16. Februar 2021
Neustadt am Kulm

Evangelische Markgrafenkirche in Neustadt am Kulm

An der 300 Jahre alten evangelischen Markgrafenkirche in Neustadt am Kulm nagt der Zahn der Zeit - bloß für die Renovierung fehlt das Geld. Um auch in der Pandemie die Spendenfreude zu wecken, ist die Kirchengemeinde kreativ geworden.

"Glauben Sie an Schutzengel?" Hartmut Klausfelder überlegt kurz: Die Vorstellung von einem Schutzengel empfinde er nicht als Aberglauben, sagt der 55-jährige Pfarrer der Kirchengemeinde Neustadt am Kulm (Kreis Neustadt a.d.Waldnaab). Da er traditionell protestantisch sei, glaube er zwar nicht an ein Eigenleben der Schutzengel. Aber er glaube an ihre Anwesenheit. "Und ich denke, wir Menschen brauchen mehr als einen Schutzengel", sagt er im Hinblick auf das irdische Dasein seiner Mitmenschen.

Zwar keine Schutzengel, aber mehr als einen Engel hat die evangelische Markgrafenkirche. Ganze 116 Himmelsboten zählt die Dreieinigkeitskirche. Zu finden sind sie in Altar- und Deckenmalereien, in Gips gegossen, aus Holz geschnitzt oder aus Stein gemeißelt. Dass eine Kirchengemeinde die Anzahl ihrer Kirchenengel kennt, ist nicht alltäglich: In Neustadt am Kulm wurden die himmlischen Heerscharen für eine Spendenaktion gezählt. Seit zweieinhalb Monaten können Interessierte Engelpatenschaften übernehmen, und damit etwas zur Erneuerung des Kirchendachs beitragen.

Die Sanierung der historischen Markgrafenkirche

Ohne die jetzige Spendenaktion wäre eine Sanierung des Kirchendachs nicht finanzierbar. Dabei handelt es sich um eine der historischen Markgrafenkirchen. Sie feierte im vergangenen Jahr ihr 300-jähriges Bestehen. Die Gemeinde Neustadt am Kulm gehörte einst zum Markgrafengebiet Brandenburg-Kulmbach/Bayreuth und wurde 1370 von den Burggrafen zu Nürnberg gegründet. 1413 erhielt der Ort vom Papst die Erlaubnis für ein Karmeliterkloster. Durch die Reformation wurde aus der Klosterkirche eine lutherische Pfarrkirche.

Deshalb ist Pfarrer Klausfelder dem Kirchenvorstand besonders dankbar. "Ohne dieses ehrenamtliche Engagement wäre die Aktion gar nicht durchführbar", betont er. Das Projekt begann im Herbst aufgrund der Anregung eines Kirchenchormitglieds.

Die Suche nach den Engeln beginnt

Fotografin Sarah Hirschke und Vorstandsmitglieder suchten die Kirche daraufhin akribisch nach Engeln ab.

Dem etwas ungewöhnlichen Fotoshooting mit himmlischen Models folgte eine Katalogisierung durch Kirchenvorstand Andreas Walter. Je nach Größe, Bedeutung, geschichtlichem Hintergrund, Standort oder Auffälligkeit wurden die Engel für Patenschaften zwischen 25 bis 150 Euro eingeteilt. Klausfelder erzählt von der Freude, sich mit den Kirchenengeln eingehend zu befassen. Kaum startete der Aufruf zur Patenschaft, stand das Telefon im Pfarramt nicht mehr still. Nicht nur Neustädter wollten Pate werden, und nicht nur evangelische Kirchgänger.

Die Vergabe der Engel

Der Pfarrer schmunzelt über manche Anekdote bei der Vergabe der Himmelsboten. "Einige Engel, wie die auf dem Taufstein, waren mehrfach begehrt." Leider könnte jeder Engel nur einmal vergeben werden. Verwundert habe ihn, dass ausgerechnet imposante Himmelsboten wie der Erzengel Gabriel noch übrig sind. "Ich dachte, er geht gleich weg." Ganz besonders freut ihn das Interesse vieler katholischer Christen. Das zeuge von einer starken ökumenischen Gemeinschaft am Ort zum Erhalt der Kirche.

Engel, sinniert der Pfarrer über die Himmelsboten, seien für ihn die Helfer und das Sprachrohr Gottes: "Sie halten die Verbindung zu Gott aufrecht." Den praktischen Beweis dafür hat Neustadt am Kulm nun selbst mit der Engelpatenschaft geliefert. 116 Engel helfen dabei, ein Haus Gottes als Begegnungsstätte zwischen Gott und den Menschen zu erhalten: Eine Symbiose zwischen Himmel und Erde.

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