Bei Rot über die Ampel gehen? Jedenfalls dann, wenn weit und breit kein Auto kommt, kein Kind an der Hand zerrt und die Straße so leer daliegwie sonntags um sechs in Münchens Innenstadt? In Deutschland ist das keine Alltagsentscheidung, sondern eine Gewissensprüfung. Man macht sich strafbar. Die Regel ist eindeutig: Rot heißt stehen bleiben. Wer sie missachtet, begeht eine Ordnungswidrigkeit.
Also lieber Risiko vermeiden, mögliche Sanktionen umgehen, Haltung bewahren. Ordnung muss sein. Verbringt man dann ein verlängertes Wochenende in Rom, löst sich diese innere Blockade schlagartig. Man schwimmt plötzlich im Strom der Rotgänger mit, überquert Straßen im Kollektiv, scheinbar ungeregelt, aber erstaunlich unfallfrei. Als Einzige:r stehenbleiben? Auch irgendwie komisch.
Wenn Ungeplant zuverlässig läuft: Italiens Gelassenheit
Apropos Italien: Wer in Rom mit dem Bus von der Engelsbrücke zum Kolosseum fahren will, stellt sich an die Haltestelle und wartet. Auf gut Glück. Einen Fahrplan gibt es nicht. Oder vielleicht hängt irgendwo einer, für den Fall, dass Deutsche kommen und nervös werden.
Die Realität ist simpler – und aus deutscher Sicht verstörender. Es gibt Busfahrer:innen, es gibt Busse, und irgendwann fahren die los. Und das Verrückte: Es funktioniert. In einem regelmäßigen, gefühlten Rhythmus kommt man an. Nicht planbar, aber verlässlich.
Fehlerlosigkeit als Ideal: Deutschlands Angst vor Irrtümern
Deutschland hingegen liebt das Ideal der exakten Planung. Lieber noch eine Arbeitsgruppe, noch eine juristische Prüfung, noch ein Protokoll, am besten dreifach abgeheftet. Die Hoffnung dahinter: Wer alles regelt, macht keine Fehler. Unfehlbarkeit durch Verfahren. Fehlertoleranz? Gleich null.
Zu diesem ernüchternden Befund kommt auch der Psychologe Michael Frese von der Leuphana Universität Lüneburg. In einer viel zitierten Untersuchung zur internationalen Fehlerkultur landet Deutschland auf Platz 60 von 61 Ländern. Schlusslicht, zumindest fast. Nur Singapur ist noch rigoroser.
Politik im Spiegel: Fehler werden geleugnet
Das Problem: Fehler passieren natürlich trotzdem. Ein Stich ins deutsche Bürokratenherz. Der anschließende Umgang mit ihnen ist oft von beinahe kindlicher Unbeholfenheit – und verrät, wie groß die Angst vor dem Makel ist.
Besonders sichtbar wird das auf der Schaubühne unserer Demokratie: der Politik. Passieren Fehler, werden sie geleugnet, kleingeredet, ausgesessen. Oder es wird sofort am Stuhl gesägt, sobald nur der Anschein eines Fehlers sichtbar wird. Rücktrittsforderung. Schuldbekenntnis. Amen.
Der politische Diskurs kennt nur zwei Zustände: Unschuld oder Sühne.
Beispiele der Blockade: Rechtfertigung statt Lernen
Die Liste der Beispiele ist lang. Da gibt es einerseits Jens Spahn und die Maskenbeschaffung oder Olaf Scholz und Cum-Ex. Beide lavierten sich trotz erheblicher Vorwürfe erfolgreich durch, ohne jemals Fehlverhalten einzugestehen. Bei Helmut Kohl hieß das noch Aussitzen. Andere, wie Anne Spiegel und ihr Urlaub während der Flutkatastrophe oder Christine Lambrecht und der Hubschrauberflug mit dem Sohn, mussten hingegen zurücktreten.
Keiner dieser Fälle führte zu einem öffentlichen "Ja, das war falsch, so machen wir es künftig besser." Alle wählten im Grunde die gleiche Taktik, nur mit unterschiedlichem Erfolg.
Die Angst vor dem Eingeständnis scheint größer als die Angst vor dem Fehler selbst. Das ist nicht nur ermüdend, weil es immer gleich abläuft und unaufrichtig wirkt. Es hat auch Folgen. Deutschland bleibt stehen. Wir lernen nicht dazu. Weil wir uns das Lernen verboten haben.
Die deutsche Angst vor Fehlern – eine Lernverweigerung
Das Ganze hat System. Politische Akteure haben in Deutschland alles zu verlieren, wenn sie dem nationalen Ideal der Fehlerfreiheit nicht entsprechen. Ein Irrtum kann im Nu die Karriere kosten. Nach dem Stromausfall in Berlin zu Beginn des Jahres diskutierten die Zeitungen und Nachrichtensender nicht über die Hintergründe, über das Schicksal der Betroffenen oder über die bemerkenswerte Nachbarschaftshilfe über den eigenen Kiez hinaus, wo Zusammenhalt sonst wohl eher Fremdwort ist.
Stattdessen drehte sich alles um eine Frage: War Bürgermeister Kai Wegner (CDU) noch der richtige Mann am Ruder? Schließlich hatte er am besagten Tag eine Stunde Tennis gespielt, bevor er sich ins Büro zurückgezogen hatte, um das Problem zu lösen. Dass schon ein harmloser Wochenendsport Politiker zur Zielscheibe der öffentlichen Kritik macht, offenbart, wie die Fixierung auf Fehlerfreiheit selbst Banalitäten zu Skandalen aufbläht.
Das Einzige, was man aus dieser Kultur der Null-Fehler-Toleranz in Deutschland zu lernen scheint, ist, wie man sich unschuldig entschuldigt: "Es tut mir leid, wenn sich jemand verletzt fühlt". Kurz: Sorry, not sorry. Verantwortung wird elegant verschoben, die Angst vor dem eigenen Fehler auf die Wahrnehmung anderer projiziert. Im Grunde ein Meisterstück kalkulierter Selbstverteidigung.
Aus dieser Angst vor Fehlern entsteht etwas, das viel heikler ist als der deutsche Perfektionsfetisch: eine Kultur der Unkritisierbarkeit. Das Ausbleiben demokratischer Selbstkorrektur. Oder, etwas zugespitzter formuliert: Lernverweigerung.