Wenn es den Weltkirchenrat, auch Ökumenischer Rat der Kirchen, nicht schon gäbe, dann müsste man ihn dringend erfinden. Das habe ich mir in den letzten Wochen, Monaten und Jahren oft gedacht, als ich für diese in Deutschland noch viel zu wenig bekannte Institution in der Welt unterwegs war. Mit seinen 356 protestantischen, orthodoxen und anglikanischen Kirchen aus 120 Ländern mit 600 Millionen Mitgliedern ist der Weltkirchenrat eine Gemeinschaft von Kirchen, die gerade jetzt gefragt ist. Wenn es so ist, wie Bundespräsident Steinmeier es einmal in einer Rede gesagt hat, dass die Welt "aus den Fugen geraten" ist, dann kann die Antwort darauf nur eine weltweite sein. Ob es der Klimawandel ist, die immer umfassendere weltweite Aufrüstung, die globale Monopolmacht der Datenkonzerne oder die extremen Gegensätze zwischen arm und reich – angesichts der starken weltweiten Vernetzung können Antworten auf diese Herausforderungen nur weltweit gefunden werden.
Wenn ich bei unseren Sitzungen mit Menschen aus allen Kontinenten zusammensitze, dann begegnen mir völlig unterschiedliche Kontexte mit jeweils sehr unterschiedlichen Erfahrungswelten. In einer Welt, in der die Spaltungen, nicht zuletzt durch die polarisierende Wirkung der Internet-Algorithmen, immer mehr zunehmen, begegnet mir in der Arbeit des Weltkirchenrats ein Gegenbild, das mir Hoffnung macht. Es strahlt etwas von dem "Salz der Erde" und dem "Licht der Welt" aus, von dem Jesus spricht.
Weltkirchenrat trifft Entscheidungen im Konsens
Dass fast alle Entscheidungen, die wir treffen, im Konsens getroffen werden, ist für mich jedenfalls immer wieder ein ökumenisches Wunder. Nach harten Debatten mit Menschen, die sich wegen ihrer völlig unterschiedlichen historischen und kulturellen Hintergründe eigentlich irgendwann nichts mehr zu sagen haben würden, erlebe ich hier etwas anderes. Das im Weltkirchenrat praktizierte Konsensprinzip kennt zwei Karten: eine blaue Karte (kalt, Widerspruch) und eine orangene Karte (warm, Zustimmung). Wenn ich die Sitzung leite, bitte ich manchmal bei Diskussionen um einen Beschluss zwischendrin darum, die Karten zu zeigen.
Wenn ich blaue Karten sehe, bekommen die Leute, die sie zeigen, das Mikrophon und sollen sagen, wo ihr Problem liegt. Alle hören zu. Und zwar nicht nur, um dem Formalprinzip zu genügen, sondern weil sie wirklich wissen wollen, warum die anderen nicht zustimmen können. Es ist nicht nur ein Entscheidungsverfahren, sondern eine Kultur. Manchmal gehen wir in mehreren Runden hin und her. Die Dissense an einzelnen Punkten werden zu Protokoll genommen. Das ökumenische Wunder ist, dass wir am Ende unserer Sitzungen fast immer nur noch orange Karten sehen. Wer spürt, dass er oder sie gesehen und ernst genommen wird, öffnet sich der Gemeinschaft. Und trägt auch Entscheidungen mit, bei denen er oder sie nicht jeden Einzelpunkt selbst so formulieren würde. Die Einheit in Christus ist stärker als die Spaltungen, die wir in der Welt erleben.
Was die Welt jetzt braucht, ist ein klares christliches Zeugnis. Der dringlichste Grund dafür ist der offenbar gewordene Missbrauch der christlichen Religion zur Legitimierung politischer Handlungen, die in tiefem Widerspruch zu grundlegenden biblisch fundierten Orientierungen stehen. Während wir in der jüngeren Geschichte schon seit geraumer Zeit islamistische Regime kennen, die die Religion des Islam für ihre fundamentalistischen politischen Zwecke instrumentalisiert haben, hat die Instrumentalisierung der christlichen Religion für politische Zwecke, die in tiefem Widerspruch zu ihren grundlegenden Orientierungen stehen, ein neues Ausmaß erreicht.
Derzeit sehen wir, wie die Führungen der beiden alten Supermächte Russland und USA das Christentum skrupellos missbrauchen, um Unterstützung für ihre politische Agenda zu gewinnen. Der Weltkirchenrat hat hier klaren Einspruch erhoben. Schon die Erklärung der ÖRK-Vollversammlung 2022 in Karlsruhe, die bemerkenswerterweise auch die russisch-orthodoxen Delegierten mitgetragen haben, verurteilt die russische Invasion als "illegal und nicht zu rechtfertigen" und beklagt das erschreckende Maß an Tod, Zerstörung und Vertreibung, die sie verursacht hat. Bemerkenswert in der Erklärung ist die klare Kritik am Missbrauch von Religion zur Rechtfertigung des Krieges: Wir "lehnen jeden Missbrauch religiöser Sprache und religiöser Autorität zur Rechtfertigung bewaffneter Angriffe und von Hass ab."
Christliche Religionen dürfen nicht missbraucht werden
Ein ähnlicher Missbrauch der christlichen Religion ist in den USA zu beobachten, wo, insbesondere die "christlichen Nationalisten" die Bibel und christliche Rhetorik für ihre politischen Zwecke instrumentalisieren. Deswegen weist es der ÖRK-Exekutivausschuss bei seiner Sitzung im Juni 2026 zurück, wenn "irreführende und unverantwortliche Theologien eingesetzt werden, um Krieg zu rechtfertigen, gegnerische Parteien zu entmenschlichen oder zu religiösem Nationalismus und Extremismus zu ermuntern."
Der klare Widerspruch gegen solchen Missbrauch von Religion hat auch eine missionarische Dimension. Wer wird uns all unsere Worte über die Kraft des christlichen Glaubens, über selbstlose Liebe, über Empathie, über Demut, über Friedensstiftung als Formen des Zeugnisses für unseren Herrn Jesus Christus glauben, wenn wir als Kirchen diese Missbräuche unserer Religion, die den Namen Christi in den Schmutz ziehen, nicht mit klaren Worten ansprechen und zurückweisen?!
Der Missbrauch der Religion war auch ein Thema, als der Generalsekretär, die Vizemoderatoren und ich am 28. Februar Papst Leo XIV. besuchten. Es war der Morgen nach dem Beginn der Angriffe auf den Iran. Auf dem Weg zu unserem Treffen in der päpstlichen Bibliothek verfolgten wir alle die neuesten Nachrichten über die Ereignisse der Nacht. Wir sprachen mit dem Papst über die Geschehnisse und über unsere Berufung als Kirchen in diesem historischen Moment.
Über jede Verurteilung des unterdrückerischen iranischen Regimes hinaus bekräftigten wir, dass massive Bombardements mit all ihren Eskalationsrisiken nicht der Weg zu einem friedlichen Zusammenleben in der Zukunft seien. Die starke Übereinstimmung, die wir spürten, war eine Erfahrung der "Ökumene des Herzens", die unser Einheitsdokument der Karlsruher Versammlung 2022 in den Mittelpunkt unserer ökumenischen Vision stellt.
Große Übereinstimmung in Friedensfragen
Es ist ein gutes ökumenisches Zeichen, dass wir als ÖRK nicht nur in Friedensfragen große Übereinstimmung mit Papst Leo finden, sondern auch in einer Frage, die für die Zukunft der Menschheit von entscheidender Bedeutung sein wird. Seit geraumer Zeit befassen wir uns im Weltkirchenrat intensiv mit den ethischen Dimensionen der Künstlichen Intelligenz. Wahrscheinlich haben wir noch nie zuvor in der Geschichte einen so raschen Wandel in so kurzer Zeit erlebt.
Der französische Soziologe Émile Durkheim verwendete den Begriff "Anomie", als er die Situation am Ende des 19. Jahrhunderts beschrieb, nach einem Jahrhundert rascher Veränderungen durch eine industrielle Revolution, wie sie die Menschheit zuvor noch nie erlebt hatte. "Anomie" bedeutet "Regellosigkeit". Die Gesellschaft – so Durkheim – habe einen tiefgreifenden Wandel erlebt, der so rasant verlief, dass die Regeln für einen verantwortungsvollen Umgang damit nicht mit der Geschwindigkeit dieses Wandels Schritt halten konnten.
Ich bin überzeugt, dass Durkheims Diagnose auf unsere heutige Situation noch viel drastischer zutrifft. Wir leben in einem Zeitalter der Anomie in einem bisher nie dagewesenen Ausmaß. Mit der Digitalisierung und der KI als ihrer revolutionärsten Folge erleben wir einen grundlegenden gesellschaftlichen Wandel nicht im Laufe eines Jahrhunderts, sondern im Laufe eines Jahrzehnts.
Wir haben den steilen Aufstieg von Datenkonzernen erlebt, die den Charakter von Monopolen angenommen haben. Durch ihre Steuerung von Algorithmen haben sie eine enorme Macht entwickelt, nicht nur über die Kommunikationsmuster eines großen Teils der Menschheit, sondern auch über das Wissen, das die verschiedenen Bereiche von Wirtschaft und Gesellschaft antreibt. Ihre engen Verbindungen zur politischen Macht führen zu einer Machtkonzentration in den Händen einiger weniger, wie wir sie in der Geschichte wahrscheinlich noch nie gesehen haben und die eine wachsende Bedrohung für die Demokratie darstellt.
Enzyklika von Papst Leo XIV. zum Thema KI
Angesichts dieser Herausforderung begrüße ich umso mehr die jüngste Enzyklika von Papst Leo XIV. zum Thema KI, die am 25. Mai unter dem Titel "Magnifica Humanitas" (lateinisch für "Die großartige Menschheit") veröffentlicht wurde. Der Papst fordert die Schaffung wirksamer Mechanismen zum Schutz der Freiheit und der Menschenwürde vor Datenkonzernen, deren Monopolmacht mittlerweile praktisch unkontrollierbar ist.
Wenn es um künstliche Intelligenz geht, steht auf dem Spiel, wie wir unser Menschsein verstehen. Der Papst bekräftigt, dass KI den Menschen nachahmen und simulieren kann, aber kein moralisches Gewissen, keine Empathie und keine affektiven, relationalen oder spirituellen Fähigkeiten besitzt.
Auf einer Linie mit dem Weltkirchenrat betont der Papst die menschliche Verpflichtung zu Verantwortung und Rechenschaftspflicht in jeder Phase des Entwicklungsprozesses und legt den Schwerpunkt auf angemessene KI-Richtlinien und rechtliche Rahmenbedingungen, unabhängige Aufsicht sowie die Aufklärung der Nutzer. Die gründliche anthropologische Reflexion der Enzyklika zeigt, dass die Kirchen mit ihrem reichen Schatz an anthropologischer Reflexion hier etwas Wichtiges zu sagen haben. Papst Leo gibt dieser Diskussion nun einen starken Impuls, der hoffentlich eine ebenso große Wirkung auf die weltweite Öffentlichkeit haben wird wie Papst Franziskus’ Enzyklika Laudato Si’ zum Thema Ökologie.
Weltkirchenrat hat Erklärung zur Nutzung von KI unterzeichnet
Vor wenigen Tagen hat der Weltkirchenrat eine Erklärung zur Nutzung von KI in der Kriegsführung unterzeichnet, in der Technologieunternehmen und Staaten aufgefordert werden, den Einsatz von KI-Systemen in militärischen "Kill Chains" einzustellen, darunter KI-Entscheidungshilfesysteme, Zielgenerierungssysteme, biometrische Fernüberwachung sowie multimodale KI-Modelle wie große Sprachmodelle.
Ich bin fest davon überzeugt, dass die Kirchen bei den Bemühungen um ethische Rahmensetzungen für die Nutzung künstlicher Intelligenz eine entscheidende Rolle spielen müssen. Mehrere Milliarden Menschen auf dieser Erde sind Mitglieder von Kirchen und Religionsgemeinschaften.
Es gibt wahrscheinlich keine andere Gruppe von Menschen, die ein ähnliches Potenzial hätte, die globale Reaktion auf KI zu fördern, die wir so dringend brauchen. Die Kirchen sind überall auf der Welt lokal verwurzelt, von den großen Metropolen in den städtischen Gebieten bis hin zu den kleinsten Dörfern im Regenwald, und gleichzeitig sind sie in einem globalen Glaubenshorizont vereint.
Das sind beste Voraussetzungen, Zeugnis für das zu geben, was als Motto über Karlsruher Vollversammlung von 2022 stand: "Die Liebe Christi bewegt, versöhnt und eint die Welt."
Gemeinsame Erklärung zur künstlichen Intelligenz in der Kriegsführung
Die globale Erklärung zur Nutzung von KI wurde von mehr als 100 Organisationen unterzeichnet. Die gesamte Erklärung ist bei der Plattform accessnow am 15. Uni veröffentlicht worden und unter diesem Link zu finden.
In den ersten beiden Absätzen heißt es:
"Wir, die unterzeichnenden Organisationen und Einzelpersonen, sind zutiefst besorgt über die rasante Militarisierung von Technologien der künstlichen Intelligenz (KI). In militärische "Kill Chains" eingebettete KI-Systeme beschleunigen die Geschwindigkeit und das Ausmaß militärischer Angriffe in einer Weise, die erhebliche neue Risiken für die Rechenschaftspflicht in Konflikten mit sich bringt und die Gefahr birgt, Verstöße gegen das Völkerstrafrecht, die Menschenrechte und das humanitäre Völkerrecht zu begünstigen.
Wir fordern daher Technologieunternehmen und Staaten auf, die Bereitstellung von KI-Systemen für den Einsatz in militärischen "Kill Chains" einzustellen und alle notwendigen Maßnahmen zu ergreifen, um sicherzustellen, dass andere von ihnen bereitgestellte KI-Systeme keine Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht (IHL) und die internationalen Menschenrechtsnormen (IHRL) verursachen oder dazu beitragen.
Dazu gehört der Einsatz von KI-Entscheidungsunterstützungssystemen, einschließlich Zielgenerierungssystemen, biometrischer Fernüberwachung und multimodaler KI-Modelle, darunter auch große Sprachmodelle (LLMs). KI-beschleunigte Kriegsführung entwickelt sich rasch zu einem Mittel, das das Töten in großem Umfang und mit hoher Geschwindigkeit automatisiert, und derzeit gibt es keine technischen oder verfahrenstechnischen Lösungen, die die tödlichen und verheerenden Folgen, die sich aus den grundlegenden Herausforderungen für das Völkerrecht ergeben, wirksam verhindern können.
Alle Unternehmen, einschließlich derer, die entlang der gesamten KI-Lieferkette Verträge mit staatlichen Militärbehörden abschließen – von der Lizenzierung und dem Training von "Pionier"-Modellen bis hin zur Bereitstellung von Funktionen zur Datenverarbeitung und -speicherung –, müssen alle möglichen Maßnahmen ergreifen, um sicherzustellen, dass ihre Produkte und Dienstleistungen keine Menschenrechtsverletzungen und internationalen Verbrechen verursachen, dazu beitragen oder in direktem Zusammenhang damit stehen.
In bewaffneten Konflikten erstreckt sich diese Verantwortung auch auf die Einhaltung des humanitären Völkerrechts und des internationalen Strafrechts, da in solchen Kontexten ein erhöhtes Risiko besteht, schwere Menschenrechtsverletzungen – einschließlich schwerwiegender Verstöße gegen das Völkerrecht – zu begünstigen. Wenn Unternehmen solche Risiken nicht wirksam verhindern oder mindern können, dürfen sie solche Verträge weder abschließen noch erfüllen."
(Übersetzt mit Deepl)
Veranstaltung mit Bedford-Strohm
Das Forum Kirche & SPD lädt ein zu einem Abendtermin mit Bedford-Strohm.
Veranstaltungsort: Olympiakirche, Helene-Mayer-Ring 25, 80809 München
18:00 Uhr: Möglichkeit zur Begegnung und zum persönlichen Gespräch mit unserem ehemaligen Landesbischof Prof. Dr. Heinrich Bedford-Strohm
18:30 Uhr: Beginn der Veranstaltung
Es folgt ein Referat des Gasts mit einem anschließenden moderierten Gespräch, inklusive Möglichkeit der Diskussion.
20:00 Uhr: Ende der Veranstaltung
Anmeldung: katja.weitzel@bayernspd-landtag.de