16.08.2017
Reformation

Infotafeln aus Text und Bild machen Ausstellungen immer so zweidimensional. Da erfrischt es, wenn die flachen Stelen sich einmal in die dritte Dimension öffnen. Eben das geschieht auf den 28 Dioramen der Luther-Schau, die ab nächstem Monat in Aschaffenburg gastiert.
 Hinter Luther schauen die Leiterin Cornelia Wenzel und der Chef des Städtischen Museums Halberstadt, Armin Schulze, hervor.
Bald in Bayern: Eröffnung in der Zehntscheune des Bauernkriegsmuseums in Böblingen. Hinter Luther schauen die Leiterin Cornelia Wenzel und der Chef des Städtischen Museums Halberstadt, Armin Schulze, hervor.

Eine Halberstadter Wanderausstellung mit Zinnfiguren-Ensembles wird in der Christuskirche Blicke auf Lebensstationen Martin Luthers und auf seine wichtigsten Zeitgenossen werfen. Blicke in richtige kleine Szenerien hinein, wohlgemerkt. Die miniaturisierten Räume werden zumindest die älteren unter den Besuchern wohlig an Museumsbesuche ihrer Kindheit erinnern.

Geschaffen haben die Dioramen und ihre Bewohner Arnfried Müller und Peter Scheuch. Ersterer ist seit 40 Jahren vom Zinnfiguren-Fieber gepackt. Anfangs widmete er sich vor allem als Sammler dem Napoleonischen Zeitalter. Da war er selbst Offizier bei der Nationalen Volksarmee. Als die aufgelöst wurde, stand er – auch emotional – vor dem Nichts. Er bewältigte seine Krise, indem er in der vertrauten Materie Zinn eine Szenerie mit vielen Figuren schuf: Wachaufzug bei der NVA, jetzt selbst gegossen und selbst bemalt. Dieses Handwerk setzte er fort.

Situationen in 3-D

Als das Themen-Jahrzehnt zum Reformationsjubiläum begann, hatte Müller bereits einige Luther-Motive im Repertoire. An steile Dienstwege gewöhnt, schlug er direkt dem Leiter der Luther-Dekade vor, ein Reformations-Diorama zu bauen. Doch der lehnte ab. Als Müller dann aber in der eigenen Stadt dem Geschichtsverein und dem Städtischen Museum Halberstadt anbot, lutherische Situationen in Farbe und 3-D zu schaffen, wussten die Historienfreunde, dass ein solcher Plan bei Arnfried, seiner Frau Irmgard Müller und dem Gleichgesinnten Peter Scheuch in besten Händen ruhte.

Das heißt, die Hände ruhten nicht. Gingen aber auch nicht blindlings zu Werke. Zusammen mit Experten aus Geschichtsverein und Museum überlegte das kleine Team, welche Inhalte die Reformations-Dioramen veranschaulichen sollten und was im Einzelnen zu diesen Dreh- und Angelpunkten gehörte. Luthers Hochzeit, der römisch-katholische Ablasshandel und natürlich der Thesenanschlag sind drei der Stationen.

Uraufführung hatte die Ausstellung genau in der Mitte der Luther-Dekade, also vor fünf Jahren, im Landtag von Sachsen-Anhalt. Es folgten jährlich durchschnittlich fünf Einsätze im ganzen Bundesgebiet.

Detailgetreue wird erwartet

Manchmal sind die Besucher detailgetreuer als die Macher. So hatten die Halberstadter ihr Thema »Katharina und die Nonnen fliehen« mit einem elektrisch betriebenen Vollmond illuminiert. Dann wies ein Betrachter sie darauf hin, dass in der fraglichen Nacht Neumond herrschte (Historiker können das nachrechnen).

Die Ensembles kann man auch erwerben. Das Familienleben der Luthers und eine Porträtsitzung im Atelier Cranachs stellt die Zinnfiguren-Offizin, die mittlerweile von Halberstadt nach Arnfried Müllers Geburtsstadt Güntersberge umzog, in Serie her. Und das Sortiment wird noch erweitert. Allerdings sind die Sets, die meist für gut einen Euro pro Einzelfigur in den Handel kommen, nicht bemalt.

Historische Grundlagen

Dass Menschen ausgerechnet in Halberstadt nostalgische Medien benutzen, um die Reformation zu illustrieren, hat selbst einen historischen Grund. Im 19. Jahrhundert existierte hier eine der umfangreichsten Privatsammlungen zu Luther und seiner Verehrung. Christian Friedrich Bernhard Augustin, seit 1824 Oberdomprediger, trug insgesamt 12 500 Objekte zusammen, die sein ältester Sohn Luther Augustin nach dem Tod des Theologen an das preußische Königshaus verkaufte.

Die Hohenzollern wiederum schenkten die Sammlung dem Lutherhaus in Wittenberg, wie es sich der Vater testamentarisch gewünscht hatte. Hier bildete die Augustinische Sammlung den Grundstock für das Luthermuseum.

Ausstellung

AUSSTELLUNGSERÖFFNUNG am 16. September 2017, 18.30 Uhr, geöffnet täglich von 8 bis 17 Uhr. Geschlossen während Veranstaltungen in der Kirche.

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