2. Februar 2021
Kunst und Kirche

Landeskirche will Zeichen gegen den Kultur-Lockdown setzen – und holt Künstlerinnen und Künstler in die Kirchen

Eine bayernweite Initiative des landeskirchlichen Kunstreferats will ein Zeichen gegen den Kultur-Lockdown setzen und holt freischaffende Künstlerinnen und Künstler in die Kirchen.

Als kirchlicher Kunstbeauftragter hat Jean-Pierre Barraud seine Einführung als neuer Pfarrer der Neu-Ulmer Petruskirche gleich für einen Kunstevent genutzt. Bei dem Gottesdienst war auch Herbert Nauderer, Maler, Videokünstler und Erfinder des "Mausmannlands" mit drei Videoarbeiten, zu Gast. Maskierte Menschen kommen in Nauderers Arbeiten immer wieder vor.

Das passt ebenso in die Corona-Zeit wie Barrauds Predigt zum Thema "Kunst der Hoffnung". Der Gottesdienst in Neu-Ulm war so etwas wie der Frühstart der landeskirchlichen Kunstaktion "Hoffnung. Leben. Licht." rund um den Lichtmesstag (2. Februar).

Kunstaktion der Landeskirche Bayern

Die Aktion bringt zeitgenössische Kunst in 16 weitere bayerische Kirchen. Und sie soll damit ein Zeichen setzen. Von der "Kunst der Hoffnung" zur Hoffnung für die Kunst. Pfarrer Barraud hat familiäre Wurzeln in Frankreich, und er kann mit Lichtmess auch kulinarisch etwas anfangen: Französisch heißt das Fest "Chandeleur" ("Kerzenfest").

Es soll daran erinnern, dass Christus das Licht der Welt ist. Traditionell gibt es am 2. Februar in Frankreich Crêpes, denn die runde Form und die goldene Farbe der hauchdünnen Pfannkuchen erinnert an die Sonne. Und die lässt seit Weihnachten nun in zunehmender Geschwindigkeit die Tage immer länger werden.

Installation in der Münchner Lukaskirche

Um das Licht, das Leben und die Hoffnung kreisen auch die Arbeiten der Künstlerinnen und Künstler, die an der Aktion beteiligt sind. Nicht nur für einen Gottesdienst, sondern für fast vier Wochen ist in der Münchner Lukaskirche eine Installation der Künstlerin Stefanie Unruh zu sehen (täglich 9 bis 17 Uhr).

"Ich weiß nie, arbeite ich gerade oder nicht?" ist der Titel ihrer Arbeit.

In eine Malerleiter gehängte Glühbirnen blinken diesen Satz als Morsecode. Viele Menschen im Corona-Homeoffice dürften mit ihm etwas anzufangen wissen. In Zeiten, in denen die Grenze zwischen "Produktionssphäre" und "Privatsphäre" mehr und mehr verschwimmt, gelte als erfolgreich, "wer - pausenlos - kreativ, flexibel, mobil und multikompetent" tätig sei. Ein neues "Sklaventum", so die Münchner Künstlerin.

In der Lukaskirche, dem "evangelischem Dom" in München, finden bis auf Weiteres keine Präsenz-, sondern nur Videogottesdienste statt. Auch der Vernissage-Kunstgottesdienst zur Eröffnung mit Regionalbischof Christian Kopp am 2. Februar wird daher als Video im Internet übertragen.

Kunstgottesdienste als neue Idee

Manchmal gehen Dinge in der Kirche ganz schnell: Die Idee zu der Kunstaktion entstand Mitte Dezember im Kreis der evangelischen Kunstbeauftragten. Wenn die Museen zu sind, Gottesdienste aber erlaubt, dann liege es doch nahe, Kunstgottesdienste anzubieten, sagte Helmut Braun, Leiter des landeskirchlichen Kunstreferats.

"Ich finde es toll, dass sich die Kirchen für die Kunst öffnen", sagt Stefanie Unruh.

"Es ist fatal für uns Künstler", dass Galerien und Museen geschlossen seien, Ausstellungen verschoben würden. Unruh ist keine Unbekannte in der kirchlichen Kunstszene: Von ihr sind die großformatigen Fotoschichtungen im Foyer des neuen Landeskirchlichen Archivs in Nürnberg, die wie Gemälde wirken, obwohl sie aus collagierten Fotografien bestehen.

Unter den 17 beteiligten Künstlern sind auch die vier kirchliche Kunstpreisträger der letzten Jahre: Meide Büdel (Nürnberg), Lutzenberger + Lutzenberger (Bad Wörishofen), Gerhard Mayer (Nürnberg) und Gerhard Rießbeck (Bad Windsheim).

Für die Lichtmess-Aktion bat der kirchliche Kunstbeauftragte Braun die Künstler, eine schon existierende Arbeit mit Bezug zu den Themen "Licht" und "Leben" in die Gemeinde mitzubringen, um diese im Rahmen einer Dialogpredigt oder Bildinterpretation vorzustellen. Brauns Kunstreferat vermittelt die Künstler, will sich aber nicht einmischen, wie die einzelnen Gemeinden mit dem Corona-Schutz umgehen.

"Aber wir empfehlen dringend, nach Möglichkeit alles zu filmen, zu dokumentieren und ins Netz zu stellen", sagt Braun, der nicht nur hofft, dass die Sache nachwirkt, sondern auch Nachahmer findet - am besten ökumenisch.

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