Sport
Das Pfarrerehepaar Marcus und Bettina Roth-Tyburski lebt und arbeitet in Japan – und wäre fast bei den Olympischen Spielen dabei gewesen. Nicht nur als Zuschauer, sondern auch seelsorgerisch. Warum es nicht dazu kam, erzählen sie im Gespräch mit dem Sonntagsblatt.
Die olympischen Ringe.

Bettina Roth-Tyburski und Marcus Tyburski leben in Japan. Das Pfarrerehepaar aus Westfalen arbeitet in der deutschen evangelischen Kirchengemeinde Tokyo-Yokohama. Eigentlich hatten sich die beiden auf die Olympischen Spiele in Tokyo gefreut – doch wegen Corona ist nun alles anders. Dabei hatte es auch schon vor der Pandemie starke Bedenken gegen die Spiele in Japan gegeben, wie sie im Sonntagsblatt-Interview erzählen. Außerdem sprechen sie über Seelsorge bei Sportler*innen, die aktuelle Stimmung in Japan und ihr eigenes Bild von Olympia. 

Sie sind jetzt in Deutschland, waren bis vor kurzem aber noch in Tokyo, richtig?

Marcus Tyburski: Genau. Wir sind Anfang Juli hierher geflogen. Und jetzt hat sich ja tatsächlich auch herausgestellt, dass gar niemand mehr an der Olympiade teilnehmen kann. Sei es als Zuschauer, sei es als Seelsorger. Das ist sehr schade.

Wären Sie sonst dabei gewesen?

Bettina Roth-Tyburski: Ja, wir hätten Karten gehabt. Wir hatten das Glück, sowohl für Beachvolleyball als auch für Kanu und auch für Hockey Karten zu bekommen. Außerdem war geplant, dass wir mit den evangelischen und katholischen Seelsorgerinnen und Seelsorgern zusammenarbeiten. Das ist natürlich doppelt hart.

Wie haben Sie denn die Stimmung in Tokio wahrgenommen, bevor Sie abgereist sind? War da  Vorfreude auf die Olympischen Spiele zu spüren?

Bettina Roth-Tyburski: Von Vorfreude kann man wirklich nicht mehr sprechen. Überhaupt stand die Bevölkerung nicht zu 100 Prozent hinter den Olympischen Spielen, auch vor Corona nicht. Die Bevölkerung war seit Beginn der Pandemie zum Großteil dagegen. Und das hat man auch gemerkt: Die ganzen Fanartikel liegen immer noch in den Shops.

Marcus Tyburski: Begeisterung war nicht zu spüren. Selbst nicht am Olympiastadion. Wir waren noch kurz vorher da. Da gibt's so ein kleines Museum auch über die Entwicklung der olympischen Idee. Da gibt's ein paar Vereinzelte. Aber eigentlich ist es eine große Enttäuschung und Trauer darüber, dass diese Spiele jetzt ohne Zuschauer und unter diesen Bedingungen doch durchgezogen werden.

Können Sie das nachvollziehen?

Marcus Tyburski: Ich muss ehrlich sagen, wenn ich die Äußerungen von IOC-Chef Thomas Bach höre: 'Wir lassen euch Athleten nicht alleine. Wir sorgen für sichere Spiele' – das ist für mich kaum auszuhalten. Das IOC trägt keinerlei finanzielles Risiko, Japan ächzt und stöhnt, die Milliardenverluste türmen sich, auch durch die Absage der Zuschauer.

Bettina Roth-Tyburski: Ich habe leider auch gar keine Lust mehr drauf. Selbst wenn es möglich gewesen wäre, live zuzuschauen. Trotzdem wäre es ja gar nicht die Atmosphäre gewesen. Auf dem Weg zum Stadion darf man weder essen noch trinken, geschweige denn dort. Und das Ganze lebt ja eben davon, dass es ein Fest ist.

Hat sich Ihr eigenes Bild von Olympia durch die gesamte Situation eigentlich verändert?

Marcus Tyburski: Olympia war bei mir immer positiv besetzt. Aber spätestens jetzt, mit diesen unvernünftigen gesundheitlichen Entscheidungen, ist das leider auch gestorben. Jetzt bestimmt der Kommerz die Gesundheit.

Bettina Roth-Tyburski: Das Interessante ist ja auch, dass im Vorhinein, bevor über überhaupt irgendjemand an Corona denken konnte, da ging es ja eigentlich vor allem immer um die Sommertemperaturen. Wir haben hier bei einer sehr hohen Luftfeuchtigkeit weit über 30 Grad. Wie kann man denn nur im Sommer Olympia da durchführen? In Tokyo? Das geht doch gar nicht, wenn man die Gesundheit der Athletinnen und Besucher im Blick hat.

Wo hätten Sie denn bei einer seelsorgerischen Begleitung den Schwerpunkt gesetzt?

Marcus Tyburski: Thomas Weber, der die deutschen Olympia-Teams seit 2006 für die evangelische Kirche begleitet, hat uns gesagt, man dürfe nicht erwarten, dass die Sportlerinnen und Sportler uns da die Bude einrennen.

Bettina Roth-Tyburski: Für uns wäre es ja auch erste Begegnung gewesen. Wir haben mit Thomas Weber Kontakt aufgenommen und ihm ein paar Ideen erzählt. In unserer Vorstellung wäre das etwa so wie beim Kirchentag gewesen, das heißt, wir machen einen Kaffee, die können vorbeikommen. Und er sagte: Das wollen die Leute nicht. Wir hatten dann gedacht, okay, wenn's gut läuft, können wir gemeinsam im Deutschen Haus einen ökumenischen Gottesdienst feiern.

Gerade in einer Situation wie jetzt, wo die Sportlerinnen und Sportler in einer Blase da sein werden, wäre es wahrscheinlich gut, wenn Sie jemand hätten, mit dem Sie über andere Dinge sprechen können, als nur über Wettkämpfe.

Marcus Tyburski: Genau. Und da wird es spannend zu sehen, ob so ein digitales Angebot auch eine Möglichkeit ist. Gerade, wenn dann eine Begleitung vor Ort fehlt.

Das Auslands-Pfarrerehepaar Bettina Roth-Tyburski und Marcus Tyburski

Pfarrerehepaar Bettina Roth-Tyburski und Marcus Tyburski

Nach 14 Jahren Gemeindearbeit in Nordrhein-Westfalen arbeitet das Ehepaar seit 2018 Jahr in Tokio-Yokohama in der deutschen Kirchengemeinde, die rund 120 Mitglieder zählt. Der Arbeitsalltag des Pfarrehepaars umfasst Gottesdienste, Schulunterricht, die Begleitung deutschsprachige Touristen, die in Japan erkranken oder Konfirmationsunterricht.

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