doch das Geld fließe vor allem in die Behandlung der Folgen. Ward will früher ansetzen – und setzt dabei auf Prävention.
Seine KI-Erfindung analysiert Bluttests und verbindet diese mit Gesundheitsdaten. Dann erstellt sie Prognosen für das biologische Alter. "Wir möchten den Menschen dabei helfen, ihren Alterungsprozess zu verlangsamen oder sogar umzukehren", sagt Ward. Mit seiner App könnten die Menschen konkrete Prognosen abrufen und ihre Lebensgewohnheiten so verändern, dass sie besser und länger leben.
Sein zweites Projekt ist noch viel radikaler: Ward will eine globale Plattform für Gesundheitsdaten schaffen. Inspiriert vom Web-Erfinder Tim Berners-Lee möchte er der gesamten Menschheit helfen – und "mit Vorhersagen den Menschen eine Milliarde Jahre zurückgeben", sagt Ward.
Chip im Hirn und Prothese am Bein
Ein zweiter Bereich, in den derzeit in der HealthTech-Branche viel investiert wird, sind Geräte und Produkte, die unmittelbar am menschlichen Körper angedockt sind.
Max Hodak, Visionär und Gründer des Neuro-Tech-Unternehmens "Science", präsentierte eine Erfindung, die selbst wie ein Science-Fiction anmutet: Er arbeitet an einem zwei Millimeter großen Chip, der direkt am optischen Nerv sitzt und blinden Menschen helfen soll, andere Menschen zu erkennen. "Wir können Herzen und Nieren transplantieren, aber kein Gehirn", stellt Hodak fest. Die meiste Kraft müsse deshalb genau hier investiert werden. Er ist davon überzeugt, dass es in den nächsten zehn Jahren etliche Interfaces zwischen Hirn und Maschinen geben wird.
"Mit diesen Produkten, die wir an das Gehirn andocken, können wir nicht nur Defizite ausgleichen, sondern neue Fähigkeiten schaffen", ist der Gründer überzeugt.
Konkrete Probleme lösen wollen auch viele andere Erfindungen und Ideen, die bei den Pitches auf dem WebSummit präsentiert wurden. Da ist die Magensonde, die mit einer Kamera verbunden wird und eine Magenspiegelung ersetzt. Kombiniert mit einer KI-Erkennung können die Ergebnisse in wenigen Stunden ermittelt werden - und müssen nicht jeweils einzeln von einem Arzt bewertet werden.
Ein junger Mann präsentiert ein kleines Gerät, das Ärzt:innen in den Kliniken begleiten soll. Es ist zugleich Schlüssel, Smartphone, Aufzeichnungsgerät, Planungstool und Datenanalyse-Gerät - und soll über aufwendige Sicherheitsvorkehrungen verfügen.
Viel Applaus aus dem Publikum bekommt eine Erfindung aus der Ukraine: Dort hat das Startup Syla eine Knieprothese entwickelt, die nicht nur mechanisch auf dem neuesten Stand ist, sondern mit Hilfe von KI auf die Anforderungen des Nutzers reagieren soll. Die Prothese passt sich etwa an die Laufgeschwindigkeit des Nutzers an – und ermöglicht einen nahtlosen Wechsel vom Gehen ins Rennen.
Investoren wittern das große Geschäft
Kein Wunder also, dass sich auf dem WebSummit auch die Investoren tummeln. Fabian Siegel etwa ist Risiko-Kapitalgeber und hat eine Firma mitgegründet, die sich ausschließlich mit Health-Tech befasst.
Für Fabian Siegel ist klar: "KI wird binnen kürzester Zeit den Zeitraum halbieren, den neue Medikamente brauchen, um auf den Markt zu kommen."
Zwar seien die Investitionsvolumen weiterhin hoch und die Regularien, bis ein Medikament auf dem Markt komme, gewaltig. Doch lohne sich die Investition, weil es darum gehe, "das Leben von Millionen von Menschen weltweit zu verbessern".
Völlig verändern wird sich nach Auffassung von Siegel das Verhältnis zwischen Patient und Arzt. Künstliche Intelligenz kann Wissen vermitteln und Vorhersagen über Krankheiten treffen, die ein Arzt in der Tiefe gar nicht geben kann. Das könnte die Kosten in dem umstrittenen Markt massiv senken. Derzeit werden zahlreiche Produkte und Apps entwickelt, die den Patienten direkt betreuen. Doch Sigel sieht auch Risiken:
"Was sagen wir als Patienten, wenn eine KI die Diagnose stellt – und dabei vielleicht einen Fehler macht?"
Grundsätzlich sieht Siegel in der Gesundheitsbranche riesige Chancen. Er glaubt, dass es bald ein erstes Medikament auf dem Markt geben wird, das vollständig von einer KI entwickelt wurde. Und er hofft, dass auch im Bereich Onkologie schnell Lösungen gefunden werden – zumal weltweit immer noch viele Millionen Menschen an einer Krebserkrankung sterben.
Ethische Fragen im HealthTech-Bereich bleiben offen
Wer auf eine kritische Auseinandersetzung über die Entwicklungen der HealthTech-Innovationen auf dem WebSummit gehofft hatte, wurde enttäuscht. In der Startup-Szene ging es den Gründer*innen auf der Messe in Lissabon vor allem darum, weitere Gelder zu generieren, um zu wachsen und ihr Produkt möglichst bald auf den Markt zu bringen.
Doch blieben viele Fragen offen: Wem gehören die Daten, die die Menschen in den Applikationen freigeben und teilen? Wie sorgen wir dafür, dass persönlichen Daten nicht kommerzialisiert werden?
Die Hightech-Gesundheitsinnovationen versprechen den Menschen ein längeres Leben. Werden diese Technologien künftig nur wohlhabenden Menschen zur Verfügung stehen? Entsteht dadurch eine Gesundheits-Elite, die nur für das eigene Fortleben sorgt? Und wer oder was entscheidet darüber, welche Fähigkeiten oder Handicaps wir verbessern möchten - einzig die Chance, damit schnell viel Geld zu verdienen?
Offen bleibt auch, ob und wann die HealthTech-Branche ethische Leitlinien entwickelt, die sich mit grundlegenden Fragestellungen rund um Autonomie, Privatheit oder Gerechtigkeit beschäftigen – und medizinethische Belange diskutieren.
WebSummit Lissabon
So revolutioniert Künstliche Intelligenz unsere Arbeitswelt. Ein Feature von Rieke Harmsen - jetzt lesen unter diesem Link.
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